BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

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Sonntag, 1. Juni 2014

Beitrag des Offenen Kanals Westküste vom 20.02.2014

Ein Beitrag des Offenen Kanals Westküste zur Diskussion um Gustav Frenssen:

http://www.okwestkueste.de/wk/hoeren/on_demand/2014/wk_aktuell_02_feb.php

Zitat: "Gustav Frenssen (1863 - 1945) ist aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit als Namensgeber einer Straße nicht geeignet. Zu diesem eindeutigen Ergebnis ist ein Geschichtsprojekt am Gymnasium Heide Ost gekommen. Jetzt entscheidet die Ratsversammlung über eine Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße."


Autor:
Christian Nicolay

Dauer:
3'55

Datum:
20.02.2014

Freitag, 9. Mai 2014

Anwohner oder Einwohner? - Brunsbüttler über Frenssen

Während man auf der Webseite der Kreisstadt Heide vergeblich transparente Informationen in Form von Protokollen über Sitzungen der einzelnen Ausschüsse und der Ratsversammlungen sucht (Das "Bürgerinformationssystem" ist seit etlichen Monaten abgeschaltet), kann man sich auf den Seiten von der Stadt Brunsbüttel detailiert informieren:  
 http://www.brunsbuettel.de/Rathaus/Politik/Textrecherche/
So findet man mit der Sucheingabe "Frenssen" etwa ein Protokoll der "Anwohnerversammlung" vom 12. März 2014 (Direktlink). Hier findet sich eine Reihe von Eingaben von Anwesenden, von denen viele bemüht waren, Frenssens Rolle im Nationalsozialismus zu verharmlosen. Wenngleich ein Protokoll nicht immer die nötige Exaktheit besitzt, so spürt man doch schon sehr den "Geist", der bei einigen auf der Versammlung herrschte:

"Ein weiterer Teilnehmer geht auf die zu Frenssens Zeit herrschende Eugenik und auf die heutigen medizinischen Vorgehensweisen ein, insbesondere auf heutige pränatale Untersuchungsmethoden und deren Auswirkungen."
 Hier stellt sich die Frage, was denn "Frenssens Zeit" ist. Sind es die Jahre 1933-1945? Dann wurde hier, wie auch die "Norddeutsche Rundschau" berichtete nichts weniger versucht, als den Mord an Kranken, Behinderten und "Asozialen" in der NS-Zeit zu verharmlosen. Der Vergleich mit Pränataldiagnostik und Abtreibungsgesetzgebung hinkt gewaltig. 
"Ein Teilnehmer fügt hinzu, dass er die kritische Auseinandersetzung mit Gustav Frenssen für äußerst richtig halte, listet dann aber eine Reihe von Namen von politischen Bekanntheiten auf, die in der Nachkriegszeit ebenfalls fremdenfeindliche Äußerungen getätigt haben. Er warnt vor blindem Aktionismus und hält die Umbenennung für zu überzogen. Die Deutschen setzten sich schon genügend mit ihrer dunklen Vergangenheit auseinander."
 Auch dieser Redner war sich offenbar nicht bewusst, in welchem Maße Gustav Frenssen lange vor der NS-Zeit und bis zu seinem Tod kurz vor Kriegsende 1945 öffentlich und in seinen Schriften für radikel Maßnahmen der Euthanasie in Form von Massenmord eingetreten ist. Bei Frenssen geht es nicht um den beklagenswerten Alltagsrassismus oder Chauvinismus gegenüber Zuwanderern und Ausländern, sondern um Verbrechen gegen die Menschlichkeit. 
 "Daraufhin bringt ein weiterer Teilnehmer das Zitat „Wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing“ und möchte damit verdeutlichen, dass Frenssen einer von vielen Persönlichkeiten Deutschlands gewesen ist, die dem Nationalsozialismus gewiss nicht ganz freiwillig beigetreten sind."
 Auch dieser Diskutant war schlecht informiert. Gustav Frenssen schreibt in seinem "Lebensbericht" (1940) dazu: 
"Zuletzt, Anfang 1930 - wie ein Brief an Heinrich Eckmann besagt -, da die Sorge und Not rund um mich stieg, fing auch ich an, zu glauben. [...] Da ich, nach meiner Weise, mich und meinen Namen nicht wichtig nahm, tat ich mein Bekenntnis zur Partei nicht der Presse kund; aber ich trat mit dem Stimmzettel und innerhalb meines Verkehrs mit Wort und Brief für sie ein. Anfang April 1932, antwortete ich dem sogenannten "Hindenburg-Komitee", [...] daß ich [...]  in beiden Wahlgängen für Hitler stimmte." (S. 315)
1930, bzw. 1932 hatte man noch die Wahl, bald nach 1933 nicht mehr.

"Anwohner" oder "Teilnehmer" - Wieso wurde das Protokoll verändert?

Interessant ist, dass das oben zitierte öffentlich zugängliche Protokoll offensichtlich noch einmal bearbeitet wurde. In einer Version, die noch vor wenigen Wochen abrufbar war, stand jeweils "Anwohner" oder "Besucher", wenn ein Diskutant zitiert wurde. Ingesamt wurden dabei 5 Personen als "Besucher", 8 als "Anwohner" bezeichnet. Nun sind es alles "Teilnehmer". Eine wahrscheinliche Erklärung dafür findet sich in einem anderen zugänglichen Dokument, dem Protokoll der 9. Sitzung des Bildungs- und Kulturausschusses vom 09. April 2014 (Direktlink). Der Modus und der Ablauf der Einwohner-/Anwohnerversammlung war eines der zentralen Themen der Sitzung. Die Ausschussmitglieder beklagten sich wohl zurecht, dass man letztlich, trotz Bürgerbeteiligung und Meinungserhebung (43:2 für den Verbleib der Frenssen-Straße) nicht schlauer war, denn:
"Frau Jebens moniert, dass aus ihrer Sicht das Protokoll der Anwohnerversammlung nicht richtig sei, weil laut Presse und Bürgermeister es eine öffentliche Einwohnerversammlung und nicht eine Anwohnerversammlung war. [...] Weiterhin wurden in dem Protokoll Aussagen aufgenommen, welche von Einwohnern erfolgt sind, aber im Protokoll steht, dass die von Anwohnern getätigt wurden."
Dass es sich also tatsächlich um eine öffentliche Veranstaltung handelte, in der nicht ausschließlich Anwohner, sondern auch allerlei "Besucher" anwesend waren, macht die Sache problematisch: Wie kann man mit einem Votum, das zu einem nicht bestimmbaren Teil mit den Stimmen von "Auswärtigen" - womöglich nicht einmal Brunsbüttlern - zustande kam, während ein erheblicher Teil der Wohnbevölkerung nicht anwesend war, eine Entscheidung begründen?
Man überlegte deshalb, ob "dem Vorschlag der Verwaltung nachgegangen werden soll mit einer Einwohnerversammlung und Internet als Forum." Dass eine  Meinungsbildung im Internet oft in einer „Schmutzkampagne“ münde und, wie Jens Binckebanck meinte, "unangenehme Seiten zum Vorschein bringen werde" bewog dazu, den Vorschlag abzulehnen.

Dass ausgerechnet Frau Jebens (FDP) bei der abschließenden Abstimmung über den Straßennamen für dessen Beibehaltung eintrat und sich dabei auf das Meinungsbild der Bürgerversammlung berief muss Wunder nehmen. Hatte sie laut zitiertem Protokoll doch dessen Aussagekraft erheblich in Frage gestellt. 
Das ganze Geschehen ist ein Appell für die Verantwortlichkeit gewählter Vertreter, die sachlich und frei von Populismus, Stimmungen und Verdrehung von Fakten, über eine Sache entscheiden, weil nämlich ein vermeintlich "demokratisches Votum" durch Unwissenheit und Befangenheit demokratische und freiheitliche Werte infrage stellen würde, hätte es einen nationalsozialistischen "Schreibtisch-Täter" wie Gustav Frenssen in Ehren belassen.

