BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

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Sonntag, 1. Juni 2014

Beitrag des Offenen Kanals Westküste vom 20.02.2014

Ein Beitrag des Offenen Kanals Westküste zur Diskussion um Gustav Frenssen:

http://www.okwestkueste.de/wk/hoeren/on_demand/2014/wk_aktuell_02_feb.php

Zitat: "Gustav Frenssen (1863 - 1945) ist aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit als Namensgeber einer Straße nicht geeignet. Zu diesem eindeutigen Ergebnis ist ein Geschichtsprojekt am Gymnasium Heide Ost gekommen. Jetzt entscheidet die Ratsversammlung über eine Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße."


Autor:
Christian Nicolay

Dauer:
3'55

Datum:
20.02.2014

Mittwoch, 9. April 2014

Rechte Ressentiments im Fahrwasser der Frenssen-Debatte

Der Bauausschuß der Stadt Heide hat am Montag die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Lilly-Wolff-Straße beschlossen. Der Beschluss erfolgte mit Gegenstimme des Bauausschußmitglieds Egon Ott (FDP), der sich für den Namen "Hemmingstedter Straße" eingesetzt hatte. Für die übrigen Mitglieder war die Benennung nach einem prominenten Heider Opfer des Nationalsozialismus aber auch ein Stück "Wiedergutmachung" und Erinnerungsarbeit.

Der Kommentar von Redakteurin Dana Müller dazu in der heutigen Berichterstattung der "Dithmarscher Landeszeitung" (09.04.2014) beschäftigt sich kritisch mit der Debatte:
"Natürlich kann man sich auf den Standpunkt stellen, dass die Umbenennung der Straße eben nicht die Erinnerungskultur beflügle. Und natürlich kann man der Meinung sein, dass die literarischen Leistungen Frenssens wichtiger seien als seine Weltanschauung. Aber viel zu oft fielen auch Äußerungen, die gut in die politischen Verhältnisse der Zeit von 1933 bis 1945 gepasst hätten."
Noch gestern konnte man allerdings in der DLZ wieder nachlesen, was damit gemeint sein könnte. So wurde auf Seite 18 unter dem Titel "Nichts gelernt" ein Leserbrief veröffentlicht, der nicht ausließ, Vorurteile zu schüren und Nazivergleiche zu bemühen. Der Verfasser reagiert darin auf einen Leserbrief von Samstag, 5. April 2014, in dem eine Anwohnerversammlung in Brunsbüttel kritisiert wurde, bei der sich zumindest die anwesenden Bewohner der Gustav-Frenssen-Straße mehrheitlich für eine Beibehaltung des Namens ausgesprochen hatten. 
Der Verfasser des zweiten Leserbriefes kontert unter anderem mit dem völlig überzogenem und für den Angesprochenen ehrverletztenden Satz:

„Ihre Art der Meinungsdiktatur hat zu den Bücherverbrennungen geführt.“

Im weiteren Verlauf beklagt er "Zensur" von "abweichenden Meinungen", wenn diese nicht "pc" [= politically correct] seien, und dass er sich nicht von "Tugendwächtern" sagen lassen wolle, ob er sich einen "Negerkuss" kaufen dürfe. Ganz erheblich verschärft sich dann die Rhetorik noch, wenn er beklagt, dass

„zugleich das Schächten, die Beschneidung, die Zwangsehe mehr oder weniger zugelassen oder zumindest geduldet werden“ 

und:

 „Ehrenmorde unter Umständen „kulturhistorisch strafmildernd“ 
bewertet würden.

Er fordert dann den anfangs angesprochenen Verfasser abschließend das obige zusammenfassend dazu auf: 

„Bekämpfen Sie all das, was heute die Demokratie gefährdet.“


Mit der Aneinanderreihung von zentralen religiösen Ritualen und Speisegeboten sowohl des jüdischen, wie des islamischen Glauben, die in Deutschlang gesetzlich unter dem Grundrecht der Religionsfreiheit (Art. 4 Grundgesetz) erlaubt sind (Praxis der Erteilung von Ausnahmegenehmigungen für jüdische und muslimische Schlachtereien; rechtliche Absicherung und Regelung der Praxis der männlichen Beschneidung durch § 1631d BGB seit 2012) in einem Verein mit schweren und schwersten Straftaten (Nötigung, Mord) geht eine erhebliche Schmähung der jüdischen und islamischen Religion einher, zumal diese abschließend noch als "demokratiegefährend" bezeichnet werden.
Zudem ist es sachlich falsch, dass Zwangsheiraten in Deutschland "zugelassen" oder "geduldet" würden, da seit 2011 der explizite Straftatbestand der Zwangsehe in § 237 StGB definiert wurde, während die Zwangsehe bereits zuvor als Nötigung strafbar war.

Man fragt sich ernsthaft, wie die DLZ hier den Spagat schafft, den oft rechtslastig bis rechtsextremistischen Ton von Beiträgen der Frenssen-Befürwortern zu kritisieren, denen sie doch selbst schon mehrfach durch die Veröffentlichung von Zuschriften ein unnötiges Forum gab: Verharmlosung von NS-Euthanasie und Rassegesetzen; Antisemistismus; Ressentiments gegen Russlanddeutsche... 
Als Fazit lässt sich wohl vorläufig schon konstatieren, dass die Diskussion um Gustav Frenssen heute jede Menge Ressentiments gegen ausländische Mitbürger und das "Fremde" im allgemeinen hochgespült hat - kein schönes Bild für die DLZ, und kein schönes für Dithmarschen.

Dienstag, 8. April 2014

Heide: Aus Gustav-Frenssen-Straße wird Lilly-Wolff-Straße

Auf seiner gestrigen Sitzung hat der Bauausschuß der Stadt Heide als neuen Namen für die Gustav-Frenssen-Straße die Umbenennung in Lilly-Wolff-Straße beschlossen. Die 1912 zum evangelischen Glauben konvertierte Lilly Wolff (1896-1942) war zwischen 1919 und 1933 in Heide als Lehrerin, zunächst bis 1929 an der Klaus-Groth-Schule, bis Sommer 1933 an der Schule Lüttenheid tätig.

Heide hat nun mit der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße nicht nur die bereits vor Jahrzehnten kritisierte Würdigung eines nationalsozialistisch erheblich belasteten Schriftstellers zurückgenommen, sondern zugleich eine Frau ausgezeichnet, die fast anderthalb Jahrzehnte für die Ausbildung und Erziehung von Kindern und Jugendlichen im Dienste der Stadt stand, bis ihr dies durch die nationalsozialistische Diktatur verweigert wurde. 

Nach der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten und auf Grund des von ihnen erlassenen "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums", wurde Lilly Wolff Mitte 1933 gekündigt. 1936 verliess sie Heide und ging nach Berlin, wo sie weiter bis 1942 jüdische Kinder unterrichten konnte.
Am 5. September 1942 wurde sie dort verhaftet und in das Ghetto Riga deportiert, wo sie wenig später ermordet wurde. Ein Stolperstein im Gedenken an Lilly Wolff liegt eingelassen im Gehweg vor der Klaus-Groth-Schule. 

Schon 2009 war der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide" zugesichert worden, künftig eine Straße nach der Lehrerin zu benennen. Damals ging man jedoch von einem Straßen-Neubau an der Hamburger Straße in Heide-Ost aus.

Siehe auch: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/lilly-wolff-statt-gustav-frenssen.html

Samstag, 5. April 2014

Heide: Bauausschuss setzt am Montag neuen Namen fest.

Auf seiner Sitzung am Montag 07.04.2014, um 19 Uhr (im Großen Saal des Bürgerhauses, Neue Anlage 5) wird der Heide Bauausschuss den neuen Namen bestimmen und verkünden, den die Gustav-Frenssen-Straße in Heide künftig tragen wird. Nachdem der Ausschuss einen Monat zuvor (03.03.2014) mit einer Enthaltung einer Umbenennung zugestimmt hatte, ist dies nun der letzte Schritt im Umbenennungsverfahren.

In den letzten Wochen und Monaten gab es viele öffentliche Vorschläge für einen neuen Namen (Thomas-und Heinrich-Mann (Schriftsteller), Sarah-Kirsch (Lyrikerin), Elsa-Peters (plattdeutsche Schriftstellerin), Heinrich-Schultz (Marktmeister)), jedoch keine offiziellen von Seiten der Stadtvertreter, die aus ihren Favoriten teils ein Geheimnis machten. Zuletzt - das scheint sicher - lief es aber daraufhinaus, das eine Frau wird, die wohl auch Schriftstellerin wäre, und somit in das "Dichterviertel" passen würde (so jedenfalls wünschte es sich Bürgermeister Ulf Stecher (CDU)).

Bislang sind Vorschläge, Straßen in Heide nach Opfern des Nationalsozialismus zu benennen weitgehend im Sande verlaufen, bzw. wurden verschoben (Nach der jüdischen Lehrerin Lilly Wolff (1896-1942) soll an der Hamburger Straße eine neu zu bauende Straße benannt werden (Stand: 2009)). Auch Erwin Rehn (1927-2000) wurde in der jüngsten Debatte wieder genannt. Der Heider, der als Schüler 1943 wegen des Entwurfs eines Flugblatts, das zum Widerstand gegen den Nationalsozialismus aufrief ins KZ Mohringen kam, musste nach 1945 unter den gesundheitlichen Folgen der Haft und der Drangsalierung durch die Behörden leiden. 

