BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

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Freitag, 9. Mai 2014

Anwohner oder Einwohner? - Brunsbüttler über Frenssen

Während man auf der Webseite der Kreisstadt Heide vergeblich transparente Informationen in Form von Protokollen über Sitzungen der einzelnen Ausschüsse und der Ratsversammlungen sucht (Das "Bürgerinformationssystem" ist seit etlichen Monaten abgeschaltet), kann man sich auf den Seiten von der Stadt Brunsbüttel detailiert informieren:  
 http://www.brunsbuettel.de/Rathaus/Politik/Textrecherche/
So findet man mit der Sucheingabe "Frenssen" etwa ein Protokoll der "Anwohnerversammlung" vom 12. März 2014 (Direktlink). Hier findet sich eine Reihe von Eingaben von Anwesenden, von denen viele bemüht waren, Frenssens Rolle im Nationalsozialismus zu verharmlosen. Wenngleich ein Protokoll nicht immer die nötige Exaktheit besitzt, so spürt man doch schon sehr den "Geist", der bei einigen auf der Versammlung herrschte:

"Ein weiterer Teilnehmer geht auf die zu Frenssens Zeit herrschende Eugenik und auf die heutigen medizinischen Vorgehensweisen ein, insbesondere auf heutige pränatale Untersuchungsmethoden und deren Auswirkungen."
 Hier stellt sich die Frage, was denn "Frenssens Zeit" ist. Sind es die Jahre 1933-1945? Dann wurde hier, wie auch die "Norddeutsche Rundschau" berichtete nichts weniger versucht, als den Mord an Kranken, Behinderten und "Asozialen" in der NS-Zeit zu verharmlosen. Der Vergleich mit Pränataldiagnostik und Abtreibungsgesetzgebung hinkt gewaltig. 
"Ein Teilnehmer fügt hinzu, dass er die kritische Auseinandersetzung mit Gustav Frenssen für äußerst richtig halte, listet dann aber eine Reihe von Namen von politischen Bekanntheiten auf, die in der Nachkriegszeit ebenfalls fremdenfeindliche Äußerungen getätigt haben. Er warnt vor blindem Aktionismus und hält die Umbenennung für zu überzogen. Die Deutschen setzten sich schon genügend mit ihrer dunklen Vergangenheit auseinander."
 Auch dieser Redner war sich offenbar nicht bewusst, in welchem Maße Gustav Frenssen lange vor der NS-Zeit und bis zu seinem Tod kurz vor Kriegsende 1945 öffentlich und in seinen Schriften für radikel Maßnahmen der Euthanasie in Form von Massenmord eingetreten ist. Bei Frenssen geht es nicht um den beklagenswerten Alltagsrassismus oder Chauvinismus gegenüber Zuwanderern und Ausländern, sondern um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 
 "Daraufhin bringt ein weiterer Teilnehmer das Zitat „Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing“ und möchte damit verdeutlichen, dass Frenssen einer von vielen Persönlichkeiten Deutschlands gewesen ist, die dem Nationalsozialismus gewiss nicht ganz freiwillig beigetreten sind."
 Auch dieser Diskutant war schlecht informiert. Gustav Frenssen schreibt in seinem "Lebensbericht" (1940) dazu: 
"Zuletzt, Anfang 1930 - wie ein Brief an Heinrich Eckmann besagt -, da die Sorge und Not rund um mich stieg, fing auch ich an, zu glauben. [...] Da ich, nach meiner Weise, mich und meinen Namen nicht wichtig nahm, tat ich mein Bekenntnis zur Partei nicht der Presse kund; aber ich trat mit dem Stimmzettel und innerhalb meines Verkehrs mit Wort und Brief für sie ein. Anfang April 1932, antwortete ich dem sogenannten "Hindenburg-Komitee", [...] daß ich [...]  in beiden Wahlgängen für Hitler stimmte." (S. 315)
1930, bzw. 1932 hatte man noch die Wahl, bald nach 1933 nicht mehr.

"Anwohner" oder "Teilnehmer" - Wieso wurde das Protokoll verändert?