Freitag, 11. April 2014

Brunsbüttel: Bildungsausschuß will Umbenennung

Auch in Brunsbüttel werden die Weichen gestellt: Der Bildungs- und Kulturausschuss der Schleusenstadt hat auf seiner Sitzung am Mittwochabend (09.04.2014) mit großer Mehrheit die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße empfohlen. Das abschließende Votum liegt noch bei der Ratsversammlung.

In Brunsbüttel hatte es von Anfang an eine erhebliche Kontroverse um das Umbenennungsvorhaben gegeben, das v.a. von den Grünen vorangetrieben worden war. So hatten auf einer Anwohnerversammlung, an der 45 der 116 in der Straße gemeldeten Personen teilnahmen, 43 für eine Beibehaltung des Namens plädiert. Zum Vergleich: in Heide hatte an einer ähnlichen Veranstaltung lediglich 8 Personen (von über 350) teilgenommen.
U.a. kam es in der Diskussion zu Äußerungen, dass der Name Gustav Frenssen durch die kritischen Veröffentlichungen "beschmutzt" worden sei, sowie zu einer Verharmlosung des Euthanasieprogramms der Nazis. Ein Leserbrief eines Anwohners enthielt offen antisemitische Töne.

Auch wenn klar ist, dass die Umbenennung für die einzelnen Anwohner einen gewissen Zeit-, Arbeits- und auch Geldaufwand bedeutet, so kann dies die inhaltliche Bewertung des nationalsozialistischen Propagandaschaffens Gustav Frenssens nicht umbiegen:
Vielen Kritikern des Barlter Schriftstellers wurde dabei vorgeworfen, sich nicht mit dem positiven Teil seines Werkes und seiner Biografie auseinandergesetzt zu haben und erst wieder nach Jahrzehnten der Vergessenheit in Frenssen nun einen "Sündenbock" für die Nazi-Zeit gefunden zu haben. Doch auch der überwiegenden Mehrheit der Anwohner sagte der Namensgeber ihrer Straße wohl fast nichts und wohl kaum einer ist wegen des Straßennamens in diese gezogen.

Wer sich aber für Frenssen interessiert, der kann nicht nur antiquarisch die teils in hohen Auflagen erschienen Werke aus der Zeit um die Jahrhundertwende beziehen (und leider auch seine nationalsozialistischen Schriften), sowie den Studienband "Gustav Frenssen in seiner Zeit", der im Boyens Verlag, Heide erschienen ist. Pastor i.R. Dietrich Stein führt auch gerne - nach Anmeldung - noch durch das ehem. Wohnhaus des Dichters in Barlt und gibt kompetent Auskunft über dessen Lebensweg.
Für die Zukunft stellt sich die Frage, wie man diese Art der aufklärerisch-kritischen Beschäftigung am gemeinsamen Schaffensort von Prosa und Propaganda institutionell absichern kann, um etwa Schulklassen der höheren Jahrgänge am Beispiel Frenssen u.a. die Verführbarkeit zum Extremismus zu veranschaulichen.

Mittwoch, 9. April 2014

Rechte Ressentiments im Fahrwasser der Frenssen-Debatte

Der Bauausschuß der Stadt Heide hat am Montag die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Lilly-Wolff-Straße beschlossen. Der Beschluss erfolgte mit Gegenstimme des Bauausschußmitglieds Egon Ott (FDP), der sich für den Namen "Hemmingstedter Straße" eingesetzt hatte. Für die übrigen Mitglieder war die Benennung nach einem prominenten Heider Opfer des Nationalsozialismus aber auch ein Stück "Wiedergutmachung" und Erinnerungsarbeit.

Der Kommentar von Redakteurin Dana Müller dazu in der heutigen Berichterstattung der "Dithmarscher Landeszeitung" (09.04.2014) beschäftigt sich kritisch mit der Debatte:
"Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Umbenennung der Straße eben nicht die Erinnerungskultur beflügle. Und natürlich kann man der Meinung sein, dass die literarischen Leistungen Frenssens wichtiger seien als seine Weltanschauung. Aber viel zu oft fielen auch Äußerungen, die gut in die politischen Verhältnisse der Zeit von 1933 bis 1945 gepasst hätten."
Noch gestern konnte man allerdings in der DLZ wieder nachlesen, was damit gemeint sein könnte. So wurde auf Seite 18 unter dem Titel "Nichts gelernt" ein Leserbrief veröffentlicht, der nicht ausließ, Vorurteile zu schüren und Nazivergleiche zu bemühen. Der Verfasser reagiert darin auf einen Leserbrief von Samstag, 5. April 2014, in dem eine Anwohnerversammlung in Brunsbüttel kritisiert wurde, bei der sich zumindest die anwesenden Bewohner der Gustav-Frenssen-Straße mehrheitlich für eine Beibehaltung des Namens ausgesprochen hatten. 
Der Verfasser des zweiten Leserbriefes kontert unter anderem mit dem völlig überzogenem und für den Angesprochenen ehrverletztenden Satz:

„Ihre Art der Meinungsdiktatur hat zu den Bücherverbrennungen geführt.“

Im weiteren Verlauf beklagt er "Zensur" von "abweichenden Meinungen", wenn diese nicht "pc" [= politically correct] seien, und dass er sich nicht von "Tugendwächtern" sagen lassen wolle, ob er sich einen "Negerkuss" kaufen dürfe. Ganz erheblich verschärft sich dann die Rhetorik noch, wenn er beklagt, dass

„zugleich das Schächten, die Beschneidung, die Zwangsehe mehr oder weniger zugelassen oder zumindest geduldet werden“ 

und:

 „Ehrenmorde unter Umständen „kulturhistorisch strafmildernd“ 
bewertet würden.

Er fordert dann den anfangs angesprochenen Verfasser abschließend das obige zusammenfassend dazu auf: 

„Bekämpfen Sie all das, was heute die Demokratie gefährdet.“


Mit der Aneinanderreihung von zentralen religiösen Ritualen und Speisegeboten sowohl des jüdischen, wie des islamischen Glauben, die in Deutschlang gesetzlich unter dem Grundrecht der Religionsfreiheit (Art. 4 Grundgesetz) erlaubt sind (Praxis der Erteilung von Ausnahmegenehmigungen für jüdische und muslimische Schlachtereien; rechtliche Absicherung und Regelung der Praxis der männlichen Beschneidung durch § 1631d BGB seit 2012) in einem Verein mit schweren und schwersten Straftaten (Nötigung, Mord) geht eine erhebliche Schmähung der jüdischen und islamischen Religion einher, zumal diese abschließend noch als "demokratiegefährend" bezeichnet werden.
Zudem ist es sachlich falsch, dass Zwangsheiraten in Deutschland "zugelassen" oder "geduldet" würden, da seit 2011 der explizite Straftatbestand der Zwangsehe in § 237 StGB definiert wurde, während die Zwangsehe bereits zuvor als Nötigung strafbar war.

Man fragt sich ernsthaft, wie die DLZ hier den Spagat schafft, den oft rechtslastig bis rechtsextremistischen Ton von Beiträgen der Frenssen-Befürwortern zu kritisieren, denen sie doch selbst schon mehrfach durch die Veröffentlichung von Zuschriften ein unnötiges Forum gab: Verharmlosung von NS-Euthanasie und Rassegesetzen; Antisemistismus; Ressentiments gegen Russlanddeutsche... 
Als Fazit lässt sich wohl vorläufig schon konstatieren, dass die Diskussion um Gustav Frenssen heute jede Menge Ressentiments gegen ausländische Mitbürger und das "Fremde" im allgemeinen hochgespült hat - kein schönes Bild für die DLZ, und kein schönes für Dithmarschen.