Rehn, der später zum Judentum konvertierte und zwischen 1970 und 1973 mit seiner Familie in Israel lebte, hat sich bedingt durch seine eigene Erfahrung später gemeinsam mit seiner Tochter auch mit dem Schicksal der einzigen jüdischen Familie in Heide beschäftigt und darüber ein Buch verfasst (Erwin Rehn & Marie-Elisabeth Rehn: "Die Stillschweigs. Eine jüdische Familiensaga. 1862-1944." Hartung-Gorre Verlag: Konstanz 1998).

Die Familie Stillschweig, für deren 4 Angehörige in der Heide Fußgängerzone (Friedrichsstraße) vor wenigen Jahren erst Stolpersteine verlegt wurden, wurde auch diesmal gelegentlich genannt.
Dr. Udo Hennighausen, in Heide ansässiger Augenarzt, macht dazu folgende Vorschläge:
Aus meiner Sicht wäre „Familie-Stillschweig-Straße“ eine sehr sinnvolle Wahl bei der Umbenennung der jetzigen Gustav-Frenssen-Str. Es würde einer jüdischen Familie in Heide gedacht, die bereits früh durch den Nationalsozialismus Leid erfahren musste und deren damals bereits erwachsene vier Kinder später in Ausschwitz umgebracht worden sind. Gleichzeitig würde auch ein Zusammenhang mit der von Frenssen geförderten Ideologie hergestellt. Die Kinder der Familie Stillschweig hießen Frieda, Dagobert, Martha und Gertrude, so dass Namen von Frauen und Männern in gleichem Maße vertreten wären. In einem schmalen Schild unterhalb des Straßennamens sollte als Orientierung für nicht aktuell Ortskundige „vormals Gustav-Frenssen-Straße“ stehen, sachlich und ohne weitere Erklärungen. Öffentliche Erläuterungen oder sogar ein rot durchgestrichenes Namensschild des Schriftstellers, wie es als Möglichkeit in der DLZ abgebildet wurde, sind nach meinem Dafürhalten nicht angebracht: Erst hob man Frenssen auf den Schild und dann würde man ihn posthum öffentlich mental „brandmarken“. Der öffentlich zur Schau Geführte ist tot und könnte nicht mehr Stellung nehmen oder sich wehren! Ein solches Vorgehen wäre in meinem Verständnis ein Akt kultureller Barbarei. Ein Info-Blatt zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Str. könnte man im Rathaus auslegen. In diesem Zusammenhang möchte ich anregen, Frau Dr. Bettina Goldberg, Flensburg, zu einer Lesung aus ihrem Buch „Abseits der Metropolen, die jüdische Minderheit in Schleswig-Holstein“ nach Heide einzuladen.
(Bei der Redaktion der DLZ als Leserbrief eingereicht, aber nicht veröffentlicht.)
Selbst wenn es - wie es scheint - in diesem Fall nicht zu einer entsprechenden Benennung kommt, so wäre es doch schön, wenn sich die vorgeschlagene Lesung mit Dr. Goldberg organisieren ließe.

Presserat missbilligt Leserbrief

Ein Leserbriefschreiber aus Brunsbüttel hatte in einem Leserbrief in der "Dithmarscher Landeszeitung" (06.12.2013) in der Debatte um die Gustav-Frenssen-Straße in mehrere rhetorischen Fragen die Umbenennungsbefürworter, u.a. namentlich genannte Repräsentanten der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung", als  "ewig gestrige Weltverbesserer und Nestbeschmutzer" bezeichnet und in einer umschreibenden Wendung eine vermeintliche jüdisch/zionistisch/israelische Einflussnahme beklagt ("Hat [...] das auserwählte Volk [...] es nötig, sich solcher Helfer und Kriecher zu bedienen?").

Für die Veröffentlichung dieses Leserbriefes kassierte die DLZ nun auch eine Missbilligung des Presserates, nachdem bereits eine öffentliche Rüge für einen anderen, nationalsozialistische Verbrechen verharmlosenden Leserbrief ausgesprochen worden war. Der Beschluss fiel bereits am 11.03.2014. Die Begründung liegt uns aber erst seit heute vor. Darin heißt es:
"der Leserbrief vergleicht die namentlich genannten Akteure in der örtlichen Debatte durch die Passage "Heißen die Bilderstürmer und Bücherverbrenner der Neuzeit, heute Steincke, Crystall, Beuse oder Duncker?" mit Nationalsozialisten, die gewaltsam gegen abweichende Positionen vorgehen. Das ist ehrverletzend. Dass die Redaktion diesen Leserbrief dennoch veröffentlicht hat, widerspricht den Publizistischen Grundsätzen des Pressekodex." (Schreiben des Presserats an den Beschwerdeführer, 03.04.2014, Seite 2)
Missbilligungen müssen nach § 15 der Beschwerdeordnung nicht abgedruckt werden. Als Ausdruck fairer Berichterstattung empfiehlt der Beschwerdeausschuß aber eine solche Entscheidung. Wir werden sehen/lesen, was passiert. Zumindest im Umgang mit dem Rügenabdruck, zeigte sich die Zeitung zuletzt eher zerknirscht.

Mittwoch, 5. März 2014

Heider Bauausschuss stimmt gegen Frenssen-Straße

Der Bauausschuss der Stadt Heide hat auf seiner Sitzung am Montag (03.03.2014) mit eindeutigem Votum für die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße gestimmt - wenn auch nicht einstimmig. So enthielt sich Ausschussmitglied Joachim Lindemann (CDU) der Stimme.

An der öffentlichen Sitzung, die in den Großen Saal des Bürgerhauses verlegt worden war, nahm nur eine Handvoll Bürger teil. Schon zu einer Bürgerbefragung waren von 374 Anwohnern lediglich 8 erschienen.

Bauausschuss-Mitglied Egon Ott (FDP) erinnerte an Frenssens literarische Verdienste um das Jahr 1900 herum. Die Tatsache aber, dass Frenssen in den Nationalsozialismus "nicht nur einstimmte, sondern Wortführer wurde", machte den Schritt einer Umbenennung letztlich unausweichlich.

Ausschussvorsitzender Manfred Will (SPD) erklärte, dass er sich in den letzten Wochen viel mit den Meinungen der Bürgern zu diesem Thema auseinandergesetzt habe. "Welche Einstellung da manch einer gezeigt hätte"(von denjenigen, die gegen eine Umbenennung waren) habe ihn überrascht.

In der Facebook-Gruppe "Du lebst schon lange in Heide, wenn" war die Nachricht von der beschlossenen Umbenennung jedenfalls Grund für einige sich auszulassen. Von "Quatsch" und "Sinnloses Geld ausgeben" über "lasst die Vergangenheit mal langsam ruhen." reichen die Äußerungen bis hinein in den rechtsextrem-antisemitischen Bereich: "alles beschissene arschkriecher die zugestimmt haben. wie soll sie heißen. u.s.a strasse, oder hakennasenstrasse, oder.... ihr seid doch idioten."

Das klare Ergebnis hatte sich dagegen schon seit Wochen abgezeichnet. Ein neuer Name wird im Laufe der nächsten Wochen gefunden werden. Laut Bürgermeister Ulf Stecher (CDU) werde es dabei wohl auf einen Frauennamen hinauslaufen.

Siehe dazu die Printausgabe der DLZ vom 05.03.2014 und unter: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/bauausschuss-stimmt-umbenennung-zu.html

Kommentar:

Würden Sie jemanden ehren wollen, der erst einen Massenmord forderte und ihn dann rechtfertigte als dieser schließlich verübt wurde? Sicher nicht. Der Heider Bauausschuss hat nun fast einstimmig eine Empfehlung zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße abgegeben, und auch 30 Jahre nach dem ersten Versuch, gab es Menschen, die Frenssen mit seiner Zeit oder seinem Alter entlasten wollten. War er tatsächlich nur ein „Mitläufer“, dem die „Anschauung des NS-Regimes nicht in vollem Ausmaße bewusst“ war? Dass sich diese Einschätzung nun ausgerechnet wörtlich so im Gutachten des GHO findet, könnte diejenigen bestärken, die Frenssen als einen vom heutigen Zeitgeist verfolgten Menschen stilisieren wollten. Im Entnazifizierungsverfahren nach 1945 war „Mitläufer“ die zweitniedrigste Kategorie in die – in der Theorie – Menschen eingestuft wurden, die „nicht mehr als nominell am Nationalsozialismus teilgenommen oder ihn nur unwesentlich unterstützt“ hatten (Kontrollratsgesetz Nr. 104, Art. 12). Dazu reichte u. U. - wie im Fall des Widerstandskämpfers Erwin Rehn – auch schon die Mitgliedschaft in der HJ aus. Frenssen also auf einer Stufe mit Jugendlichen? Frenssen war ein Aktivist, der Menschenverachtung in hunderttausendfacher Auflage propagiert hat - auch vor 1933. Die klare Feststellung über das Unverzeihliche am „Schreibtischtäter“ Frenssen, jenseits seines künstlerischen Werkes, war und ist wichtig als Maßstab für andere: Wenn Frenssen nicht als „Belasteter“ gilt bleibt kaum „Luft nach unten“ für Nachsicht mit dem Typ des millionenfachen Mitläufers, zu denen auch viele gehörten, die die Natur und Schuld der Diktatur erkannten und sie mit einem inneren Widerspruch zu überleben versuchten. Die von mir 2012 in einem Leserbrief bei Gustav Frenssen geforderte „rote Linie“ ist nicht ideologisch, nicht beliebig und nicht kleinlich, sondern im Angesicht von mörderischen Verbrechen gezogen. Wer das jetzt noch nicht sieht, will es auch nicht.
Florian Dunklau          

Sonntag, 23. Februar 2014

Heider Ratsversammlung empfiehlt Umbenennung

Die Heider Ratsversammlung hat auf ihrer Sitzung am Mittwoch (19.02.2014) fast einhellig dem zuständigen Bauausschuß empfohlen, eine Umbenennung der Heider "Gustav-Frenssen-Straße" vorzunehmen.
Lediglich Ratsherrin Renate Jensen (FDP) erntete Unverständnis für ihren Vorschlag, künftig generell keine Änderungen von Straßennamen mehr zuzulassen. Es müsse auch zukünftigen Generationen im Zuge neuer/alter Erkenntnisse erlaubt bleiben, falsche Entscheidungen zu korrigieren.