Interessant ist, dass das oben zitierte öffentlich zugängliche Protokoll offensichtlich noch einmal bearbeitet wurde. In einer Version, die noch vor wenigen Wochen abrufbar war, stand jeweils "Anwohner" oder "Besucher", wenn ein Diskutant zitiert wurde. Ingesamt wurden dabei 5 Personen als "Besucher", 8 als "Anwohner" bezeichnet. Nun sind es alles "Teilnehmer". Eine wahrscheinliche Erklärung dafür findet sich in einem anderen zugänglichen Dokument, dem Protokoll der 9. Sitzung des Bildungs- und Kulturausschusses vom 09. April 2014 (Direktlink). Der Modus und der Ablauf der Einwohner-/Anwohnerversammlung war eines der zentralen Themen der Sitzung. Die Ausschussmitglieder beklagten sich wohl zurecht, dass man letztlich, trotz Bürgerbeteiligung und Meinungserhebung (43:2 für den Verbleib der Frenssen-Straße) nicht schlauer war, denn:
"Frau Jebens moniert, dass aus ihrer Sicht das Protokoll der Anwohnerversammlung nicht richtig sei, weil laut Presse und Bürgermeister es eine öffentliche Einwohnerversammlung und nicht eine Anwohnerversammlung war. [...] Weiterhin wurden in dem Protokoll Aussagen aufgenommen, welche von Einwohnern erfolgt sind, aber im Protokoll steht, dass die von Anwohnern getätigt wurden."
Dass es sich also tatsächlich um eine öffentliche Veranstaltung handelte, in der nicht ausschließlich Anwohner, sondern auch allerlei "Besucher" anwesend waren, macht die Sache problematisch: Wie kann man mit einem Votum, das zu einem nicht bestimmbaren Teil mit den Stimmen von "Auswärtigen" - womöglich nicht einmal Brunsbüttlern - zustande kam, während ein erheblicher Teil der Wohnbevölkerung nicht anwesend war, eine Entscheidung begründen?
Man überlegte deshalb, ob "dem Vorschlag der Verwaltung nachgegangen werden soll mit einer Einwohnerversammlung und Internet als Forum." Dass eine  Meinungsbildung im Internet oft in einer „Schmutzkampagne“ münde und, wie Jens Binckebanck meinte, "unangenehme Seiten zum Vorschein bringen werde" bewog dazu, den Vorschlag abzulehnen.

Dass ausgerechnet Frau Jebens (FDP) bei der abschließenden Abstimmung über den Straßennamen für dessen Beibehaltung eintrat und sich dabei auf das Meinungsbild der Bürgerversammlung berief muss Wunder nehmen. Hatte sie laut zitiertem Protokoll doch dessen Aussagekraft erheblich in Frage gestellt. 
Das ganze Geschehen ist ein Appell für die Verantwortlichkeit gewählter Vertreter, die sachlich und frei von Populismus, Stimmungen und Verdrehung von Fakten, über eine Sache entscheiden, weil nämlich ein vermeintlich "demokratisches Votum" durch Unwissenheit und Befangenheit demokratische und freiheitliche Werte infrage stellen würde, hätte es einen nationalsozialistischen "Schreibtisch-Täter" wie Gustav Frenssen in Ehren belassen.

Donnerstag, 17. April 2014

"Denkmäler für Rassenhygieniker" - Lesermeinung in der DLZ zur Eugenik (16.04.2014)