Dienstag, 8. April 2014

Heide: Aus Gustav-Frenssen-Straße wird Lilly-Wolff-Straße

Auf seiner gestrigen Sitzung hat der Bauausschuß der Stadt Heide als neuen Namen für die Gustav-Frenssen-Straße die Umbenennung in Lilly-Wolff-Straße beschlossen. Die 1912 zum evangelischen Glauben konvertierte Lilly Wolff (1896-1942) war zwischen 1919 und 1933 in Heide als Lehrerin, zunächst bis 1929 an der Klaus-Groth-Schule, bis Sommer 1933 an der Schule Lüttenheid tätig.

Heide hat nun mit der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße nicht nur die bereits vor Jahrzehnten kritisierte Würdigung eines nationalsozialistisch erheblich belasteten Schriftstellers zurückgenommen, sondern zugleich eine Frau ausgezeichnet, die fast anderthalb Jahrzehnte für die Ausbildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen im Dienste der Stadt stand, bis ihr dies durch die nationalsozialistische Diktatur verweigert wurde. 

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und auf Grund des von ihnen erlassenen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", wurde Lilly Wolff Mitte 1933 gekündigt. 1936 verliess sie Heide und ging nach Berlin, wo sie weiter bis 1942 jüdische Kinder unterrichten konnte.
Am 5. September 1942 wurde sie dort verhaftet und in das Ghetto Riga deportiert, wo sie wenig später ermordet wurde. Ein Stolperstein im Gedenken an Lilly Wolff liegt eingelassen im Gehweg vor der Klaus-Groth-Schule. 

Schon 2009 war der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide" zugesichert worden, künftig eine Straße nach der Lehrerin zu benennen. Damals ging man jedoch von einem Straßen-Neubau an der Hamburger Straße in Heide-Ost aus.

Siehe auch: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/lilly-wolff-statt-gustav-frenssen.html

Samstag, 5. April 2014

Heide: Bauausschuss setzt am Montag neuen Namen fest.

Auf seiner Sitzung am Montag 07.04.2014, um 19 Uhr (im Großen Saal des Bürgerhauses, Neue Anlage 5) wird der Heide Bauausschuss den neuen Namen bestimmen und verkünden, den die Gustav-Frenssen-Straße in Heide künftig tragen wird. Nachdem der Ausschuss einen Monat zuvor (03.03.2014) mit einer Enthaltung einer Umbenennung zugestimmt hatte, ist dies nun der letzte Schritt im Umbenennungsverfahren.

In den letzten Wochen und Monaten gab es viele öffentliche Vorschläge für einen neuen Namen (Thomas-und Heinrich-Mann (Schriftsteller), Sarah-Kirsch (Lyrikerin), Elsa-Peters (plattdeutsche Schriftstellerin), Heinrich-Schultz (Marktmeister)), jedoch keine offiziellen von Seiten der Stadtvertreter, die aus ihren Favoriten teils ein Geheimnis machten. Zuletzt - das scheint sicher - lief es aber daraufhinaus, das eine Frau wird, die wohl auch Schriftstellerin wäre, und somit in das "Dichterviertel" passen würde (so jedenfalls wünschte es sich Bürgermeister Ulf Stecher (CDU)).

Bislang sind Vorschläge, Straßen in Heide nach Opfern des Nationalsozialismus zu benennen weitgehend im Sande verlaufen, bzw. wurden verschoben (Nach der jüdischen Lehrerin Lilly Wolff (1896-1942) soll an der Hamburger Straße eine neu zu bauende Straße benannt werden (Stand: 2009)). Auch Erwin Rehn (1927-2000) wurde in der jüngsten Debatte wieder genannt. Der Heider, der als Schüler 1943 wegen des Entwurfs eines Flugblatts, das zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrief ins KZ Mohringen kam, musste nach 1945 unter den gesundheitlichen Folgen der Haft und der Drangsalierung durch die Behörden leiden. 

Rehn, der später zum Judentum konvertierte und zwischen 1970 und 1973 mit seiner Familie in Israel lebte, hat sich bedingt durch seine eigene Erfahrung später gemeinsam mit seiner Tochter auch mit dem Schicksal der einzigen jüdischen Familie in Heide beschäftigt und darüber ein Buch verfasst (Erwin Rehn & Marie-Elisabeth Rehn: "Die Stillschweigs. Eine jüdische Familiensaga. 1862-1944." Hartung-Gorre Verlag: Konstanz 1998).

Die Familie Stillschweig, für deren 4 Angehörige in der Heide Fußgängerzone (Friedrichsstraße) vor wenigen Jahren erst Stolpersteine verlegt wurden, wurde auch diesmal gelegentlich genannt.
Dr. Udo Hennighausen, in Heide ansässiger Augenarzt, macht dazu folgende Vorschläge:
Aus meiner Sicht wäre „Familie-Stillschweig-Straße“ eine sehr sinnvolle Wahl bei der Umbenennung der jetzigen Gustav-Frenssen-Str. Es würde einer jüdischen Familie in Heide gedacht, die bereits früh durch den Nationalsozialismus Leid erfahren musste und deren damals bereits erwachsene vier Kinder später in Ausschwitz umgebracht worden sind. Gleichzeitig würde auch ein Zusammenhang mit der von Frenssen geförderten Ideologie hergestellt. Die Kinder der Familie Stillschweig hießen Frieda, Dagobert, Martha und Gertrude, so dass Namen von Frauen und Männern in gleichem Maße vertreten wären. In einem schmalen Schild unterhalb des Straßennamens sollte als Orientierung für nicht aktuell Ortskundige „vormals Gustav-Frenssen-Straße“ stehen, sachlich und ohne weitere Erklärungen. Öffentliche Erläuterungen oder sogar ein rot durchgestrichenes Namensschild des Schriftstellers, wie es als Möglichkeit in der DLZ abgebildet wurde, sind nach meinem Dafürhalten nicht angebracht: Erst hob man Frenssen auf den Schild und dann würde man ihn posthum öffentlich mental „brandmarken“. Der öffentlich zur Schau Geführte ist tot und könnte nicht mehr Stellung nehmen oder sich wehren! Ein solches Vorgehen wäre in meinem Verständnis ein Akt kultureller Barbarei. Ein Info-Blatt zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Str. könnte man im Rathaus auslegen. In diesem Zusammenhang möchte ich anregen, Frau Dr. Bettina Goldberg, Flensburg, zu einer Lesung aus ihrem Buch „Abseits der Metropolen, die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein“ nach Heide einzuladen.
(Bei der Redaktion der DLZ als Leserbrief eingereicht, aber nicht veröffentlicht.)
Selbst wenn es - wie es scheint - in diesem Fall nicht zu einer entsprechenden Benennung kommt, so wäre es doch schön, wenn sich die vorgeschlagene Lesung mit Dr. Goldberg organisieren ließe.

Mittwoch, 5. März 2014

Heider Bauausschuss stimmt gegen Frenssen-Straße

Der Bauausschuss der Stadt Heide hat auf seiner Sitzung am Montag (03.03.2014) mit eindeutigem Votum für die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße gestimmt - wenn auch nicht einstimmig. So enthielt sich Ausschussmitglied Joachim Lindemann (CDU) der Stimme.

An der öffentlichen Sitzung, die in den Großen Saal des Bürgerhauses verlegt worden war, nahm nur eine Handvoll Bürger teil. Schon zu einer Bürgerbefragung waren von 374 Anwohnern lediglich 8 erschienen.

Bauausschuss-Mitglied Egon Ott (FDP) erinnerte an Frenssens literarische Verdienste um das Jahr 1900 herum. Die Tatsache aber, dass Frenssen in den Nationalsozialismus "nicht nur einstimmte, sondern Wortführer wurde", machte den Schritt einer Umbenennung letztlich unausweichlich.