Die Entscheidung war erwartet worden, da sich im Laufe einer ausführlichen Berichterstattung in den lokalen Medien ("Dithmarscher Landeszeitung") Vertreter aller Fraktionen vom Ansinnen des Projektes, den Namen des Dithmarscher Schriftstellers und Propagandisten nationalsozistisch-völkischer Ideologie auszutauschen, überzeugt gezeigt hatten.

Nun wird der Bauausschuß der Stadt am 3. April aller Wahrscheinlichkeit nach einen endgültigen Beschluß fassen.

Mittwoch, 19. Februar 2014

Heute: Sitzung der Heider Ratsversammlung zu Gustav Frenssen

Unter Punkt 9 der heutigen Sitzung der Heider Ratsversammlung, die um 18 Uhr im großen Saal des Bürgerhauses (Neue Anlage 5) zusammenkommt (19.02.) steht die "Aussprache über die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße" (Vorlage: 2014/FD31 BVG/001) auf der Agenda.


Es wird eine öffentliche Aussprache der Ratsherren und der Ratsfraktionen geben, auf der man dem Bauausschuß eine Empfehlung zur Entscheidung geben will. Ob dabei auch schon offizielle Namensvorschläge gemacht werden ist nicht bekannt. Einen Beschluß zur Umbenennung fällt der Bauausschuß voraussichtlich auf seiner Sitzung am dritten März (Siehe: Sitzungskalender der Stadt Heide)

Durch die geringe Resonanz der betroffenen Anwohner, die einem per Post zugestellten Aufruf zu einer Anwohnerversammlung, die am 10. Februar stattfand, nur in geringer Zahl gefolgt waren, sind die politisch Verantwortlichen in ihrer Entscheidung frei, eine verantwortliche Lösung zu treffen.

Der immer wieder - auch in Leserbriefen - zu hörende Forderung nach einer Befragung oder gar einem Entscheid der Anwohner, wie sie auch der Landtagsabgeordnete der Piraten, Patrick Breyer gefordert hatte, ist somit ausreichend erfüllt worden, denn es zeigt sich an diesem Beispiel, dass nicht alles zur basisdemokratischen Entscheidung taugt - erstens inhaltlich, zweitens praktisch. Bei einer anonymen und kostenlosen Umfrage mit per Post zugestellten Rückantwortpostkarten - gleich einer Briefwahl - waren nur 18 der an die Haushalte verschickten Karten zurückgesandt worden (ca. 12%).

Donnerstag, 13. Februar 2014

Anwohnerversammlung - kaum Resonanz, kaum Widerstand

Wie die "Dithmarscher Landeszeitung" in ihrer gestrigen Ausgabe (12.02.2014) berichtet, sind am Montag (10.02.) nur eine Handvoll der ca. 350 Einwohner der Heider Gustav-Frenssen-Straße der Einladung der Stadt Heide zu einer Befragung gefolgt (abgebildet wurde eine Gruppe zumeist älterer Damen und Herren mit vielen leeren Stühlen).

Wie die anschließende Diskussion ergab, würde es von ihrer Seite keinen Widerstand gegen eine Umbenennung geben, wenn auch in der Beantwortung der Frage, ob wirklich ein neuer Name notwendig sei, kein Konsens herrschte.

Am 3. März wird nun der Heider Bauausschuß über die Umbenennung entscheiden. Laut Bürgermeister Stecher, werden sich die Kosten der Umbenennung für die Stadt Heide im Bereich von "höchsten 1000 Euro" bewegen - unter Einbeziehung anderer Verwaltungsausgaben (Planung von Sitzungen etc.) läge man aber bereits über diesem Betrag.

Anwesend war auch Pastorin Luise Jarck-Albers von der Heider "Auferstehungsgemeinde", in deren Räumlichkeiten bereits am 14. Januar ein "Politisches Abendgebet" abgehalten worden war, auf dem über Frenssens nationalsozialistische Publikationen informiert und für eine Umbenennung der Straße gebetet worden war.
- Wir freuen uns, dass unsere Seite dabei als Quelle für zahlreiche Frenssen-Zitate dienen konnte.

Donnerstag, 6. Februar 2014

Erörterung des Gymnasiums Heide-Ost (2013) online

Die von einer Abiturklasse des Gymnasiums Heide-Ost im Rahmen eines Projektes verfasste Erörterung zum Politikum Gustav Frenssen ist jetzt hier online zu finden:

http://www.gymnasium-heide-ost.de/CMS/index.php?option=com_content&task=view&id=1293&Itemid=334

Als Betreiber dieses Blogs, der sich bemüht, über Gustav Frenssen und seine politischen Anschauungen ausführlich, v. a. mit wörtlichen Zitaten aus seinen Büchern zu informieren, möchte ich ein paar Dinge anmerken, da der veröffentlichte Text der Schüler leider teils ergänzungs- und korrekturbedürftig ist. Dazu folgendes (weitergehenden Informationen sind als Hyperlinks angegeben):
  1. Als Sekundärliteratur wurde die Dissertation von Dr. Andreas Crystall benutzt. Schade ist, dass die als Primärquellen angegebenen Schriften Gustav Frenssens daher weniger gründlich gelesen worden zu sein scheinen, da viele durchaus bemerkenswerte Belegstellen in den Schriften nicht genannt werden (siehe unten). Hieraus erklärt sich auch, weshalb so sehr auf das „Antichristliche“ bei Frenssen, seine Kritik an der Kirche etc. angehoben wird, da das Verhältnis zur Kirche Thema der Arbeit des Propstes war.
  2. Gravierend ist in diesem Zusammengang dann, dass an keiner Stelle auf jene Aussagen Frenssens verwiesen wird, die schärfste Kritik verdienten: Seine Forderung eines Massenmordes an Geistig- und körperlich Behinderten, „Diebe[n], Arbeitsunwillige[n], Herumstreicher[n], Volksfeinden[n] aus krankem Willen oder um Geld“ („Lebenskunde“ (1942), S. 53). So bereitet es Unbehagen, wenn es in der Erörterung zum Inhalt der „Lebenskunde“ heißt, es ginge um „Diskriminierungen gegen Behinderte und Menschen, die ins Kloster eintreten.“ Das Wort „Euthanasie“ fällt in „Absatz 2“, in dem es gerade um die dafür relevanten Schriften geht, nicht ein einziges Mal.
  3. Leider werden die besprochenen Inhalte der Frenssen-Bücher zudem chronologisch nicht korrekt eingeordnet, sondern ein Durcheinander hinsichtlich der Entwicklung seiner politischen Ansichten verursacht: So werden in „Absatz 1“ (Seite 3 und 4) die Bücher „Möwen und Mäuse“ (veröffentlicht 1927, nicht 1928) und der „Lebensbericht“ (1940) gemeinsam besprochen, obwohl der Inhalt von „Möwen und Mäuse“ (Frenssens Notizen der Jahre 1906 bis 1920) z.T. mehr als drei Jahrzehnte vor der Endredaktion des „Lebensberichtes“ liegen, ohne das dies deutlich gemacht wird.
    Gleiches gilt in „Absatz 2“ (Seite 5 und 6) für „Vorland“, bzw. das darin enthaltene „Tagebuch von 2023“. „Vorland“ erschien als dritter Band der „Grübeleien“ zwar erst 1937, enthält aber die Notizen der Jahre 1920 bis 1935. Das „Tagebuch von 2023“ darin stammt schon aus dem Jahr 1923. Es ist also gerade kein Zeugnis für Frenssens nach 1933 eingetretene „drastische Wandlung“, sondern für sein weit vor 1933 vorgebildetes Weltbild und seine Forderung nach der Tötung „Wertloser“, bzw. Einweisung zu lebenslangem Zwangslager.
  4. In „Absatz 3“ (Seite 7 und 8) finden sich zudem folgende Aussagen: 
    „Gustav Frenssen beschäftigte sich vor 1933 nicht mit der Judenbekämpfung, auch in seinen frühen Werken sind keinerlei antisemitische Äußerungen zu finden. Er hatte sogar jüdische Freunde. Die Anschauung des NS-Regimes war dem Schriftsteller nicht im vollen Ausmaße bewusst. Daher ist es falsch, ihn als Nationalsozialisten zu denunzieren.“
    Diese Aussagen sind teils falsch, bzw. ihre Wertung unverständlich: Wie er in seinem „Lebensbericht“ (1940) zu Protokoll gibt, sei er „von 1923 an […] langsam“ ein Antisemit geworden (S. 277) und dies gerade, obwohl die Juden, die er persönlich kannte „gute und hilfreiche Menschen“ gewesen seien (ebd.). 
    Frühe Äußerungen aus den Jahren 1906-1920 in „Möwen und Mäuse“ (1927), S. 58-59, und 223; und „Vorland“ (1937), S. 155, zeigen seine Ablehnung von Juden und Judentum als „widerdeutscher“, „fremder“ „Rasse“. 
     Frenssen hat die Kernziele des Nationalsozialismus („Ausmerzung“ des jüdischen „Einflusses“ in Deutschland („Der Weg unseres Volkes“ (1938), S. 232f., „Lebensbericht“ (1940), S. 275-276); „Recht oder Unrecht“ (1940), S. 8-10), Schaffung einer „gesunden, germanischen Volksgemeinschaft“ durch Euthanasie, Eugenik und Rassegesetze („Lebenskunde“ (1942), S. 52-53, 91), durch Krieg zu erzielende Lebensraumpolitik („Recht oder Unrecht“ (1940), S. 11-13; „Lebenskunde“ (1942), S. 92-93), Diktatur und Führerprinzip („Recht oder Unrecht“, S. 52-55; „Lebenskunde“ (1942), S. 99-100)) in seinen Schriften gebilligt und propagiert. Wenn ihm dann der Nationalsozialismus nicht „im vollen Ausmaße“ bewusst gewesen sein soll, wem dann?