Gestern fanden die Leser der "Dithmarscher Landeszeitung" (vom 16.04.2014) wieder einmal einen besonders interessanten Leserbrief vor. Es entspricht zwar der Berufsethik der Presse durch Leserbriefe auch solche Meinungen zu veröffentlichen, die man nicht teilt und ein ausgewogenes Meinungsbild - auch durch Einreichungen Dritter (Leserbriefe) - herzustellen. Aber gerade in der Frenssen-Debatte waren zumindest die Beiträge von Leuten, die offenbar keinen Handlungsbedarf gegenüber einen nationalsozialistischen Schriftsteller sahen nicht selten von rechtslastigen, bis rechtsextremen Untertönen begleitet, die auch wahrheitswidrige, schmähende und ehrverletztende Behauptungen enthielten. 
Nun also eine Lesermeinung von Hubert H. aus Dingerdonn, in der sich der Schreiber bunt mit dem Beschluss des Brunsbüttler Bildungs- und Kulturausschusses auseinandersetzt, der beschlossen hatte, die örtliche Gustav-Frenssen-Straße umzubenennen. Unter der Überschrift "Penetrante Hysterie" fordert der Schreiber dazu auf, im Internet einmal nachzulesen
"... unter dem Stichwort Eugenik [.], wer im Ausland (USA, Britisches Königreich, Kanada) der sogenannten Rassenhygiene anhing. In den genannten Staaten hat man diesen Leuten Denkmale gesetzt, in Deutschland werden solche Personen als "nicht tragbar" erklärt."
Uff. Der Einfachheit halber sei jetzt nur auf den Wikipedia-Artikel verwiesen, und: Ja, man findet nicht gerade unbekannte Namen von Personen der zweiten Hälfte des 19. und ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts unter denen, die eugenische Ideen vertraten. Da war zum Beispiel der Schotte Alexander Graham Bell (1847-1922). Der Erfinder des Telefons glaubte, dass durch Eheverbote und Sterilisationen Taubheit, die er als Gefahr für die Menschheit - und wohl auch für sein Telefon - betrachtet ausgerottet werden könnte und sollte. Die bittere Ironie an dieser Geschichte ist, dass Bell's Frau Mabel seit frühester Kindheit taub war.
Der Engländer Winston Churchill (1874-1965), "Jahrhundert-Premierminister" von Großbritannien in den Jahren des Kampfes gegen Nazi-Deutschland, in dem 10.000e Behinderte ermordet wurden, soll in "Geistesschwachen" eine Bedrohung für Wohlstand, Vitalität und Kraft der britischen Gesellschaft gesehen haben und trat für ihre Segregation und Sterilisierung ein.
Churchill, Bell und auch der irische Literaturnobelpreisträger George Bernhard Shaw (1856-1950), der eine staatliche Förderung der Reproduktion forderte, verdienen für ihre Leistungen in Politik, Wissenschaft und Kunst sicherlich Anerkennung. Für ihre eugenischen Vorstellungen hat man ihnen dagegen kein Denkmal gesetzt. Ist Gustav Frenssen mit diesen vergleichbar? Verdient er einen Straßennamen trotz - oder etwa, wie es im Leserbrief erscheinen könnte sogar wegen - seines Eintretens für Eugenik? 

Sicher nicht. Churchill, Bell, Shaw und andere mögen - wie in der Tat nicht wenige - von Ideen, die der Mendelschen Vererbungslehre und der Darwinschen Evolutionstheorie entlehnt und 1 zu 1 auf den Menschen übertragen worden waren dazu hingerissen worden sein, den Menschen ausschließlich unter dem Aspekt der "Nützlichkeit" ("Nutztier Mensch") zu betrachten. Außerdem waren sie von der Furcht der britischen "Upper Class" getrieben, die hohe Geburtenrate der Mittel- und Unterschicht, würde Bildung und Wohlstand der Gesellschaft langfristig in Frage stellen, da sie kaum an die Macht und Möglichkeiten eines funktionierenden Bildungssystems glaubten (Sozialdarwinismus).
Gustav Frenssen - und mit ihm die Nazis - gingen bekanntermaßen weiter, in dem sie nicht nur die "Verhütung Erbkranken Nachwuchses" betrieben, sondern jeden, der politisch, rassisch, ideologisch nicht in ihr Weltbild passte ausrotten ließen, also Eugenik mit (Zwangs)Euthanasie verbanden. Das hat Gustav Frenssen so schon Mitte der 1920er Jahre gefordert und zuletzt 1942 - als es bereits betrieben wurde - wiederholt. Ein Denkmal also für einen Mann, der "Diebe", "Herumstreicher" und "Volkfeinde" töten, "ausrotten" lassen wollte?