Ausschussvorsitzender Manfred Will (SPD) erklärte, dass er sich in den letzten Wochen viel mit den Meinungen der Bürgern zu diesem Thema auseinandergesetzt habe. "Welche Einstellung da manch einer gezeigt hätte"(von denjenigen, die gegen eine Umbenennung waren) habe ihn überrascht.

In der Facebook-Gruppe "Du lebst schon lange in Heide, wenn" war die Nachricht von der beschlossenen Umbenennung jedenfalls Grund für einige sich auszulassen. Von "Quatsch" und "Sinnloses Geld ausgeben" über "lasst die Vergangenheit mal langsam ruhen." reichen die Äußerungen bis hinein in den rechtsextrem-antisemitischen Bereich: "alles beschissene arschkriecher die zugestimmt haben. wie soll sie heißen. u.s.a strasse, oder hakennasenstrasse, oder.... ihr seid doch idioten."

Das klare Ergebnis hatte sich dagegen schon seit Wochen abgezeichnet. Ein neuer Name wird im Laufe der nächsten Wochen gefunden werden. Laut Bürgermeister Ulf Stecher (CDU) werde es dabei wohl auf einen Frauennamen hinauslaufen.

Siehe dazu die Printausgabe der DLZ vom 05.03.2014 und unter: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/bauausschuss-stimmt-umbenennung-zu.html

Kommentar:

Würden Sie jemanden ehren wollen, der erst einen Massenmord forderte und ihn dann rechtfertigte als dieser schließlich verübt wurde? Sicher nicht. Der Heider Bauausschuss hat nun fast einstimmig eine Empfehlung zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße abgegeben, und auch 30 Jahre nach dem ersten Versuch, gab es Menschen, die Frenssen mit seiner Zeit oder seinem Alter entlasten wollten. War er tatsächlich nur ein „Mitläufer“, dem die „Anschauung des NS-Regimes nicht in vollem Ausmaße bewusst“ war? Dass sich diese Einschätzung nun ausgerechnet wörtlich so im Gutachten des GHO findet, könnte diejenigen bestärken, die Frenssen als einen vom heutigen Zeitgeist verfolgten Menschen stilisieren wollten. Im Entnazifizierungsverfahren nach 1945 war „Mitläufer“ die zweitniedrigste Kategorie in die – in der Theorie – Menschen eingestuft wurden, die „nicht mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen oder ihn nur unwesentlich unterstützt“ hatten (Kontrollratsgesetz Nr. 104, Art. 12). Dazu reichte u. U. - wie im Fall des Widerstandskämpfers Erwin Rehn – auch schon die Mitgliedschaft in der HJ aus. Frenssen also auf einer Stufe mit Jugendlichen? Frenssen war ein Aktivist, der Menschenverachtung in hunderttausendfacher Auflage propagiert hat - auch vor 1933. Die klare Feststellung über das Unverzeihliche am „Schreibtischtäter“ Frenssen, jenseits seines künstlerischen Werkes, war und ist wichtig als Maßstab für andere: Wenn Frenssen nicht als „Belasteter“ gilt bleibt kaum „Luft nach unten“ für Nachsicht mit dem Typ des millionenfachen Mitläufers, zu denen auch viele gehörten, die die Natur und Schuld der Diktatur erkannten und sie mit einem inneren Widerspruch zu überleben versuchten. Die von mir 2012 in einem Leserbrief bei Gustav Frenssen geforderte „rote Linie“ ist nicht ideologisch, nicht beliebig und nicht kleinlich, sondern im Angesicht von mörderischen Verbrechen gezogen. Wer das jetzt noch nicht sieht, will es auch nicht.
Florian Dunklau          

Montag, 24. Februar 2014

Bad Segeberg - Gustav-Frenssen-Weg wieder Thema

Nachdem in Heide die Diskussion um die Gustav-Frenssen-Straße, 30 Jahre nach einem ersten Umbenennungsversuch, wieder aufgekommen ist und die Weichen Richtung Austausch des Straßennamens gestellt werden, regt sich auch in anderen schleswig-holsteinischen Gemeinden wieder die Debatte.

In den Jahren nach 1983/84 waren - angestossen von den Dithmarscher Jungsozialisten - Initiativen in Hamburg (1984), Elmshorn (1986), Bad Bramstedt (199?), Schleswig (1991), Eckernförde (1996) und Bad Oldesloe (1999) und später, erfolgreich damit, dass die Ehrungen für den von völkisch-nationalsozialistischer Propaganda überschatteten Schriftsteller zurückgenommen wurden (Siehe dazu unsere Chronologie).

In Bad Segeberg gab es bis jetzt sogar drei Anläufe:
  • Im Mai und Juni 1986 gab es eine Debatte und einen Antrag auf Umbenennung, der allerdings abgelehnt wurde (siehe: Segeberger Zeitung vom 6.6.1985, S. 5)
  • Nur 12 Jahre später kam das Thema wieder auf:                                                                      Vom 18. Januar bis zum 27. März 1998 fand damals im Rathaus die Ausstellung "Jüdisches Segeberg" statt, in der die Geschichte der jüdischen Gemeinde, die hier seit 1730 existierte, präsentiert wurde, die während der Nazi-Zeit praktisch ausgelöscht wurde (Juden in Bad Segeberg. Nach dem einzigen Überlebenden, Jean Labowsky, der von 1946-1950 auch Leiter der Stadtverwaltung war, benannte die Stadt 2007 eine Straße).                                                     Auch diesmal blieb der Name Gustav Frenssen erhalten, v. a. weil sich die CDU sträubte.
  • Im Januar 2013 berichteten die Lübecker Nachrichten Online (http://www.ln-online.de/Nachrichten/Kultur/Kultur-im-Norden/Wenn-alte-Namen-neue-Zweifel-wecken vom 27.01.2013 (nur noch kostenpflichtig abrufbar)) wieder über Bad Segeberg:                        Walter Blender, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde, die nach 1990 durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa wiedererstanden ist und 2007 ihr neuerbautes Gemeindezentrum einweihen konnte, sagte zum Thema Frenssen: „Die nächste Generation wird uns fragen: Warum habt ihr nichts dagegen gesagt? Und das wollen wir als jüdische Gemeinde nicht auf uns sitzen lassen.“ Bürgervorsteherin Ingrid Altner (CDU) wollte das Thema damals erst nach den Kommunalwahlen (Mai 2013) angehen.
Inzwischen ist - wohl auch durch die bereits im Schleswig-Holstein-Magazin thematisierte Diskussion in Heide - ein dritter Anlauf im Gange. Anfang Februar fasste die SPD den Beschluss, sich für eine Umbenennung einzusetzen:

Während über Frenssen wohl nun schlußendlich Einigkeit herrscht, wird ein anderer Fall dagegen wohl kontrovers werden, denn die Genossen möchten auch Dr. Helmut Lemke (1907-1990) vom Straßenschild verbannen, und der ist kein weitgehend vergessener Schriftsteller, sondern ehem. Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein (CDU, 1963-1971), der in der NS-Zeit Bürgermeister von Eckernförde und Schleswig - und natürlich NSDAP-Mitglied - war.
Hier muss man wohl aber einsehen, dass jemand, dem schließlich der langjährige SSW-Landtagsabgeordenete und dänische Widerstandskämpfer Karl Otto Meyer bescheinigt, sich in seiner bis 1983 andauernden parlamentarischen Laufbahn "glaubhaft zum Demokraten gewandelt" zu haben, noch die Chance hatte sich politisch zu bewähren und zu rehabilitieren. 