Dienstag, 4. Februar 2014

Eine weibliche Alternative: Bertha-von-Suttner-Straße (1983)

Quelle: Sitzungsprotokoll der Sitzung des Kultur- und Bildungsausschußes der Stadt Heide vom 28. September 1983. 
Im Zusammenhang mit der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße, wurde 1983 auch die Bitte der Frauengruppe Heide SPD festgehalten, den Namen der Friedensnobelpreisträgerin Bertha von Suttner (1843-1914) künftig zu berücksichtigen. Bis heute gibt es in Heide keine nach der engagierten Friedensaktivistin und Schriftstellerin ("Die Waffen nieder!") benannte Straße.
Wenn bei der geplanten Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße im Heider "Dichterviertel", also auf eine weibliche Schriftstellerin zurückgegriffen werden sollte, so käme der Name der bekannten Autorin, die ihrer Zeit voraus war, die Schrecken eines europäisches Krieges voraussah und eine Woche vor dem Beginn des 1. Weltkrieges - der sich in diesem Jahr zum 100. mal jährt - starb, sicherlich in Betracht.

Die Gleichstellungsstelle der Stadt Heide hatte in der jüngsten Debatte darauf hingewiesen, dass es in Heide nur wenige nach Frauen benannte Straßen gebe:
Siehe dazu: 
http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2014/02/heider-bauausschuss-setzt-zeitplan-zur.html

7 Straße sind in Heide - neben der Louisenstraße und dem Sophienweg -  nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Heider Bauausschuss setzt Zeitplan zur Umbenennung fest (Bericht eines Anwesenden)

 Auf seiner gestrigen öffentlichen Sitzung (3. Februar 2014, 18 Uhr) hat der Bauausschuss der Stadt Heide den Fahrplan für das weitere Vorgehen im Fall der Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Heide beschloßen. Unter den Augen von ca. 15 Zuschauern, darunter auch der ehem. Vorsitzende der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung" Berndt Steincke, leitete Bauausschußvorsitzender Manfred Will (SPD) die Sitzung. Das Verfahren zur Umbenennung werde mit den folgenden Schritten weitergeführt:

Für Montag, 10. Februar 2014, 18 Uhr sollen die betroffenen Anwohner der Straße in den Sitzungssaal des Heider Rathauses geladen werden, um zum Vorgang befragt zu werden. [Stand: 06.02.2014. In einer früheren Version des Beitrags hieß es, die Einwohner würden am 12. Februar 2014 in die Auferstehungskirche in der Timm-Kröger-Straße geladen.]

In der folgenden Sitzung der Ratsversammlung am Mittwoch, 19. Februar 2014 werde diese über das Thema debattieren und dem Bauausschuss eine Beschlußempfehlung geben werde.

Der Bauausschuss wird dann auf seiner für den 3. März vorgesehenen Sitzung über die Umbenennung abschließend entscheiden, und im April einen neuen Namen finden.

In der Diskussion kamen verschiedene Einzelaspekte zu Wort. Bürgermeister Ulf Stecher (CDU) informierte darüber, dass derzeit andere Dithmarscher Gemeinden, in denen es Frenssen-Straßen und -Wegen gebe, Informationsmaterial bei ihm angefragt hätten, um ihrerseits Umbenennungsverfahren anzustreben (u.a. Marne). 
Bürgermeister Stecher erklärte, während der Zeit der öffentlichen Diskussion bislang nicht eine einzige Eingabe von einem Anwohner erhalten zu haben und daher mit einer niedrigen Ressonanz der Einwohnerversammlung rechne.
Ausschußmitglied Egon Ott (FDP) gab zu bedenken, die finanziellen Aspekte der Umbenennung nicht außer acht zu lassen, von denen die Anwohner betroffen würden. Hierzu wurde erklärt, dass die Änderung von offiziellen Dokumenten (Personalausweis etc.) grundsätzlich kostenfrei wäre. Für Werbematerialien, Papiere mit Briefköpfen etc. gelte dies nicht.
Vorsitzender Will erwähnte auch noch eine Eingabe der Gleichstellungsstelle der Stadt Heide, die angemerkt hatte, dass die Stadt nur wenigen nach Frauen benannte Straßen besitze und daher eine Umbenennung nach einer Frau geboten sei. Es gäbe auch schon eine bestimmte Namensidee, darüber werde jetzt aber noch nicht gesprochen, so Will.

Siehe auch hier: http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/schritt-fuer-schritt-zur-umbenennung.html

Information:

In Heide sind folgende Straßen nach Frauen benannt:

Dorothea Erxleben-Straße (1715-1762), Ärztin und Pionierin des Frauenstudiums
Sophie Dettleffs-Straße (1809-1864), plattdeutsche Dichterin
Postelweg (nach Wilhelmine Sophie Elsebea Postel (1844-1933))
Anna-Prall-Weg (1846-1924), Mitgründerin des „Vaterländischen Frauenvereins“ und fast 48 Jahre lang dessen Vorsitzende (siehe hier: http://www.frauenwerk.nordkirche.de/docs/inno_13.pdf, Seite 25)
Marie-Curie-Weg (1867-1934), Physikerin
Agnes Miegel-Straße (1879-1964), ostpreußische Dichterin
Erna Weißenborn-Ring (1898-1973), Romanschriftstellerin und Dramatikerin

Hinzukommen noch die Louisenstraße (nach Königin Luise von Preußen?) und ein abgelegener Feldweg (Sophienweg), die weibliche Namen tragen.

Da Agnes Miegel eine enge Beziehung zum Nationalsozialismus pflegte (ab 1940 auch NSDAP Mitglied), von dem sie sich auch nach 1945 nicht distanzierte, wurden in den letzten Jahren zunehmend Straßenumbenennungen vorgenommen.

Donnerstag, 23. Januar 2014

"Russenstraße" - DLZ druckt "bösen Scherz" unter falschem Namen ab

Mancher Leser der "Dithmarscher Landeszeitung" wird sich schon bei der Ausgabe vom 21. Januar gewundert haben wie das passieren konnte: Die DLZ hatte zu einer Leserumfrage aufgerufen und darum gebeten, Namensvorschläge im Falle einer Umbenennung der Heider "Gustav-Frenssen-Straße" abzugeben, die wegen der nationalsozialistischen Propaganda des Dithmarscher Schriftstellers seit Wochen in der öffentlichen Kritik steht. Möglich war dies in einem Online-Forum, per Mail und auch per Post. Einen entsprechenden Coupon hierfür zum ausschneiden druckte die Zeitung ab.

In ihrer Ausgabe vom 21. Januar wurde verkündet, dass es "knapp 100 Einsendungen" gegeben habe. 20 von Ihnen druckte sie samt evtl. abgegebener Begründung mit Namen und Wohnort des Absenders ab. Darunter waren auch solche, die sich für eine Beibehaltung des Namens aussprachen. Einer, der von einer Anwohnerin der Gustav-Frenssen-Straße stammen sollte, hatte folgenden Inhalt:
"Gustav-Frenssen-Straße: Der Name soll so bleiben wie er ist. Oder Russenstraße. Hier wohnen fast nur noch Russen."
Man fragt sich nun schon einmal, warum unter den Vorschlägen und Begründungen auch diese zum Abdruck ausgewählt wurde, die latente Vorbehalte gegenüber den u. a. in der Straße lebenden Spätaussiedlern pflegt, die mit der verbalen Stigmatisierung "Russen" belegt werden. Hier allein ließ die DLZ bereits die entsprechende Sensibilität vermissen, indem öffentlich eine Gruppe von Menschen wegen ihrer Herkunft mit einer abwertend gemeinten Bezeichnung stigmatisiert wurde. Die Geschichte bekam aber nochmal eine Wende, als am Folgetag (22. Januar) eine Erklärung in eigener Sache abgegeben werden mußte: 
"Falscher Name angegeben 
Heide (ch) Da hat sich jemand einen bösen Scherz erlaubt: Unter dem Namen und der Anschrift von ...* antwortete ein Unbekannter auf unsere Leser-Umfrage zur Gustav-Frenssen-Straße. "Mir wurde etwas in den Mund gelegt, was ich niemals sagen würde", ärgert sich ....*"
*Vor- und Zuname im Original angegeben.
Kein Wort dazu, dass man besser von vornherein darauf verzichtet hätte. Diese wenig rühmliche Episode reiht sich ein in die Veröffentlichung zweier Leserbriefe im Dezember 2013, die mit antisemitischen Klischee und der Verharmlosung von Rassismus und Euthanasie (Kranken- und Behindertenmorde) aufwarteten.
Der Abdruck des "Russen"-Vorschlages erweitert jedenfalls das Bild, dass so manche Verteidiger von Gustav Frenssen oft nicht nur Liebhaber seiner frühen literarischen Produktion, sondern auch seiner späteren politischen Ansichten sind. So erhielt ich im Zusammenhang mit einer im März/April 2013 durchgeführten Anwohnerumfrage auch folgendermaßen beschriftete Rückantwortkarte:

"Für die Kanaken!! Kanakenstrasse Klein Russland"
  
Es würde mich nicht wundern, wenn der Absender der Karte derselbe ist, der jetzt die Dreistigkeit besaß, betrügerischerweise die Namen seiner Nachbarn zur Verbreitung seiner Gesinnung zu mißbrauchen - Schade, dass er hiermit Erfolg hatte.