Eugenik, wenn auch durch den Nationalsozialismus weitgehend diskreditiert, war durch Gesetze, die etwa Zwangssterilisationen erlaubten, noch lange nach 1945 in der Schweiz und in Skandinavien (v.a. Schweden) präsent, wo Gesetze aus den 1920er und 1930er Jahren erst in den 60er und 70er Jahren außer Kraft gesetzt wurden.
Auf der Anwohnerversammlung zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Brunsbüttel ging ein Anwohner "auf die zu Fressens Zeit herrschende Eugenik und auf die heutigen medizinischen Vorgehensweisen ein, insbesondere auf heutige pränatale Untersuchungsmethoden und deren Auswirkungen." (Laut Protokoll der Sitzung vom 12.03.2014; unter: http://www.sitzungsdienst-brunsbuettel.de/bi2/to020.asp?TOLFDNR=13272&options=4#searchword)
Auch hier mischt sich richtiges mit falschem, und nichts davon taugt zur Entschuldigung Frenssen: Es ist zwar richtig, dass es in § 218a StGB, Abs. 2 etwa heißt, dass ein Schwangerschaftabruch "nach ärztlicher Erkenntnis angezeigt" und zu jedem Zeitpunkt der Schwangerschaft erlaubt ist,
"...um eine Gefahr für das Leben oder die Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren abzuwenden, und die Gefahr nicht auf eine andere für sie zumutbare Weise abgewendet werden kann."
Darunter fallen in der Praxis natürlich auch die Fälle, in denen etwa eine durch Pränataldiagnostik gewonnene Wahrscheinlichkeit besteht, ein behindertes Kind zur Welt zu bringen. Welcher Art und in welchem Grad die Behinderung - womöglich - vorliegt ist, ist dem Gesetz nach nicht beschrieben, da es ausschließlich um die Beeinträchtigung der Schwangeren geht. Es bleibt also letztlich jeder Schwangeren für sich selbst überlassen - nicht etwa dem Staat oder einer Kontrollkommission von Ärzten, wie es den Rassehygienikern vorschwebte -, ob sie sich 1. überhaupt in die Hände der Pränataldiagnostik begibt, die Schwangerschaftsrisiken mit sich bringen kann, und 2. ob sie - auch nur anhand einer Wahrscheinlichkeit - bespielsweise ein Kind mit Downsyndrom (Trisomie21) zur Welt bringen möchte. Was da als zu- oder unzumutbar gilt, ist jedem selbst überlassen. Zudem ist es so, dass von den rund 102.802 Abbrüchen jedes Jahr nur gut 3,6% (3.703) unter diesen Absatz falle. Der übergroße Teil findet nach Abs. 1 in den ersten 12 Schwangerschaftswochen statt, mehr als 2/3 davon innerhalb der ersten 9 Wochen, so dass die Frage der Gesundheit des Kindes dabei fast keine Rolle spielen dürfte. Daher kann im Grunde nicht von Eugenik in der Schwangerschaft gesprochen werden (Siehe Statistik unter www.gbe-bund.de).

Freitag, 11. April 2014

Brunsbüttel: Bildungsausschuß will Umbenennung

Auch in Brunsbüttel werden die Weichen gestellt: Der Bildungs- und Kulturausschuss der Schleusenstadt hat auf seiner Sitzung am Mittwochabend (09.04.2014) mit großer Mehrheit die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße empfohlen. Das abschließende Votum liegt noch bei der Ratsversammlung.

In Brunsbüttel hatte es von Anfang an eine erhebliche Kontroverse um das Umbenennungsvorhaben gegeben, das v.a. von den Grünen vorangetrieben worden war. So hatten auf einer Anwohnerversammlung, an der 45 der 116 in der Straße gemeldeten Personen teilnahmen, 43 für eine Beibehaltung des Namens plädiert. Zum Vergleich: in Heide hatte an einer ähnlichen Veranstaltung lediglich 8 Personen (von über 350) teilgenommen.
U.a. kam es in der Diskussion zu Äußerungen, dass der Name Gustav Frenssen durch die kritischen Veröffentlichungen "beschmutzt" worden sei, sowie zu einer Verharmlosung des Euthanasieprogramms der Nazis. Ein Leserbrief eines Anwohners enthielt offen antisemitische Töne.