Es bleibt also wohl viel Gesprächsstoff, wo man rote Linien ziehen sollte.
http://www.kn-online.de/Lokales/Segeberg/SPD-will-Strassennamen-aendern
Link zum Zeitungsbericht in der "Segeberger Zeitung" vom 03.02.2014




Sonntag, 23. Februar 2014

Heider Ratsversammlung empfiehlt Umbenennung

Die Heider Ratsversammlung hat auf ihrer Sitzung am Mittwoch (19.02.2014) fast einhellig dem zuständigen Bauausschuß empfohlen, eine Umbenennung der Heider "Gustav-Frenssen-Straße" vorzunehmen.
Lediglich Ratsherrin Renate Jensen (FDP) erntete Unverständnis für ihren Vorschlag, künftig generell keine Änderungen von Straßennamen mehr zuzulassen. Es müsse auch zukünftigen Generationen im Zuge neuer/alter Erkenntnisse erlaubt bleiben, falsche Entscheidungen zu korrigieren.

Die Entscheidung war erwartet worden, da sich im Laufe einer ausführlichen Berichterstattung in den lokalen Medien ("Dithmarscher Landeszeitung") Vertreter aller Fraktionen vom Ansinnen des Projektes, den Namen des Dithmarscher Schriftstellers und Propagandisten nationalsozistisch-völkischer Ideologie auszutauschen, überzeugt gezeigt hatten.

Nun wird der Bauausschuß der Stadt am 3. April aller Wahrscheinlichkeit nach einen endgültigen Beschluß fassen.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Heute: Sitzung der Heider Ratsversammlung zu Gustav Frenssen

Unter Punkt 9 der heutigen Sitzung der Heider Ratsversammlung, die um 18 Uhr im großen Saal des Bürgerhauses (Neue Anlage 5) zusammenkommt (19.02.) steht die "Aussprache über die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße" (Vorlage: 2014/FD31 BVG/001) auf der Agenda.


Es wird eine öffentliche Aussprache der Ratsherren und der Ratsfraktionen geben, auf der man dem Bauausschuß eine Empfehlung zur Entscheidung geben will. Ob dabei auch schon offizielle Namensvorschläge gemacht werden ist nicht bekannt. Einen Beschluß zur Umbenennung fällt der Bauausschuß voraussichtlich auf seiner Sitzung am dritten März (Siehe: Sitzungskalender der Stadt Heide)

Durch die geringe Resonanz der betroffenen Anwohner, die einem per Post zugestellten Aufruf zu einer Anwohnerversammlung, die am 10. Februar stattfand, nur in geringer Zahl gefolgt waren, sind die politisch Verantwortlichen in ihrer Entscheidung frei, eine verantwortliche Lösung zu treffen.

Der immer wieder - auch in Leserbriefen - zu hörende Forderung nach einer Befragung oder gar einem Entscheid der Anwohner, wie sie auch der Landtagsabgeordnete der Piraten, Patrick Breyer gefordert hatte, ist somit ausreichend erfüllt worden, denn es zeigt sich an diesem Beispiel, dass nicht alles zur basisdemokratischen Entscheidung taugt - erstens inhaltlich, zweitens praktisch. Bei einer anonymen und kostenlosen Umfrage mit per Post zugestellten Rückantwortpostkarten - gleich einer Briefwahl - waren nur 18 der an die Haushalte verschickten Karten zurückgesandt worden (ca. 12%).

Donnerstag, 13. Februar 2014

Anwohnerversammlung - kaum Resonanz, kaum Widerstand

Wie die "Dithmarscher Landeszeitung" in ihrer gestrigen Ausgabe (12.02.2014) berichtet, sind am Montag (10.02.) nur eine Handvoll der ca. 350 Einwohner der Heider Gustav-Frenssen-Straße der Einladung der Stadt Heide zu einer Befragung gefolgt (abgebildet wurde eine Gruppe zumeist älterer Damen und Herren mit vielen leeren Stühlen).

Wie die anschließende Diskussion ergab, würde es von ihrer Seite keinen Widerstand gegen eine Umbenennung geben, wenn auch in der Beantwortung der Frage, ob wirklich ein neuer Name notwendig sei, kein Konsens herrschte.

Am 3. März wird nun der Heider Bauausschuß über die Umbenennung entscheiden. Laut Bürgermeister Stecher, werden sich die Kosten der Umbenennung für die Stadt Heide im Bereich von "höchsten 1000 Euro" bewegen - unter Einbeziehung anderer Verwaltungsausgaben (Planung von Sitzungen etc.) läge man aber bereits über diesem Betrag.

Anwesend war auch Pastorin Luise Jarck-Albers von der Heider "Auferstehungsgemeinde", in deren Räumlichkeiten bereits am 14. Januar ein "Politisches Abendgebet" abgehalten worden war, auf dem über Frenssens nationalsozialistische Publikationen informiert und für eine Umbenennung der Straße gebetet worden war.
- Wir freuen uns, dass unsere Seite dabei als Quelle für zahlreiche Frenssen-Zitate dienen konnte.

Dienstag, 4. Februar 2014

Eine weibliche Alternative: Bertha-von-Suttner-Straße (1983)

Quelle: Sitzungsprotokoll der Sitzung des Kultur- und Bildungsausschußes der Stadt Heide vom 28. September 1983. 
Im Zusammenhang mit der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße, wurde 1983 auch die Bitte der Frauengruppe Heide SPD festgehalten, den Namen der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) künftig zu berücksichtigen. Bis heute gibt es in Heide keine nach der engagierten Friedensaktivistin und Schriftstellerin ("Die Waffen nieder!") benannte Straße.
Wenn bei der geplanten Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße im Heider "Dichterviertel", also auf eine weibliche Schriftstellerin zurückgegriffen werden sollte, so käme der Name der bekannten Autorin, die ihrer Zeit voraus war, die Schrecken eines europäisches Krieges voraussah und eine Woche vor dem Beginn des 1. Weltkrieges - der sich in diesem Jahr zum 100. mal jährt - starb, sicherlich in Betracht.

Die Gleichstellungsstelle der Stadt Heide hatte in der jüngsten Debatte darauf hingewiesen, dass es in Heide nur wenige nach Frauen benannte Straßen gebe:
Siehe dazu: 
http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2014/02/heider-bauausschuss-setzt-zeitplan-zur.html

7 Straße sind in Heide - neben der Louisenstraße und dem Sophienweg -  nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Heider Bauausschuss setzt Zeitplan zur Umbenennung fest (Bericht eines Anwesenden)

 Auf seiner gestrigen öffentlichen Sitzung (3. Februar 2014, 18 Uhr) hat der Bauausschuss der Stadt Heide den Fahrplan für das weitere Vorgehen im Fall der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Heide beschloßen. Unter den Augen von ca. 15 Zuschauern, darunter auch der ehem. Vorsitzende der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung" Berndt Steincke, leitete Bauausschußvorsitzender Manfred Will (SPD) die Sitzung. Das Verfahren zur Umbenennung werde mit den folgenden Schritten weitergeführt:

Für Montag, 10. Februar 2014, 18 Uhr sollen die betroffenen Anwohner der Straße in den Sitzungssaal des Heider Rathauses geladen werden, um zum Vorgang befragt zu werden. [Stand: 06.02.2014. In einer früheren Version des Beitrags hieß es, die Einwohner würden am 12. Februar 2014 in die Auferstehungskirche in der Timm-Kröger-Straße geladen.]

In der folgenden Sitzung der Ratsversammlung am Mittwoch, 19. Februar 2014 werde diese über das Thema debattieren und dem Bauausschuss eine Beschlußempfehlung geben werde.

Der Bauausschuss wird dann auf seiner für den 3. März vorgesehenen Sitzung über die Umbenennung abschließend entscheiden, und im April einen neuen Namen finden.