Sonntag, 19. Januar 2014

Fußballer, Pferd, Frenssen? – Womit wollen wir uns schmücken?

Die „Dithmarscher Landeszeitung“ veröffentlichte gestern (18.01.2014) eine erste Zusammenstellung von Vorschlägen, die von Lesern als Namensalternative im Falle einer Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße gemacht wurden. Wie immer in solch einem Fall, ist es eine Mischung aus absurden, aber auch ernsthaften und überlegenswerten Namen.

Zu den absurden gehört, wie man auch im Internet-Forum der DLZ nachlesen kann, die Benennung nach dem ehem. VW-Funktionär und Namensgeber der Schröderschen Sozialreformen (Peter-Hartz-Straße) oder auch nach dem derzeitigen Heider Bürgermeister (Ulf-Stecher-Allee, "Grinsebacke-Weg"). Hier hat wohl der ein oder andere die Gelegenheit genutzt um Frust loszuwerden.
Andere Vorschläge sind dagegen rührig: So schlug ein Leser die Benennung nach dem bekanntesten Pferd des Olympia-Goldmedaillengewinners im Mannschaftsspringreiten, Fritz Thiedemann, vor (Meteor-Straße), nach dem in Heide auch schon eine Umgehungsstraße benannt ist (Fritz-Thiedemann-Ring). Dabei ist es ja nicht so, dass diesem Pferd bisher nicht genug Würdigung widerfahren wäre: In Kiel steht vor der Staatskanzlei am Förde-Ufer eine lebensgroße Statue. Im unwahrscheinlichen Falle einer entsprechenden Umbenennung, würde sich das Tier in der Nachbarschaft zur Theodor-Storm-Straße, dem Verfasser des „Schimmelreiters“, vielleicht zwar wohlfühlen. Man würde sich aber doch zu sehr an die Geschichte des römischen Kaisers Caligula erinnert fühlen, der sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul ernennen wollte.
Auch der Heider Fußballer und einmalige Nationalmannschaftspieler Willi Gerdau hätte seinen Namen sicher lieber mehr in sportlichen Zusammenhang gesehen (Stadion des Heider SV o.ä.) als in der Nachspielzeit für Gustav Frenssen in eine Mannschaft von Literaten  eingewechselt zu werden.

Ernsthafter sind dagegen die Vorschläge, die zeitgenössische Literaten nennen: Sarah Kirsch, die 1935 in Thüringen geborene und 2013 verstorbene Lyrikerin lebte nach ihrer Übersiedlung aus der DDR im Jahre 1977, von 1983 bis zu ihrem Tod zurückgezogen in Dithmarschen (Tielenhemme), und war streitbar was politische Unterdrückung oder Verfolgung anging. Andere fänden dagegen Elsa Peters (1906-1998) schön. Die Verfasserin plattdeutscher Geschichten wurde – noch ihren zu Lebzeiten – 1983 in einem Leserbrief bereits einmal als Ersatz für die Gustav-Frenssen-Straße vorgeschlagen („Warum eigentlich immer nur posthume Ehrungen? Wie wär's denn mit „Elsa-Peters-Straße“?“; Leserbrief von Sieglinde Zimmermann, Heide; DLZ vom 20. Sept. 1983).

Es zeigt sich das Dilemma: Wen oder was soll man ehren? Politiker, Pferd oder Sportler? Entweder die plattdeutsche Heimatdichterin oder doch die zugezogene kosmopolitische Lyrikerin? Möglich ist bei Straßen prinzipiell alles, was gesellschaftlich und kommunalpolitisch erwünscht ist, wenn es nun um die Planung neuer Wohn- und Gewerbegebiete geht. Hier geht es aber um die Umbenennung einer bereits bestehenden Straße eines Wohngebietes, das als „Dichter-Viertel“ bekannt ist, und mit "Theodor Storm" oder "Gorch Fock" aufwartet.

Der „fast-Literaturnobelpreisgewinner“ Gustav Frenssen gab in anderen Gemeinden sogar meist die Leitlinie vor: So folgte ihm in Elmshorn – folgerichtig - der tatsächliche Preisgewinner Thomas Mann, in Flensburg folgte dem Ex-Pastor der evangelische Lieddichter Matthias Claudius. Und in Hamburg ersetzte 1986 Anne Frank den Namen des antisemitischen Propagandisten (Übersicht siehe hier: http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2013/03/chronik-umbenennung-von-gustav-frenssen.html).
Als in Kiel eine Gustav-Frenssen-Straße im Jahr 2011 nach Joachim Ringelnatz umbenannt wurde bestimmten die Kommunalpolitiker damals, dass unter dem Straßenschild noch ein Erklärungsschild angebracht wird, das mehr über Gustav Frenssen und weshalb die Straße nicht mehr nach im benannt sein darf aussagt, als dass es über den neuen Namensgeber, der den Nazis als unkonventioneller Kabarettist ein Dorn im Auge war informiert. Man wollte zeigen, dass man sich über Frenssen seine kritischen Gedanken gemacht hatte. Dass Ringelnatz nun aber wie ein „Lückenbüßer“ erscheint, hat man dabei nicht bedacht.
Es ist nicht falsch den jüngeren Frenssen einmal zu lesen, der vom alten Frenssen noch (fast) nichts wusste. In Barlt steht noch sein Haus, in dem die verhängnisvolle Karriere des ehem. Pastors und Erfolgschriftstellers zum Nazi-Propagandisten vermittelt wird und zur Mahnung dienen sollte. Diese Mahnung an einem neuen Straßenschild für jemand anderen ist aber unangebracht.

Gustav Frenssen, für dessen Roman „Otto Babendiek“, den Arno Schmidt für ein „Meisterwerk zweiten Ranges“ hielt, sich einzelne vielleicht zurecht einsetzen, wobei andere sich eine "Jörn-Uhl-Straße" (nach einem anderen Frenssen-Roman) vorstellen können, hat sein Werk zuletzt als „germanisches Schrifttum“ verstehen wollen und viele von den Nazis verfolgte Autoren, die Manns, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger etc. aus der deutschen Kultur ausrotten wollen. Bei der Suche nach einem neuen Straßennamen, die wohl selten von so viel öffentlicher Anteilnahme begleitet worden ist, geht es jedenfalls um viel: Wofür soll die „Heimat“ heute stehen: Pferd oder Fußball? Kulturelle europäische Integration oder provinzielle Erdverbundenheit? Es scheint jedenfalls, dass es hierbei auch um das Selbstverständnis unserer Region gilt: "So weit weg von Hamburg und doch so nah dran an Nordfriesland."  

Donnerstag, 2. Januar 2014

Offen antisemitische und fremdenfeindliche Leserbriefe in der Frenssen-Debatte (2013)

Im Vorfeld und nach der Informationsveranstaltung zum Thema "Das Politikum Gustav Frenssen" am 17. Dezember 2013 im Kulturforum Heide-Ost wurden in der "Dithmarscher Landeszeitung" zwei Leserbriefe veröffentlicht, in denen die Autoren eine ideologische Nähe zu Frenssen zum Ausdruck brachten und dabei aggressiv-rechte Äußerungen tätigten.

Am 9. Dezember schrieb Walter Höer aus Brunsbüttel auf die Berichterstattung zum Thema "Gustav-Frenssen-Straße" hin:
"In der Mitte des Artikels fragte ich mich: "Denkt der Leser jetzt, ob hier nur harmlose Leute tätig sind, die ein Haar in der Suppe suchen, oder sind es ewig gestrige Weltverbesserer und Nestbeschmutzer?" Am Ende fragte ich mich: "Hat eine der selbstbewusstesten Nationen der Erde, in der nicht nur die orthodoxen Fanatiker sich für das auserwählte Volk halten, es nötig, sich solcher Helfer und Kriecher zu bedienen?"
Im folgenden nennt Herr Höer noch die Namen der von ihm so diffamierten Personen: Berndt Steincke, ehem. Vorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und dessen Nachfolger Dieter Beuse, Propst Dr. Andreas Crystall, und Geschichtslehrer Dr. Matthias Duncker, die am derzeitigen Frenssen-Projekt beteiligt sind und schimpft sie nochmals (in einer rhetorischen Frage) "Bilderstürmer und Bücherverbrenner".