Auch wenn klar ist, dass die Umbenennung für die einzelnen Anwohner einen gewissen Zeit-, Arbeits- und auch Geldaufwand bedeutet, so kann dies die inhaltliche Bewertung des nationalsozialistischen Propagandaschaffens Gustav Frenssens nicht umbiegen:
Vielen Kritikern des Barlter Schriftstellers wurde dabei vorgeworfen, sich nicht mit dem positiven Teil seines Werkes und seiner Biografie auseinandergesetzt zu haben und erst wieder nach Jahrzehnten der Vergessenheit in Frenssen nun einen "Sündenbock" für die Nazi-Zeit gefunden zu haben. Doch auch der überwiegenden Mehrheit der Anwohner sagte der Namensgeber ihrer Straße wohl fast nichts und wohl kaum einer ist wegen des Straßennamens in diese gezogen.

Wer sich aber für Frenssen interessiert, der kann nicht nur antiquarisch die teils in hohen Auflagen erschienen Werke aus der Zeit um die Jahrhundertwende beziehen (und leider auch seine nationalsozialistischen Schriften), sowie den Studienband "Gustav Frenssen in seiner Zeit", der im Boyens Verlag, Heide erschienen ist. Pastor i.R. Dietrich Stein führt auch gerne - nach Anmeldung - noch durch das ehem. Wohnhaus des Dichters in Barlt und gibt kompetent Auskunft über dessen Lebensweg.
Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie man diese Art der aufklärerisch-kritischen Beschäftigung am gemeinsamen Schaffensort von Prosa und Propaganda institutionell absichern kann, um etwa Schulklassen der höheren Jahrgänge am Beispiel Frenssen u.a. die Verführbarkeit zum Extremismus zu veranschaulichen.

Mittwoch, 19. März 2014

Einwohnerversammlung in Brunsbüttel: Anwohner wollen Frenssen behalten

Wie die "Norddeutsche Rundschau" vom 14. März 2014 berichtet fand nun auch in Brunsbüttel eine Versammlung der Einwohner der Gustav-Frenssen-Straße statt. Anders als in Heide war diese von reger Beteiligungen gekenntzeichnet, denn von 115 Anwohnern der Straßen kamen 45, die sich fast geschlossen für eine Beibehaltung des Straßennamens aussprachen, und lediglich mit einem Zusatzschild über die Wirkung Frenssens in der NS-Zeit informieren wollen. Laut Zeitungsbericht stelle dies das von Bürgermeister Stefan Mohrdieck (parteilos) ZITAT: "erhoffte Meinungsbild" dar.

Auf der Veranstaltung hatte Historiker Martin Gietzelt, Leiter des Vereins Volkshochschulen in Dithmarschen, über Gustav Frenssen Leben und Werk und den Nationalsozialismus in Dithmarschen referiert. Zur Einsicht brachte er damit anscheinend nur wenige, denn es kam zum Eklat, als der Versuch der Verharmlosung des Euthanasieprogramms der Nazis gemacht wurde.

In einem Leserbrief in der "Dithmarscher Landeszeitung" (DLZ) vom 19. März 2014 beklagte sich daher Werner Overbeck, Sprecher des Ortsverbandes von "Bündnis90/Die Grünen" in Brunsbüttel, über die geäußerten Ansichten:
"Da ist doch ein Herr W. der Meinung, dass der Name beschmutzt werde. Dieser Frenssen war davon überzeugt, dass "asoziale Elemente" eine "Todesgefahr des deutschen Volkes darstellen und folglich beseitigt werden müssen." Übrigens wird außerhalb unseres Landkreises schon gemunkelt, dass einige Ureinwohner Dithmarschens immer noch gerne im braunen Sumpf herumstiefeln." 
(DLZ, S. 18, vom 19.03.2014)
Jens Binckebanck, Geschichtslehrer aus Brunsbüttel und ebenfalls Mitglied der Grünen, hatte schon in einem Vortrag im Januar beim "Historischen Stammtisch" des "Verein für Brunsbütteler Geschichte", gefordert, die Umbenennung zu hinterfragen und erinnerte an die Brunsbüttler Opfer des Rasseprogramms der Nazis (Siehe: "Norddeutsche Rundschau" vom 9. Januar 2014)