In der Diskussion kamen verschiedene Einzelaspekte zu Wort. Bürgermeister Ulf Stecher (CDU) informierte darüber, dass derzeit andere Dithmarscher Gemeinden, in denen es Frenssen-Straßen und -Wegen gebe, Informationsmaterial bei ihm angefragt hätten, um ihrerseits Umbenennungsverfahren anzustreben (u.a. Marne). 
Bürgermeister Stecher erklärte, während der Zeit der öffentlichen Diskussion bislang nicht eine einzige Eingabe von einem Anwohner erhalten zu haben und daher mit einer niedrigen Ressonanz der Einwohnerversammlung rechne.
Ausschußmitglied Egon Ott (FDP) gab zu bedenken, die finanziellen Aspekte der Umbenennung nicht außer acht zu lassen, von denen die Anwohner betroffen würden. Hierzu wurde erklärt, dass die Änderung von offiziellen Dokumenten (Personalausweis etc.) grundsätzlich kostenfrei wäre. Für Werbematerialien, Papiere mit Briefköpfen etc. gelte dies nicht.
Vorsitzender Will erwähnte auch noch eine Eingabe der Gleichstellungsstelle der Stadt Heide, die angemerkt hatte, dass die Stadt nur wenigen nach Frauen benannte Straßen besitze und daher eine Umbenennung nach einer Frau geboten sei. Es gäbe auch schon eine bestimmte Namensidee, darüber werde jetzt aber noch nicht gesprochen, so Will.

Siehe auch hier: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/schritt-fuer-schritt-zur-umbenennung.html

Information:

In Heide sind folgende Straßen nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Hinzukommen noch die Louisenstraße (nach Königin Luise von Preußen?) und ein abgelegener Feldweg (Sophienweg), die weibliche Namen tragen.

Da Agnes Miegel eine enge Beziehung zum Nationalsozialismus pflegte (ab 1940 auch NSDAP Mitglied), von dem sie sich auch nach 1945 nicht distanzierte, wurden in den letzten Jahren zunehmend Straßenumbenennungen vorgenommen.

Donnerstag, 23. Januar 2014

"Russenstraße" - DLZ druckt "bösen Scherz" unter falschem Namen ab

Mancher Leser der "Dithmarscher Landeszeitung" wird sich schon bei der Ausgabe vom 21. Januar gewundert haben wie das passieren konnte: Die DLZ hatte zu einer Leserumfrage aufgerufen und darum gebeten, Namensvorschläge im Falle einer Umbenennung der Heider "Gustav-Frenssen-Straße" abzugeben, die wegen der nationalsozialistischen Propaganda des Dithmarscher Schriftstellers seit Wochen in der öffentlichen Kritik steht. Möglich war dies in einem Online-Forum, per Mail und auch per Post. Einen entsprechenden Coupon hierfür zum ausschneiden druckte die Zeitung ab.

In ihrer Ausgabe vom 21. Januar wurde verkündet, dass es "knapp 100 Einsendungen" gegeben habe. 20 von Ihnen druckte sie samt evtl. abgegebener Begründung mit Namen und Wohnort des Absenders ab. Darunter waren auch solche, die sich für eine Beibehaltung des Namens aussprachen. Einer, der von einer Anwohnerin der Gustav-Frenssen-Straße stammen sollte, hatte folgenden Inhalt:
"Gustav-Frenssen-Straße: Der Name soll so bleiben wie er ist. Oder Russenstraße. Hier wohnen fast nur noch Russen."
Man fragt sich nun schon einmal, warum unter den Vorschlägen und Begründungen auch diese zum Abdruck ausgewählt wurde, die latente Vorbehalte gegenüber den u. a. in der Straße lebenden Spätaussiedlern pflegt, die mit der verbalen Stigmatisierung "Russen" belegt werden. Hier allein ließ die DLZ bereits die entsprechende Sensibilität vermissen, indem öffentlich eine Gruppe von Menschen wegen ihrer Herkunft mit einer abwertend gemeinten Bezeichnung stigmatisiert wurde. Die Geschichte bekam aber nochmal eine Wende, als am Folgetag (22. Januar) eine Erklärung in eigener Sache abgegeben werden mußte: 
"Falscher Name angegeben 
Heide (ch) Da hat sich jemand einen bösen Scherz erlaubt: Unter dem Namen und der Anschrift von ...* antwortete ein Unbekannter auf unsere Leser-Umfrage zur Gustav-Frenssen-Straße. "Mir wurde etwas in den Mund gelegt, was ich niemals sagen würde", ärgert sich ....*"
*Vor- und Zuname im Original angegeben.
Kein Wort dazu, dass man besser von vornherein darauf verzichtet hätte. Diese wenig rühmliche Episode reiht sich ein in die Veröffentlichung zweier Leserbriefe im Dezember 2013, die mit antisemitischen Klischee und der Verharmlosung von Rassismus und Euthanasie (Kranken- und Behindertenmorde) aufwarteten.
Der Abdruck des "Russen"-Vorschlages erweitert jedenfalls das Bild, dass so manche Verteidiger von Gustav Frenssen oft nicht nur Liebhaber seiner frühen literarischen Produktion, sondern auch seiner späteren politischen Ansichten sind. So erhielt ich im Zusammenhang mit einer im März/April 2013 durchgeführten Anwohnerumfrage auch folgendermaßen beschriftete Rückantwortkarte:

"Für die Kanaken!! Kanakenstrasse Klein Russland"
  
Es würde mich nicht wundern, wenn der Absender der Karte derselbe ist, der jetzt die Dreistigkeit besaß, betrügerischerweise die Namen seiner Nachbarn zur Verbreitung seiner Gesinnung zu mißbrauchen - Schade, dass er hiermit Erfolg hatte.

Sonntag, 19. Januar 2014

Fußballer, Pferd, Frenssen? – Womit wollen wir uns schmücken?

Die „Dithmarscher Landeszeitung“ veröffentlichte gestern (18.01.2014) eine erste Zusammenstellung von Vorschlägen, die von Lesern als Namensalternative im Falle einer Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße gemacht wurden. Wie immer in solch einem Fall, ist es eine Mischung aus absurden, aber auch ernsthaften und überlegenswerten Namen.

Zu den absurden gehört, wie man auch im Internet-Forum der DLZ nachlesen kann, die Benennung nach dem ehem. VW-Funktionär und Namensgeber der Schröderschen Sozialreformen (Peter-Hartz-Straße) oder auch nach dem derzeitigen Heider Bürgermeister (Ulf-Stecher-Allee, "Grinsebacke-Weg"). Hier hat wohl der ein oder andere die Gelegenheit genutzt um Frust loszuwerden.
Andere Vorschläge sind dagegen rührig: So schlug ein Leser die Benennung nach dem bekanntesten Pferd des Olympia-Goldmedaillengewinners im Mannschaftsspringreiten, Fritz Thiedemann, vor (Meteor-Straße), nach dem in Heide auch schon eine Umgehungsstraße benannt ist (Fritz-Thiedemann-Ring). Dabei ist es ja nicht so, dass diesem Pferd bisher nicht genug Würdigung widerfahren wäre: In Kiel steht vor der Staatskanzlei am Förde-Ufer eine lebensgroße Statue. Im unwahrscheinlichen Falle einer entsprechenden Umbenennung, würde sich das Tier in der Nachbarschaft zur Theodor-Storm-Straße, dem Verfasser des „Schimmelreiters“, vielleicht zwar wohlfühlen. Man würde sich aber doch zu sehr an die Geschichte des römischen Kaisers Caligula erinnert fühlen, der sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul ernennen wollte.
Auch der Heider Fußballer und einmalige Nationalmannschaftspieler Willi Gerdau hätte seinen Namen sicher lieber mehr in sportlichen Zusammenhang gesehen (Stadion des Heider SV o.ä.) als in der Nachspielzeit für Gustav Frenssen in eine Mannschaft von Literaten  eingewechselt zu werden.