Schlimmer als diese Diffamierungen sind die tiefsitzenden antisemtischen Affekte. In der geistigen Nachfolge der "Protokolle der Weisen von Zion" unterstellt Herr Höer dem Staat Israel, bzw. den Juden (= "... eine der selbstbewußtesten Nationen", "... sich für auserwähltes Volk halten") eine (aktive) Rolle in der Heide Straßen-Umbenennungs-Debatte zu spielen. Eben diese Behauptung einer Verschwörung eines "internationalen Weltjudentums" ist eine der klassischen, auch im Nationalsozialismus gepflegten antisemitischen Diffamierungen: Sogar in die Angelegenheiten provinzieller norddeutscher Kleinstädte mischten "sie" sich ein, mittels williger deutscher "Helfer", "Kriecher" und "Nestbeschmutzer".

Im folgenden hetzt Herr Höer noch gegen die Erziehung "unsere[r] Einzel- und Verwöhntkinder" und verlangt:
"... dass man unsere ausländischen Einwanderer, die gerne bei uns bleiben möchen, davon überzeugt, dass sie ausschließlich hier ihre Heimat sehen und unsere Sitten und Gebräuche respektieren."
Ob für Herrn Höer zu diesen zu tolerierenden Sitten und Gebäuchen in Dithmarschen auch die bedingungslose Verehrung von Gustav Frenssen gehört, bzw. struktureller Antisemitismus, bleibt aufgrund dieser Zeilen zu vermuten. Es ist kein gutes Zeichen, wenn solche Ansichten und Stimmungen von jemandem verbreitet werden, der bei der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl im Mai 2013 noch für die FDP angetreten ist.

Ein ganz ähnliches Weltbild ließ der am 27. Dezember 2013 veröffentliche Leserbrief von Karl-Wilhelm Looft aus Heide erkennen. Karl-Wilhelm Looft ist in dieser Hinsicht kein Unbekannter. Im Online-Archiv der rechtsnationalistischen Zeitung "Junge Freiheit" finden sich aus dem Jahre 2006 mehrere ausgeprägte Leserbriefe. Ebenso in der konservativen “Preußischen Allgemeinen Zeitung”.

Den Topos des rechtschaffenen Bürgers bedienend, sind für Herrn Looft die Initiatoren der Umbenennungs-Debatte "Müßiggänger, die wohl sonst nichts Ordentliches mit ihrer Zeit anzufangen wissen". Es folgt ein sehr allgemeiner Angriff auf Propst Dr. Crystall und "die Kirche", der von Unkenntnis, Unwahrheiten und Lügen strotzt:
"Aber warum mischt Propst Crystall mit? Warum mahnt unser Propst nur den Antisemitismus in der NS-Zeit an und will deswegen Gustav Frenssen aufarbeiten und nachholen, blendet aber 2000 Jahre Judenverfolgung von Kirche und Christen aus? Dabei hat sich Gustav Frenssen schon 1945 geläutert. Die Kirche hingegen hat bisher nichts zurückgenommen."
Propst Dr. Andreas Crystall schrieb seine Dissertation über Gustav Frenssen und veröffentlichte diese später als Buch. Seine Beteiligung an einer Informationsveranstaltung zu Frenssen ist daher alles andere als unverständlich. Schlimmer dagegen ist die Tatsachenverdrehung die ihr folgt. Herr Looft behauptet, die Kirche habe in Sachen christlichem Antijudaismus "bisher nichts zurückgenommen", auch nicht in Sachen Luther und dessen Pamphlet von 1543 ("Von den Juden und ihren Lügen"), während Gustav Frenssen sich im Jahr 1945 (seinem Todesjahr) davon (?) "geläutert" habe. Hier zeigt sich die realitätsverweigernde Resistenz des Autors, die nicht weiter belegt zu werden braucht.

In seinem Schlußplädoyer verharmlost Herr Looft schließlich sogar noch alle Dinge, für die Gustav Frenssen - und eigentlich auch der Nationalsozialismus insgesamt - zu verurteilen sind:
"Antisemitismus. Gab es den nicht schon immer? Euthanasie? Wird und wurde in vielen Staaten praktiziert! Und Rassengesetze? Die Zionisten gaben damals ihr Okay. Und man schaue heute nur nach Israel!"
Um Frenssen zu retten werden schließlich Antisemitismus, Euthanasie und Rassismus für allgemein üblich erklärt und verharmlost. Nach dieser Argumentation könnte man also eigentlich keinem Nationalsozialisten einen Vorwurf machen.
[Antisemitismus als rassistisch begründete Judenfeindschaft ist zudem erst ein Produkt des 19. und 20. Jahrhundert (Während der kirchliche Antijudaismus in der Regel über Jahrhunderte jüdisches Leben in Europa prinzipiell zuließ, strebte der Antisemitismus stets die "Auflösung" des Juden in seiner Eigenschaft als Juden an, sei es durch Auswanderung, durch extreme Anpassungsauflagen oder wenn dies - wegen ihrer nicht veränderbaren Eigenschaft als “unverbesserliche Rasseschädlinge" - schließlich für nicht möglich gehalten wurde: durch Auslöschung (3. Reich, Shoah/Holocaust)).
Euthanasie, bzw. der 100.000-fache Mord an Behinderten, Andersdenkenden, "Asozialen", ist in Deutschland außerhalb der Nazi-Zeit nie gesellschaftlich oder staatlich toleriert, praktiziert oder akzeptiert worden (Vor dem Hintergrund des biblischen Tötungsverbotes ist Sterbehilfe nur in sehr seltenen, bestimmten Fällen erlaubt).]

Dass man von Karl-Wilhelm Looft, der offen bekennt sich in den 50er und 60er Jahren für die "Freiheitspartei" des ehemaligen NSDAP und "Deutsche Reichspartei"-Mitglieds Prof. Heinrich Kunstmann engagiert zu haben, solches Schreiben erwarten kann, ist klar. Dass es die "Dithmarscher Landeszeitung" weder bei ihm noch bei Herrn Höer für bedenkenswert hielt, solche Hetze abzudrucken, ist dagegen schwer verständlich.

Das einzig gute daran mag sein, dass beide einmal mehr und wohl eher unfreiwillig bestätigen: Die Verteidigung Gustav Frenssen's ist und bleibt nur etwas für Rechte.

Freitag, 29. November 2013

Informations-Veranstaltung über Gustav Fressen am 5.12.2013 in Heide

EDIT: Die Veranstaltung fand nach einer ersten Verschiebung nun am 17.12. statt. Kurzer Bericht siehe hier:
http://zeitungen.boyens-medien.de/aktuelle-nachrichten/zeitung/artikel/gho-schueler-frenssen-als-namensgeber-nicht-geeignet.html
 
Es tut sich was: Wie die "Dithmarscher Landeszeitung bereits am 5. November berichtete wird am 5. Dezember 2013 um 19:30 Uhr in den Räumlichkeiten des Gymnasiums Heide-Ost eine öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema Gustav Frenssen stattfinden. Beginnend mit einem Fachvortrag von Propst Dr. Andreas Crystall zur Person des Autors werden junge Menschen des 13. Jahrgangs des Gymansiums, die sich seit einigen Monaten mit dem dithmarscher Schriftsteller und seiner Wirksamkeit im Nationalsozialismus beschäftigen über Leben und Werk des Autors diskutieren. Anwesend sein wird auch Berndt Steincke, Ehrenvorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide. Die Veranstaltung richtet sich an Interessierte und Anwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide, die nach dem Wunsch der Stiftung einer Umbenennung bedarf, da Frenssen sich im Nationalsozialismus willentlich und aktiv in den Dienst des Regimes stellte und die rassistisch motivierte Verfolgung der Juden und den Massenmord an Behinderten (Euthanasie) rechtfertigte. 

Anders als in dem verlinkten Artikel (s.u.) kann es aber nicht darum gehen, "ob es wirklich nötig ist, dass Heide eine Gustav-Frenssen-Straße hat." Es müßte eigentlich gefragt werden, warum Heide überhaupt noch eine Gustav-Frenssen-Straße hat, die bereits 1983 umbenannt werde sollte, wofür es schon damals dieselben guten Gründe gab wie heute.

Heider Anzeiger vom 20. November 2013, Seite 2:
http://www.e-paper.boyens-medien.de/e-paper/data/20131120/pdf/HEIDE_20131120_5857.pdf

Derselbe Artikel auch hier: http://kirche-dithmarschen.de/wordpress/archives/6371

Donnerstag, 11. April 2013

Schützenstraße? Tunnelstraße? - Nie gehört!

Straßenumbenennungen in Heide seit 1910 - über Sinn und Unsinn.