Dass einige Anwohner der Straße offen ihre Sympathie auch für die politischen Ansichten des Dithmarscher Schriftstellers bekundeten dürfte eigentlich nicht verwundern, nachdem ein Leserbrief eines Anwohners in der DLZ erschienen war, in dem die Befürworter einer Umbenennung als "Bücherverbrenner" und "Nestbeschmutzer" bezeichnet wurden, und kaum verdeckt unterstellt wurde, Israel/Juden würden sich dieser "Kriecher" als "Helfer" bedienen.
Ein andere Leserbrief, in dem die Euthanasiepolitik der Nazis und Antisemitismus verharmlost wurden, hat der "Dithmarscher Landeszeitung" inzwischen sogar eine öffentliche Rüge des "Deutschen Presserats" eingebracht (Unter: http://www.presserat.de/presserat/news/pressemitteilungen/ (Meldung vom 12. März 2014 unter "Spekulation über Limburger Bischof"); auch: http://meedia.de/2014/03/12/tadel-fuer-qualitaetsportal-presserat-ruegt-faz-net/)
Zur öffentlichen Rüge wird auf unserer Seite an andere Stelle in Kürze ein ausführlicher Bericht folgen.

Anders als in Heide, wo die Gustav-Frenssen-Straße in einem anonymen Wohngebiet mit Mehrparteien- und Mietshäusern liegt, leben viele Anwohner in Brunsbüttel im eigenen Häuschen mit Garten, direkt hinterm Deich mit romantischem Blick auf Elbe und Schleuseneinfahrt.

Montag, 13. Januar 2014

Brunsbüttel: Straßenname mit Beigeschmack (2014)

Auch in Brunsbüttel zieht die in Heide wieder aufgenommene Diskussion um eine Umbenennung hiesiger "Gustav-Frenssen-Straßen" ihre Kreise. Wie die "Norddeutsche Rundschau" am 9. Januar 2014 berichtete griff der "Verein für Brunsbütteler Geschichte" im Rahmen des "historischen Stammtisches" das Thema auf. Jens Binckebanck, Geschichtslehrer am Glückstädter Detlefsengymnasium, forderte nach einem ausführlichen Vortrag zur Lebens- und Werkgeschichte des Bartler Schriftstellers, dass „man sich nicht nur in Heide erneut dem Thema widmet und sich ernsthaft fragt, ob es richtig ist, dass Gustav Frenssen durch die Namensgebung einer Straße geehrt wird.“
Die Diskussion war spätestens vor vier Wochen auch öffentlich nach Brunsbüttel übergeschwappt, nachdem in der "Dithmarscher Landeszeitung" vom 6. Dezember 2013 ein Leserbrief des Brunsbüttlers Walter Höer abgedruckt worden war, in dem dieser namentlich einige Umbenennungsbefürworter in Heide in rhetorischen Wendungen als "Bücherverbrenner" und "Nestbeschmutzer" bezeichnet hatte, denen er unterstellte "Helfer und Kriecher" "einer der selbstbewußtesten Nationen der Erde", die "sich für das auserwählte Volk" halte (= Israel/Juden) zu sein. Höer war als FDP-Direktkandidat bei der Kommunalwahl 2013 in Brunsbüttel angetreten und wäre im Falle einer Umbenennung der Straße persönlich betroffen.

Der unverhohlen antisemitische, diffamierende und ehrverletzende Ton des Leserbriefes, der auch die Frage aufwirft, weshalb die "Dithmarscher Landeszeitung" die Veröffentlichung nicht unterlassen hat, wurde von Binckebanck, der 2011 den Ortsverband der Bündnis/Grünen in Brunsbüttel mitbegründet hatte, wenige Tage später mit einer Replik offengelegt und deutlich mit Zitaten aus Frenssens menschenverachtenden Schriften und aktuellen Bezügen zum NSU-Terror beantwortet (Leserbrief: "Hohe Maßstäbe", 10. Dezember 2013).

In Brunsbüttel kursieren bereits erste Vorschläge im Falle einer Umbenennung der Straße: Als nachträgliches Geschenk zu seinem Geburtstag im Dezember 2013 könnte Willy Brandt Namenspatron werden (Leserbrief von Reimer Lützen, Brunsbüttel in der "Dithmarscher Landeszeitung" vom 10. Januar 2014).