Ernsthafter sind dagegen die Vorschläge, die zeitgenössische Literaten nennen: Sarah Kirsch, die 1935 in Thüringen geborene und 2013 verstorbene Lyrikerin lebte nach ihrer Übersiedlung aus der DDR im Jahre 1977, von 1983 bis zu ihrem Tod zurückgezogen in Dithmarschen (Tielenhemme), und war streitbar was politische Unterdrückung oder Verfolgung anging. Andere fänden dagegen Elsa Peters (1906-1998) schön. Die Verfasserin plattdeutscher Geschichten wurde – noch ihren zu Lebzeiten – 1983 in einem Leserbrief bereits einmal als Ersatz für die Gustav-Frenssen-Straße vorgeschlagen („Warum eigentlich immer nur posthume Ehrungen? Wie wär's denn mit „Elsa-Peters-Straße“?“; Leserbrief von Sieglinde Zimmermann, Heide; DLZ vom 20. Sept. 1983).

Es zeigt sich das Dilemma: Wen oder was soll man ehren? Politiker, Pferd oder Sportler? Entweder die plattdeutsche Heimatdichterin oder doch die zugezogene kosmopolitische Lyrikerin? Möglich ist bei Straßen prinzipiell alles, was gesellschaftlich und kommunalpolitisch erwünscht ist, wenn es nun um die Planung neuer Wohn- und Gewerbegebiete geht. Hier geht es aber um die Umbenennung einer bereits bestehenden Straße eines Wohngebietes, das als „Dichter-Viertel“ bekannt ist, und mit "Theodor Storm" oder "Gorch Fock" aufwartet.

Der „fast-Literaturnobelpreisgewinner“ Gustav Frenssen gab in anderen Gemeinden sogar meist die Leitlinie vor: So folgte ihm in Elmshorn – folgerichtig - der tatsächliche Preisgewinner Thomas Mann, in Flensburg folgte dem Ex-Pastor der evangelische Lieddichter Matthias Claudius. Und in Hamburg ersetzte 1986 Anne Frank den Namen des antisemitischen Propagandisten (Übersicht siehe hier: http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2013/03/chronik-umbenennung-von-gustav-frenssen.html).
Als in Kiel eine Gustav-Frenssen-Straße im Jahr 2011 nach Joachim Ringelnatz umbenannt wurde bestimmten die Kommunalpolitiker damals, dass unter dem Straßenschild noch ein Erklärungsschild angebracht wird, das mehr über Gustav Frenssen und weshalb die Straße nicht mehr nach im benannt sein darf aussagt, als dass es über den neuen Namensgeber, der den Nazis als unkonventioneller Kabarettist ein Dorn im Auge war informiert. Man wollte zeigen, dass man sich über Frenssen seine kritischen Gedanken gemacht hatte. Dass Ringelnatz nun aber wie ein „Lückenbüßer“ erscheint, hat man dabei nicht bedacht.
Es ist nicht falsch den jüngeren Frenssen einmal zu lesen, der vom alten Frenssen noch (fast) nichts wusste. In Barlt steht noch sein Haus, in dem die verhängnisvolle Karriere des ehem. Pastors und Erfolgschriftstellers zum Nazi-Propagandisten vermittelt wird und zur Mahnung dienen sollte. Diese Mahnung an einem neuen Straßenschild für jemand anderen ist aber unangebracht.

Gustav Frenssen, für dessen Roman „Otto Babendiek“, den Arno Schmidt für ein „Meisterwerk zweiten Ranges“ hielt, sich einzelne vielleicht zurecht einsetzen, wobei andere sich eine "Jörn-Uhl-Straße" (nach einem anderen Frenssen-Roman) vorstellen können, hat sein Werk zuletzt als „germanisches Schrifttum“ verstehen wollen und viele von den Nazis verfolgte Autoren, die Manns, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger etc. aus der deutschen Kultur ausrotten wollen. Bei der Suche nach einem neuen Straßennamen, die wohl selten von so viel öffentlicher Anteilnahme begleitet worden ist, geht es jedenfalls um viel: Wofür soll die „Heimat“ heute stehen: Pferd oder Fußball? Kulturelle europäische Integration oder provinzielle Erdverbundenheit? Es scheint jedenfalls, dass es hierbei auch um das Selbstverständnis unserer Region gilt: "So weit weg von Hamburg und doch so nah dran an Nordfriesland."  

Montag, 13. Januar 2014

Brunsbüttel: Straßenname mit Beigeschmack (2014)

Auch in Brunsbüttel zieht die in Heide wieder aufgenommene Diskussion um eine Umbenennung hiesiger "Gustav-Frenssen-Straßen" ihre Kreise. Wie die "Norddeutsche Rundschau" am 9. Januar 2014 berichtete griff der "Verein für Brunsbütteler Geschichte" im Rahmen des "historischen Stammtisches" das Thema auf. Jens Binckebanck, Geschichtslehrer am Glückstädter Detlefsengymnasium, forderte nach einem ausführlichen Vortrag zur Lebens- und Werkgeschichte des Bartler Schriftstellers, dass „man sich nicht nur in Heide erneut dem Thema widmet und sich ernsthaft fragt, ob es richtig ist, dass Gustav Frenssen durch die Namensgebung einer Straße geehrt wird.“
Die Diskussion war spätestens vor vier Wochen auch öffentlich nach Brunsbüttel übergeschwappt, nachdem in der "Dithmarscher Landeszeitung" vom 6. Dezember 2013 ein Leserbrief des Brunsbüttlers Walter Höer abgedruckt worden war, in dem dieser namentlich einige Umbenennungsbefürworter in Heide in rhetorischen Wendungen als "Bücherverbrenner" und "Nestbeschmutzer" bezeichnet hatte, denen er unterstellte "Helfer und Kriecher" "einer der selbstbewußtesten Nationen der Erde", die "sich für das auserwählte Volk" halte (= Israel/Juden) zu sein. Höer war als FDP-Direktkandidat bei der Kommunalwahl 2013 in Brunsbüttel angetreten und wäre im Falle einer Umbenennung der Straße persönlich betroffen.

Der unverhohlen antisemitische, diffamierende und ehrverletzende Ton des Leserbriefes, der auch die Frage aufwirft, weshalb die "Dithmarscher Landeszeitung" die Veröffentlichung nicht unterlassen hat, wurde von Binckebanck, der 2011 den Ortsverband der Bündnis/Grünen in Brunsbüttel mitbegründet hatte, wenige Tage später mit einer Replik offengelegt und deutlich mit Zitaten aus Frenssens menschenverachtenden Schriften und aktuellen Bezügen zum NSU-Terror beantwortet (Leserbrief: "Hohe Maßstäbe", 10. Dezember 2013).

In Brunsbüttel kursieren bereits erste Vorschläge im Falle einer Umbenennung der Straße: Als nachträgliches Geschenk zu seinem Geburtstag im Dezember 2013 könnte Willy Brandt Namenspatron werden (Leserbrief von Reimer Lützen, Brunsbüttel in der "Dithmarscher Landeszeitung" vom 10. Januar 2014).

Zum Bericht in der Norddeutschen Rundschau siehe hier:
https://www.shz.de/lokales/norddeutsche-rundschau/strassenname-mit-beigeschmack-id5374331.html

Freitag, 20. Dezember 2013

NDR berichtet über Gustav-Frenssen-Strasse in Heide (19.12.2013)

Mit einem Beitrag im "Schleswig-Holstein-Magazin" hat auch der Norddeutsche Rundfunk (NDR) über das Projekt der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide berichtet und war bei der Präsentation des Ergebnisses der Schüler des GHO am vergangenen Dienstag (17.12.) mit einem Kamera-Team anwesend:

Verlinkung zum Beitrag auf in der Mediathek auf www.ndr.de:
http://www.ndr.de/fernsehen/sendungen/s-h_magazin/media/shmag25651.html
(Auf das Bild klicken)

[Ein kleiner Fehler seitens des NDR: Der erste Umbenennungsversuch war nicht vor 25, sondern vor 30 Jahren]
Auf seiner Website äußerte sich auch der schleswig-holsteinische Landtagsabgeordnete der Piraten-Partei, Patrick Breyer, und forderte eine Umbenennung: http://www.patrick-breyer.de/?p=259867
Wichtig sei ihm, "dass Umbenennungen nicht von oben herab erfolgen, sondern transparent und gemeinsam mit den Bürgern diskutiert werden, notfalls auch durch Bürgerentscheid entschieden werden."