Der gedruckte Stadtplan mit seinen meist geraden Linien verbreitet eine Illusion von Kontinuität. Die meisten älteren Heider werden sich aber noch gut daran erinnern können, welche enormen baulichen Veränderungen durch die Straßendurchbrüche zum Markt und die veränderte Verkehrsführung über die neugeschaffen Verläufe der Marsch- und Bahnhofsstraße ab Ende der 1950 vorgenommen wurden.
Es blieb nicht beim Abriss zahlreicher historischer Gebäude (u.a. des alten Rathauses). Einige der wichtigsten und zudem längsten Straße bekamen in den Jahren 1955 bis 1957 neue Namen. Die heutige Husumer Straße hieß Schützenstraße, die Hamburger Straße war einst der Landweg und die heutige Büsumer Straße war bis 1956 die ursprüngliche Marschstraße, deren Name etwas weiter nördlich für städtische Fortsetzung der Bundesstraße 203 neu vergeben wurde. Im Osten der Stadt wurde zudem aus mehreren Straßen oder Straßenteilstücken die Berliner Straße neu geschaffen.
Das große verkehrsbauliche Modernisierungsprogramm ging also mit der Umbenennung zahlreicher Straßen einher, die Namen nach nah- und fern-gelegenen Städten in der jeweiligen Himmelsrichtung erhielten. Dass hunderte Haushalte sich mit der wohl größten einheitlich betriebenen Namensveränderung in Heides Geschichte an neue Namen gewöhnen mußten, lag die Idee zugrunde, daß die Hauptstraßen einer nach dem Krieg sich auf über 20.000 Einwohner verdoppelten Kreisstadt nicht "Landweg" oder "Schützenstraße" heißen könnten - es ging hier in besonderem Maße um Ästhetik und Übersichtlichkeit im Stadtbild.
Nur einige Jahre zuvor, im Mai 1945, ging es um etwas anderes: Die britische Besetzungbehörden beseitigten in Heide, wie in allen deutschen Städten, die offensichtlichsten Spuren der Nazi-Zeit: Die heutige Bürgermeister-Blaas-Straße etwa, benannt nach dem ersten Bürgermeister der Stadt Heide, August Blaas, war als neu-geschaffene Straße in den 1930er Jahren nach der NS-Ikone Horst Wessel benannt worden.
Auch später wurden immer wieder einzelne Veränderungen an bestehende Straßen vorgenommen: Entweder um Heider Persönlichkeiten zu Ehren (Gasstraße -> Hinrich-Schmidt-Straße (1960er Jahre)), sich den übriggebliebenen Irrtümern der Geschichte zu stellen (Adolf-Bartels-Straße -> Bürgermeister-Vehrs-Straße (1965)), oder um wiederum veränderte städtebauliche Verhältnissen abzubilden (Ibsen-Peters-Straße -> Poststraße (ca. 1973)).

Fazit:
Was rechtfertigt eine Umbenennung bestehender Straßen? Im Mai 1945 war es die "politische Notlage", 1955 bis 1957 waren es ästhetisch-stadtplanerische Aspekte. Würde man beides miteinander vergleichen, würde man wohl zu dem Schluss kommen, dass bei der Umbenennung der Horst-Wessel-Straße (1945) oder der Adolf-Bartels-Straße (1965) gewichtigere Gründe vorlagen, als bei der Umbenennung der Schützenstraße oder des Freudenthal (1952, heute Teil der Norderstraße). Das sollte man auch bei Gustav Frenssen bedenken.

Übersichtskarte 
(Unvollständig. Korrekturen und Ergänzung bitte melden! Zum Vergrößern klicken.):

Mittwoch, 27. März 2013

Umfrage: "Neuer Name Frenssenstraße?"

Ergebnisse der Umfrage

Nummern der Postkarten (Für die Absender zur Kontrolle):
105, 106, 108, 138, 156, 164, 190, 193, 208, 227, 228, 237, 238, 243, 244, 253, 257, xxx*. (*Vom Absender unkenntlich gemacht.)
(Bis zum Ende des Abstimmungszeitraumes (27. April 2013) eingetroffene Karten).
Die Nummerierung der Anschreiben und Postkarten beginnt erst mit Nr. 100 und endet mit Nr. 264. Insgesamt 154 Wurfsendungen mit Postkarten wurden am 28. März 2013 ohne Verbindung von Adresse und Nummerierung zugestellt (1 je Haushalt). Nicht berücksichtigt werden konnten aus rechtlichen Gründen Haushalte, die durch entsprechende Hinweise an ihren Briefkästen der Zustellung von nicht persönlich adressierten Wurfsendungen widersprochen hatten.

Beteiligung und Repräsentativität:

(zum Vergrößern anklicken)
Mit ca. 12 % hat sich etwa jeder Achte angeschriebene Anwohner an unserer Umfrage beteiligt. Als Gründe für diesen Wert dürften Vorbehalte gegenüber dem Verfahren ((unberechtigte) datenschutzrechtliche Bedenken) gegenüber den Durchführenden (unbekannter Hintergrund), dass sich das Thema noch in einer Frühphase der öffentlichen Diskussion befindet, sowie Desinteresse genannt werden. Das hierbei eine Schweigeverzerrung vorliegt (also die Nichtantwortenden ein gänzlich anderes Abstimmungsverhalten an den Tag legen würden als die Antwortenden), ist möglich. Da die Zahlenverhältnisse (von Befürworten und Gegner) im vorläufigen Endergebnis während des Abstimmungsverlaufes im wesentlichen konstant blieben (frühe und späte eintreffende Antworten zeigten jeweils ein Verhältnis von 1 zu 2), lässt sich das Ergebnis -  wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad - auf die Gesamtheit der Befragten übertragen.  

Ergebnisse im Einzelnen:

(zum Vergrößern anklicken)
1. 66,6% der Antworteten lehnten eine Umbenennung ab, wobei davon 17% explizit den (finanziellen) Aufwand für die Anwohner als Grund nannten. 33,3% der Befragten stimmten dem Anliegen dagegen zu, das mit Frenssens schriftstellerischen Aktivitäten im Dritten Reich begründet ist.




(zum Vergrößern Anklicken)
2. Bei der Frage, ob im Falle einer beschlossenen Umbenennung der konkrete Vorschlag "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" eine gute Alternative darstellen würde, äußerten sich 50% der Befragten negativ, wobei als einzelne Begründung die Länge der Namensvariante genannt ist. Bis auf einen ausländerfeindlich gesinnten, rechtsextremen Vorschlag sind von Seiten der Ablehnenden keine Alternativen genannt worden. Die andere Hälfte der Befragten stimmte dem Vorschlag dagegen entweder zu (33%), nannte kürzere Alternativen wie "Brüder-Mann-Straße" oder "Thomas-Mann-Straße" (11%) oder enthielt sich einer Entscheidung (6%).

Bewertung:

Es zeichnete sich ab, dass niemand explizit für die Person Gustav Frenssen Partei ergriff. Wo sich nicht zu Gründen für den Bestand des Straßennamens geäußert wurde liegen diese - so lässt sich vermuten - auch in teils jahrzehntelanger Gewohnheit zahlreicher Altanlieger, die mit dem Namen bislang nichts, weder positives noch negatives verbinden, sondern ihn schlicht nur als einen Straßennamen betrachten. Es zeichnet sich daher nicht ab, dass es - wie in Bad Oldesloe 1996 - zur Bildung einer Bürgerinitiative kommt, die versucht den Dichter zu "reinigen".
Konkret ist die Kritik daher nur in punkto Kosten: Ließe sich der die Anwohner betreffende Aufwand mildern (etwa durch eine teilweise Übernahme von Kosten (als Pauschale für jeden Haushalt) oder ein Moratorium (zwischen Umbenennungsbeschluss und dessen Vollzug läge eine längere Zeit (bspw. bis zu 1 Jahr)), das die Umstellung und den Verbrauch etwa von Werbeartikeln mit Adresszug ermöglicht), wäre der wesentlicher Konfliktpunkt aus dem Weg zu räumen.
Eine Umbenennung nach beiden oder einem der Brüder Mann fände wohl insgesamt (bei Umbenennungs-Befürwortern wie auch bei einem Teil der Gegner) mehr Zu- als Widerspruch, wenn auch z. T. eine kürzere Form gewünscht würde (Vorschlag: "Brüder-Mann-Straße").

(Gesamtübersicht. Zum Vergrößern klicken)

Kommentare der Absender (ggf. gekürzt (z. B. pers. Angriffe)):

[zu 1 (=pers. Gründe für oder gegen eine Umbenennung); zu 2 (=Vorschläge, Kommentare zu einem neuen Namen)]

Nr. xxx* (unkenntlich) zu 1: "Für die Kanaken!!!"; zu 2: "Kanakenstrasse, Klein Russland"
Nr. 108 zu 2: "Th.-Mann-Straße"
Nr. 190 zu 2: "Brüder Mann"
Nr. 193 zu 1: "Strassenänderung kostet Zeit und Geld. Wer bezahlt Adressaufkleber, Visitenkarten, Zeugnisse, Personalausweis und alle anderen Amtsunterlagen??"
Nr. 208 zu 1: "Weil mir der Name gefällt"; zu 2: "Ist zu lang, wenn dann nur Thomas-Mann-Str."
Nr. 227 zu 1: "Sehe keinen Sinn darin, gibt weitaus wichtigere Dinge um die man sich kümmern müsste! :)"; zu 2: "viel zu lang der Name"
Nr. 237 zu 1: "Da ich nicht unterstütze in einer rechtsorientierten Straße zu wohnen"
Nr. 238 zu 2: "Übernehmen Sie die anfallenden Kosten!!!"
Nr. 243 zu 1: "Geifernde Polemik im Zuge leerer Kassen, die den Anwohnern hohe Kosten (Änderung Ausweis pp) zusätzlich aufzwingt ist Ihnen wohl nicht bewußt! Sie wären gut beraten, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen!" (H.F.* vollständiger Name genannt).

Umfrageinformation:

Vom 28. März bis zum 26. April 2013 versucht eine Umfrage herauszufinden, wie die Anwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide aktuell zu aufgekommenen Plänen einer Umbenennung stehen, die bereits zum Ende des Jahres in der Ratsversammlung debattiert werden könnten. Es soll dazu angeregt werden sich zu informieren und gegebenenfalls an der Suche nach einem neuen Namen zu beteiligen.