Zum Bericht in der Norddeutschen Rundschau siehe hier:
https://www.shz.de/lokales/norddeutsche-rundschau/strassenname-mit-beigeschmack-id5374331.html

Donnerstag, 2. Januar 2014

Offen antisemitische und fremdenfeindliche Leserbriefe in der Frenssen-Debatte (2013)

Im Vorfeld und nach der Informationsveranstaltung zum Thema "Das Politikum Gustav Frenssen" am 17. Dezember 2013 im Kulturforum Heide-Ost wurden in der "Dithmarscher Landeszeitung" zwei Leserbriefe veröffentlicht, in denen die Autoren eine ideologische Nähe zu Frenssen zum Ausdruck brachten und dabei aggressiv-rechte Äußerungen tätigten.

Am 9. Dezember schrieb Walter Höer aus Brunsbüttel auf die Berichterstattung zum Thema "Gustav-Frenssen-Straße" hin:
"In der Mitte des Artikels fragte ich mich: "Denkt der Leser jetzt, ob hier nur harmlose Leute tätig sind, die ein Haar in der Suppe suchen, oder sind es ewig gestrige Weltverbesserer und Nestbeschmutzer?" Am Ende fragte ich mich: "Hat eine der selbstbewusstesten Nationen der Erde, in der nicht nur die orthodoxen Fanatiker sich für das auserwählte Volk halten, es nötig, sich solcher Helfer und Kriecher zu bedienen?"
Im folgenden nennt Herr Höer noch die Namen der von ihm so diffamierten Personen: Berndt Steincke, ehem. Vorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und dessen Nachfolger Dieter Beuse, Propst Dr. Andreas Crystall, und Geschichtslehrer Dr. Matthias Duncker, die am derzeitigen Frenssen-Projekt beteiligt sind und schimpft sie nochmals (in einer rhetorischen Frage) "Bilderstürmer und Bücherverbrenner".

Schlimmer als diese Diffamierungen sind die tiefsitzenden antisemtischen Affekte. In der geistigen Nachfolge der "Protokolle der Weisen von Zion" unterstellt Herr Höer dem Staat Israel, bzw. den Juden (= "... eine der selbstbewußtesten Nationen", "... sich für auserwähltes Volk halten") eine (aktive) Rolle in der Heide Straßen-Umbenennungs-Debatte zu spielen. Eben diese Behauptung einer Verschwörung eines "internationalen Weltjudentums" ist eine der klassischen, auch im Nationalsozialismus gepflegten antisemitischen Diffamierungen: Sogar in die Angelegenheiten provinzieller norddeutscher Kleinstädte mischten "sie" sich ein, mittels williger deutscher "Helfer", "Kriecher" und "Nestbeschmutzer".

Im folgenden hetzt Herr Höer noch gegen die Erziehung "unsere[r] Einzel- und Verwöhntkinder" und verlangt:
"... dass man unsere ausländischen Einwanderer, die gerne bei uns bleiben möchen, davon überzeugt, dass sie ausschließlich hier ihre Heimat sehen und unsere Sitten und Gebräuche respektieren."
Ob für Herrn Höer zu diesen zu tolerierenden Sitten und Gebäuchen in Dithmarschen auch die bedingungslose Verehrung von Gustav Frenssen gehört, bzw. struktureller Antisemitismus, bleibt aufgrund dieser Zeilen zu vermuten. Es ist kein gutes Zeichen, wenn solche Ansichten und Stimmungen von jemandem verbreitet werden, der bei der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl im Mai 2013 noch für die FDP angetreten ist.

Ein ganz ähnliches Weltbild ließ der am 27. Dezember 2013 veröffentliche Leserbrief von Karl-Wilhelm Looft aus Heide erkennen. Karl-Wilhelm Looft ist in dieser Hinsicht kein Unbekannter. Im Online-Archiv der rechtsnationalistischen Zeitung "Junge Freiheit" finden sich aus dem Jahre 2006 mehrere ausgeprägte Leserbriefe. Ebenso in der konservativen “Preußischen Allgemeinen Zeitung”.