Die Stadt Heide will auch die Bürger zumindest befragen. Einen kleinen Eindruck, wie ein Ergebnis aussehen könnte, und was die Anwohner darüber denken, haben wir vor ein paar Monaten bei einer eigenen Befragung durch Rückantwortpostkarten gewonnen, die zusammen mit einem Anschreiben und einem kurzen Informationsanschreiben an die Haushalte in der Gustav-Frenssen-Straße verteilt wurden.

Freitag, 29. November 2013

Informations-Veranstaltung über Gustav Fressen am 5.12.2013 in Heide

EDIT: Die Veranstaltung fand nach einer ersten Verschiebung nun am 17.12. statt. Kurzer Bericht siehe hier:
http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/gho-schueler-frenssen-als-namensgeber-nicht-geeignet.html
 
Es tut sich was: Wie die "Dithmarscher Landeszeitung bereits am 5. November berichtete wird am 5. Dezember 2013 um 19:30 Uhr in den Räumlichkeiten des Gymnasiums Heide-Ost eine öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema Gustav Frenssen stattfinden. Beginnend mit einem Fachvortrag von Propst Dr. Andreas Crystall zur Person des Autors werden junge Menschen des 13. Jahrgangs des Gymansiums, die sich seit einigen Monaten mit dem dithmarscher Schriftsteller und seiner Wirksamkeit im Nationalsozialismus beschäftigen über Leben und Werk des Autors diskutieren. Anwesend sein wird auch Berndt Steincke, Ehrenvorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide. Die Veranstaltung richtet sich an Interessierte und Anwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide, die nach dem Wunsch der Stiftung einer Umbenennung bedarf, da Frenssen sich im Nationalsozialismus willentlich und aktiv in den Dienst des Regimes stellte und die rassistisch motivierte Verfolgung der Juden und den Massenmord an Behinderten (Euthanasie) rechtfertigte. 

Anders als in dem verlinkten Artikel (s.u.) kann es aber nicht darum gehen, "ob es wirklich nötig ist, dass Heide eine Gustav-Frenssen-Straße hat." Es müßte eigentlich gefragt werden, warum Heide überhaupt noch eine Gustav-Frenssen-Straße hat, die bereits 1983 umbenannt werde sollte, wofür es schon damals dieselben guten Gründe gab wie heute.

Heider Anzeiger vom 20. November 2013, Seite 2:
http://www.e-paper.boyens-medien.de/e-paper/data/20131120/pdf/HEIDE_20131120_5857.pdf

Derselbe Artikel auch hier: http://kirche-dithmarschen.de/wordpress/archives/6371

Montag, 8. Juli 2013

Leserbrief vom 9. August 2012 (Dithmarscher Landeszeitung)

Gustav-Frenssen-Strasse bleibt? 

"Wenn in Heide nun über die Umbenennung der Carl-Diem-Halle debattiert werden soll, die neben jener Schule (St.-Georg) liegt, deren ursprüngliche Benennung nach dem fanatisch-antisemitischen Schriftsteller Adolf Bartels bereits eine unrühmliche Geschichte hat, dann ist das gut so. Ebenfalls muß man sich aber auch fragen, wie lange Heide eine Gustav-Frenssen-Straße unkritisch (be)stehen lassen will? Daß Frenssen ab 1933 zum Propagandisten der Nazis wurde, 1940 in "Recht oder Unrecht - mein Land" die antisemitischen Verbrechen der Nazis rechtfertigte, in seiner "Lebenskunde" von 1942 den Mord nicht nur an Geistigbehinderten, sondern auch an anderen Volksfeinden forderte und dabei den Nationalsozialismus eine Herrschaft des Guten nannte, wiegt meiner Meinung nach zu schwer. Die jüngsten Mahnungen für die Opfer der Diktatur in anderen Heider Straßen ("Stolpersteine") erscheinen angesichts der jahrzehntelangen Ehre eines Straßennamens wie Hohn."

Florian Dunklau

Donnerstag, 11. April 2013

Schützenstraße? Tunnelstraße? - Nie gehört!

Straßenumbenennungen in Heide seit 1910 - über Sinn und Unsinn.

Der gedruckte Stadtplan mit seinen meist geraden Linien verbreitet eine Illusion von Kontinuität. Die meisten älteren Heider werden sich aber noch gut daran erinnern können, welche enormen baulichen Veränderungen durch die Straßendurchbrüche zum Markt und die veränderte Verkehrsführung über die neugeschaffen Verläufe der Marsch- und Bahnhofsstraße ab Ende der 1950 vorgenommen wurden.
Es blieb nicht beim Abriss zahlreicher historischer Gebäude (u.a. des alten Rathauses). Einige der wichtigsten und zudem längsten Straße bekamen in den Jahren 1955 bis 1957 neue Namen. Die heutige Husumer Straße hieß Schützenstraße, die Hamburger Straße war einst der Landweg und die heutige Büsumer Straße war bis 1956 die ursprüngliche Marschstraße, deren Name etwas weiter nördlich für städtische Fortsetzung der Bundesstraße 203 neu vergeben wurde. Im Osten der Stadt wurde zudem aus mehreren Straßen oder Straßenteilstücken die Berliner Straße neu geschaffen.
Das große verkehrsbauliche Modernisierungsprogramm ging also mit der Umbenennung zahlreicher Straßen einher, die Namen nach nah- und fern-gelegenen Städten in der jeweiligen Himmelsrichtung erhielten. Dass hunderte Haushalte sich mit der wohl größten einheitlich betriebenen Namensveränderung in Heides Geschichte an neue Namen gewöhnen mußten, lag die Idee zugrunde, daß die Hauptstraßen einer nach dem Krieg sich auf über 20.000 Einwohner verdoppelten Kreisstadt nicht "Landweg" oder "Schützenstraße" heißen könnten - es ging hier in besonderem Maße um Ästhetik und Übersichtlichkeit im Stadtbild.
Nur einige Jahre zuvor, im Mai 1945, ging es um etwas anderes: Die britische Besetzungbehörden beseitigten in Heide, wie in allen deutschen Städten, die offensichtlichsten Spuren der Nazi-Zeit: Die heutige Bürgermeister-Blaas-Straße etwa, benannt nach dem ersten Bürgermeister der Stadt Heide, August Blaas, war als neu-geschaffene Straße in den 1930er Jahren nach der NS-Ikone Horst Wessel benannt worden.
Auch später wurden immer wieder einzelne Veränderungen an bestehende Straßen vorgenommen: Entweder um Heider Persönlichkeiten zu Ehren (Gasstraße -> Hinrich-Schmidt-Straße (1960er Jahre)), sich den übriggebliebenen Irrtümern der Geschichte zu stellen (Adolf-Bartels-Straße -> Bürgermeister-Vehrs-Straße (1965)), oder um wiederum veränderte städtebauliche Verhältnissen abzubilden (Ibsen-Peters-Straße -> Poststraße (ca. 1973)).

Fazit:
Was rechtfertigt eine Umbenennung bestehender Straßen? Im Mai 1945 war es die "politische Notlage", 1955 bis 1957 waren es ästhetisch-stadtplanerische Aspekte. Würde man beides miteinander vergleichen, würde man wohl zu dem Schluss kommen, dass bei der Umbenennung der Horst-Wessel-Straße (1945) oder der Adolf-Bartels-Straße (1965) gewichtigere Gründe vorlagen, als bei der Umbenennung der Schützenstraße oder des Freudenthal (1952, heute Teil der Norderstraße). Das sollte man auch bei Gustav Frenssen bedenken.

Übersichtskarte 
(Unvollständig. Korrekturen und Ergänzung bitte melden! Zum Vergrößern klicken.):