Die Unterlagen

Insgesamt 154 Briefe sind den Haushalten mit dem Umschlagvermerk: "Bezug: Umfrage zum Thema 'Neuer Name Frenssenstr.?'" zugestellt worden. Die Schreiben bestehen aus folgenden Teilen:

1. Formelles Anschreiben
2. Faltblattinformation zu Gustav Frenssen
3. Frankierte Antwortpostkarte mit Umfrage

Im Anschreiben wird kurz über den aktuellen Anlass des Schreibens informiert:
"Wie Sie dem Zeitungsartikel 'Straßenname in der Kritik' in der Dithmarscher Landeszeitung vom 20. Dezember 2012 entnehmen konnten, wird sich ein neues Projekt der 'Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung' mit der Person des Dithmarscher Pfarrers und Schriftstellers Gustav Frenssen (1863-1945) und seiner Rolle im Dienst der Propaganda des nationalsozialistischen 'Dritten Reichs' beschäftigen."
Das Schreiben erläutert das Verfahren der anonymen Meinungserhebung als Mittel einer möglichst frühzeitigen Sensibilisierung und Information der in erster Linie betroffenen Anwohner, denen durch Veröffentlichung der Ergebnisse, Meinungen, Kritiken und Vorschläge (zunächst auf dieser Webseite, später ggf. in den lokalen Medien) ein Forum zur Bürgerbeteiligung geboten werden soll.
Zudem wird die Akzeptanz des möglichen Vorschlages "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" im Falle eines Umbenennungsbeschlusses erfragt.

In einem Faltblatt werden eine kurze Biographie Frenssens ("Wer war Gustav Frenssen?"), die heute nur noch den wenigsten geläufig ist, und Hinweise zu weiterführender Literatur abgegeben. Den Hauptteil bilden jedoch Auszüge aus seinen Schriften "Recht oder Unrecht - mein Land" (1940) und "Lebenskunde" (1942), die bereits ein Bild von den radikalen nationalsozialistischen Ansichten Frenssens vermitteln (Ausführlicher hier dargestellt und kommentiert).

Auf der Antwortpostkarte, die mit dem Vermerk "Entgelt zahlt Empfänger" versehen ist, erhält der Empfänger die Möglichkeit seine bisherige Präferenz mitzuteilen (Umbenennung: Ja, Nein, Weiß (noch) nicht; H.-und.-Th.-Mann-Straße?) bzw. Lob und Unmut, Ideen und Anfragen zu äußern, die - anonym oder auf eigene Angabe hin - ebenfalls veröffentlich werden können, um ein Meinungsbild zu ermitteln.

Je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto repräsentativer und ggf. hilfreicher wird es sein, zu einem Ausgleich zu kommen zwischen dem öffentlichen Interesse (Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit) und dem privaten Interesse (Beibehaltung der gewohnten Adresse, mögliche Beteiligung an den Kosten im Falle einer Umbenennung).

Heider SPD: "Frenssen-Straße umbenennen" (1983)

In der erst beginnenden Debatte fast vergessen: Schon vor 30 Jahren initierten die Heider Jusos (SPD) eine Initiative zur Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße. Was damals nicht erreicht wurde hatte andernorts Erfolg - und kehrt nun zurück.

Zum fünfzigsten Jahrestag der Bücherverbrennung (10. Mai 1933) forderten die Jungsozialisten in der SPD die "Umbenennung aller Gustav-Frenssen-Straßen", wie die Dithmarscher Landeszeitung damals berichtete (siehe unten). Die Jusos schrieben damals die Stadtverordnetenversammlungen und Gemeindevertretungen in Heide, Meldorf, Marne, Brunsbüttel und Burg an. "Während viele der 1933 'verbrannten' Dichter heute noch vergessen sind, wird ein Ex-Nazi in Dithmarschen symbolisch bejubelt" hieß es in der Pressemitteilung des Juso-Kreisvorstandes.
Geplant, und im Juni 1983 schließlich ausgeführt wurde die Verteilung einer Postwurfsendung an alle Einwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide, die seit 1960 den Namen des Bartler Pastors und Schriftstellers trug. Inhalt waren Textauszüge aus Frenssen Schriften, mit denen dessen Befürwortung von Euthanasie ('Krankenmord'), Judenverfolgung und die "Förderung und Unterstützung des Nationalsozialismus", sowie "übelste antisemitische Hetze und geistige Mittäterschaft an den Nazi-Verbrechen" belegt wurden (DLZ vom 10.05.1983).
Vorausgegangen war diesen Bemühungen der Vorschlag zur Gründung einer "Gustav-Frenssen-Gesellschaft", die von Kreispräsident Gosau und dem Barlter Bürgermeister befürwortet wurde, weil Frenssen - so Gosau: "typisch hier Land und Leute verkörpere." Die Schulgruppe am Schulzentrum Heide-Ost der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) trat diesem Versuch einer Säuberung und Wiedertauglichmachung Frenssen energisch entgegen. In einem Leserbrief ("Über Gustav Frenssen", DLZ vom 03.05.1983), schrieb sie:
"Frenssen [...] gehört zu den Wegbereitern und Protagonisten des Nationalsozialismus. Im Interesse aller Dithmarscher muß diese 'Verkörperung' zurückgewiesen werden. Wer Frenssens 'Glaube der Nordmark' liest, findet ein abstruses Gemisch von antisemitischen und völkisch germanischen Phrasen vor. Nicht umsonst wurde dieses 'Machwerk' [...] während des 2.Weltkriegs in einer Feldausgabe [...] gedruckt. [...] 'Frenssen-Straßen' gibt es schon genug. Man bewahre uns vor einer Frenssen-Gesellschaft!"
Im September 1983 nahm die Heider SPD die Forderung der Jusos auf und stellte einen Antrag auf Umbenennung. Die DLZ berichtet in ihrer Ausgabe vom 15.09. dazu:
"Der Vorstand des SPD-Ortsverbandes Heide hat in seiner jüngsten Sitzung beschlossen, der SPD-Fraktion in der Heider Stadtverordnetenversammlung die Empfehlung auszusprechen, die 'Gustav-Frenssen-Straße' in Heide/Süd in 'Carl-von-Ossietzky-Straße' umzubenennen, beziehungsweise einen derartigen Antrag einzubringen."
"Frenssen sei ein glühender Anhänger und Befürworter der NSDAP und Adolf Hitlers gewesen", so der Vorstand. Vorstandsmitglieder Siegfried Strinkau und Sönke Diedrich hatten damals "mehrere tausend Seiten" Quellenmaterial gesammelt, die dies belegten.  
Im Januar 1984 fiel die Entscheidung allerdings anders aus: Die CDU-Mehrheit im Magistrat lehnte eine Umbenennung ab. In einer Stellungnahme hieß es:
"Gustav Frenssen könne bei kritischer Würdigung seines Schrifttums nicht als Wegbereiter des Nationalsozialismus angesehen werden."
Ansehen bei der Bevölkerung rechtfertigte Straßen-
namen trotz Massenmordpropaganda -
Gustav Frenssen in Barlt mit Hitler-Bild (1942).
Obwohl man Frenssens "Gedanken zur Vernichtung unwerten Lebens und zum Judentum" "schärfstens" verurteile, so rechtfertige doch "das Ansehen des Heimatdichters bei der Bevölkerung das Benennen einer Straße nach seinem Namen".
Der damalige Heider CDU-Ortsverbandsvorsitzende Berndt Steincke wird von der DLZ zu dieser Entscheidung folgendermaßen zitiert:
"Frenssen sei überwiegend als Heimatdichter tätig gewesen. Zeitgenossen hätten ihn als selbstlosen und warmherzigen Mann charakterisiert, der stets ein offenes Ohr für die Sorgen anderer gehabt habe. 'Angesichts des Irrweges einer ganzen Nation im Nationalsozialismus ist es sehr schwer, eine gerechte Grenze dort zu ziehen, wo viele Menschen lediglich Mitläufer waren, andere aber mit politischem Einfluß den Nationalsozialismus und seine Ziele förderten', meint Steincke. Angesichts der geringen politischen Bedeutung des Dichters werde es nach Meinung des CDU-Ortsvorsitzenden zu einer Frage der Toleranz, diese Schattenseiten seiner Äußerungen nicht noch publik zu machen." (DLZ vom 14.01.1984). 
1983 reichte u.a. antisemitische Hetze und Befürwortung und Propandierung von Massenmord in hunderttausendfacher Auflage noch nicht aus einen "Heimatschriftsteller", der nicht Mitglied der NSDAP war oder ein politisches Amt innehatte, die Ehrung zu entziehen, sofern er (noch) im "Ansehen der Bevölkerung" des post-nationalsozialistischen Dithmarschens stand.
Der am konservativen Widerstand gescheiterte erste Versuch, die brisante politische Publizistik Frenssen zur Grundlage einer Aberkennung der Ehre des Straßennamens in Heide zu machen, soll auch an die Zeit in der alten Bundesrepublik erinnern, in der die den Ton angebende Generation der "Alten Kameraden" vermeintliche Heimatliebe zuweilen noch über Menschlichkeit stellte. 
Herr Steincke, inzwischen Vorsitzender der "Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung", der zusammen mit dem verstorbenen Klaus Steinschulte (SPD) gute Arbeit für die Aufarbeitung des Nationalsozialismus in Dithmarschen leistete, urteilt heute zumindest auch deutlich anders über die politisch zu ziehenden Konsequenzen im Fall Frenssen. Und das ist gut so. 

Anhänge:
"Alle Gustav-Frenssen-Straße umbenennen" (DLZ vom 10.05.1983): 


"Gustav-Frenssen-Straße wird nicht umbenannt." (DLZ vom 14.01.1984):