Den Topos des rechtschaffenen Bürgers bedienend, sind für Herrn Looft die Initiatoren der Umbenennungs-Debatte "Müßiggänger, die wohl sonst nichts Ordentliches mit ihrer Zeit anzufangen wissen". Es folgt ein sehr allgemeiner Angriff auf Propst Dr. Crystall und "die Kirche", der von Unkenntnis, Unwahrheiten und Lügen strotzt:
"Aber warum mischt Propst Crystall mit? Warum mahnt unser Propst nur den Antisemitismus in der NS-Zeit an und will deswegen Gustav Frenssen aufarbeiten und nachholen, blendet aber 2000 Jahre Judenverfolgung von Kirche und Christen aus? Dabei hat sich Gustav Frenssen schon 1945 geläutert. Die Kirche hingegen hat bisher nichts zurückgenommen."
Propst Dr. Andreas Crystall schrieb seine Dissertation über Gustav Frenssen und veröffentlichte diese später als Buch. Seine Beteiligung an einer Informationsveranstaltung zu Frenssen ist daher alles andere als unverständlich. Schlimmer dagegen ist die Tatsachenverdrehung die ihr folgt. Herr Looft behauptet, die Kirche habe in Sachen christlichem Antijudaismus "bisher nichts zurückgenommen", auch nicht in Sachen Luther und dessen Pamphlet von 1543 ("Von den Juden und ihren Lügen"), während Gustav Frenssen sich im Jahr 1945 (seinem Todesjahr) davon (?) "geläutert" habe. Hier zeigt sich die realitätsverweigernde Resistenz des Autors, die nicht weiter belegt zu werden braucht.

In seinem Schlußplädoyer verharmlost Herr Looft schließlich sogar noch alle Dinge, für die Gustav Frenssen - und eigentlich auch der Nationalsozialismus insgesamt - zu verurteilen sind:
"Antisemitismus. Gab es den nicht schon immer? Euthanasie? Wird und wurde in vielen Staaten praktiziert! Und Rassengesetze? Die Zionisten gaben damals ihr Okay. Und man schaue heute nur nach Israel!"
Um Frenssen zu retten werden schließlich Antisemitismus, Euthanasie und Rassismus für allgemein üblich erklärt und verharmlost. Nach dieser Argumentation könnte man also eigentlich keinem Nationalsozialisten einen Vorwurf machen.
[Antisemitismus als rassistisch begründete Judenfeindschaft ist zudem erst ein Produkt des 19. und 20. Jahrhundert (Während der kirchliche Antijudaismus in der Regel über Jahrhunderte jüdisches Leben in Europa prinzipiell zuließ, strebte der Antisemitismus stets die "Auflösung" des Juden in seiner Eigenschaft als Juden an, sei es durch Auswanderung, durch extreme Anpassungsauflagen oder wenn dies - wegen ihrer nicht veränderbaren Eigenschaft als “unverbesserliche Rasseschädlinge" - schließlich für nicht möglich gehalten wurde: durch Auslöschung (3. Reich, Shoah/Holocaust)).
Euthanasie, bzw. der 100.000-fache Mord an Behinderten, Andersdenkenden, "Asozialen", ist in Deutschland außerhalb der Nazi-Zeit nie gesellschaftlich oder staatlich toleriert, praktiziert oder akzeptiert worden (Vor dem Hintergrund des biblischen Tötungsverbotes ist Sterbehilfe nur in sehr seltenen, bestimmten Fällen erlaubt).]

Dass man von Karl-Wilhelm Looft, der offen bekennt sich in den 50er und 60er Jahren für die "Freiheitspartei" des ehemaligen NSDAP und "Deutsche Reichspartei"-Mitglieds Prof. Heinrich Kunstmann engagiert zu haben, solches Schreiben erwarten kann, ist klar. Dass es die "Dithmarscher Landeszeitung" weder bei ihm noch bei Herrn Höer für bedenkenswert hielt, solche Hetze abzudrucken, ist dagegen schwer verständlich.

Das einzig gute daran mag sein, dass beide einmal mehr und wohl eher unfreiwillig bestätigen: Die Verteidigung Gustav Frenssen's ist und bleibt nur etwas für Rechte.