BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

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Samstag, 22. März 2014

Presserat: Rüge für die "Dithmarscher Landeszeitung" wegen Frenssen-Leserbrief

Der Beschwerdeausschuß 1 des "Deutschen Presserats" hat auf seiner Sitzung am 11. März 2014 u.a. gegen die "Dithmarscher Landeszeitung" (DLZ) eine öffentliche Rüge ausgesprochen, wegen der Veröffentlichung eines Leserbriefs zur Frenssen-Debatte, in dem Antisemitismus und NS-Euthanasie verharmlost worden waren (Aktenzeichen: 0023/14/1 (Übersicht aller Rügen: http://www.presserat.de/pressekodex/uebersicht-der-ruegen/, http://meedia.de/2014/03/12/tadel-fuer-qualitaetsportal-presserat-ruegt-faz-net/)).

Wenige Tage nach der öffentlichen Vorstellung der Ergebnisse einer Schülerarbeitsgruppe des Gymnasiums Heide-Ost, die sich mit dem dithmarscher Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945) und dessen propagandistischer Publizistik in der NS-Zeit (und davor) beschäftigt hatte und über die antisemitische Ansichten des Schriftstellers, sowie dessen Befürwortung der Ermordung "Wertloser" und Rassismus referierte, druckte die DLZ einen Leserbrief zu diesem Thema ab.

Der Verfasser beschimpfte darin die Initiatoren des Projektes zunächst als "Müßiggänger, die wohl sonst nichts Ordentliches mit ihrer Zeit anzufangen wissen" und attackierte den Heider Propst Dr. Andreas Crystall, der sich in seiner Dissertation mit Gustav Frenssen beschäftigt hatte, und nun als Berater herangezogen worden war. Der Verfasser behauptete u.a. (wahrheitswidrig):
"Warum mahnt unser Propst nur den Antisemitismus in der NS-Zeit an und will deswegen Gustav Frenssen aufarbeiten und nachholen, blendet aber 2000 Jahre Judenverfolgung von Kirche und Christen aus? Dabei hat sich Gustav Frenssen schon 1945 geläutert. Die Kirche hingegen hat bisher nichts zurückgenommen." (DLZ vom 27.12.2013)
Die vom Presserat gerügte Passage folgte allerdings erst zum Ende des Pamphlets. Der Verfasser versuchte darin, Frenssens politische Aussagen zu rechtfertigten:
"Antisemitismus. Gab es den nicht schon immer? Euthanasie? Wird und wurde in vielen Staaten praktiziert!" (DLZ vom 27.12.2013)
In seiner mir vorliegenden Begründung der öffentlichen Rüge schreibt der Presserat über diese Passage:
"Die Beschwerde ist begründet. Sie verletzt die Ziffer 2 Richtlinie 2.6 des Pressekodex. Bei der Veröffentlichung des Leserbriefes hat die Redaktion die Publizistischen Grundsätze nicht ausreichend beachtet, denn der Leserbrief relativiert [...] den Antisemitismus sowie die staatliche Euthanasie der NS-Zeit. Nationalsozialistische Verbrechen zu verharmlosen, schadet dem Ansehen der Presse (Zif. 1). 
Außerdem enthält der Leserbrief eine wahrheitswidrige Behauptung über Zionisten, indem pauschal behauptet wird, "die Zionisten gaben damals ihr Okay" zu den Rassegesetzn. Durch diese Formulierung wird fälschlich behauptet, die gesamte zionistische Bewegung sei mit den Rassegesetzn einverstanden gewesen und so den Juden die historische Schuld für die eigene Ausgrenzung zugeschoben.

Beides hätte der Redaktion auffallen müssen und dazu führen müssen, dass der Leserbrief unveröffentlicht bleibt."

(Schreiben des Presserats vom 20.03.2014)
Die öffentliche Rüge ist das schärfste Sanktionsmittel des Presserats, der als Selbstkontrollgremium der Presse seit 1956 existiert.  Das betroffene Medium ist verpflichtet, seine Leser durch Abdruck der Rüge über den Vorgang zu informieren. Bei seiner Sitzung rügte der Beschwerdeausschuß 1 außerdem die Online-Portale "FAZ.net", "BILD.de" und die Zeitschrift "Das Goldene Blatt". Er sprach 11 Missbilligungen und 9 Hinweise aus. 3 Beschwerden waren begründet, aber es wurde auf eine Maßnahme verzichtet. 24 Beschwerden waren unbegründet (Quelle: http://www.presserat.de/presserat/news/pressemitteilungen/ (vom 12.03.2014 unter "Spekulation über Limburger Bischof").

Mittwoch, 15. Januar 2014

„… die Bücher der Brüder Mann und ihres Judengefolges“ - literarischer Rassismus bei Gustav Frenssen

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann nehmen ab Ende der 1920er Jahre in den Schriften Gustav Frenssens die Rolle von Antipoden seines „germanischen“ Werkes ein. Für Frenssen sind sie Symbolfiguren einer „jüdisch-romanischen Herrschaft“ auf kulturellem, wie auf allen anderen Gebieten der deutschen Gesellschaft, die sich nach der Niederlage im 1. Weltkrieg etabliert habe. Die Ehrung Thomas Manns mit dem Nobelpreis sei Teil einer Verschwörung der europaweit agierenden „jüdischen Presse“, durch welche Autoren „germanischer Art“ unterdrückt würden. Für Frenssen war dies eine willkommene Erklärung der sinkenden Absatzzahlen seiner Bücher, die ihm auch sein Verleger Müller-Grote in Briefen „bestätigte“.
Der Literaturnobelpreis an Thomas Mann im Jahre 1929 wird in Frenssens Veröffentlichungen bis zu seinem Lebensende 1945 zu einer letzten Bestätigung seines rassistisch-antisemitischen Weltbildes. Auch seine persönliche Verletzung, wie er sie im entsprechenden Kapitel des „Lebensbericht“ nur schwer verbergen kann, wird zur Grundlage einer kühlen und ausnahmslosen Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gleichschaltung und Diktatur, der Verfolgung und Vertreibung der Juden und Andersdenkender als gerechte Wege zur Beseitigung „widerdeutscher“ Einflüsse, bis hin zum Massenmord.

Eine von Frenssen auf das Jahr 1931 datierte Notiz in seinem 1938 erschienenen dritten Band der „Grübeleien“ (Vorland) lässt bereits jenen Affekt erkennen. Hier wird die antisemitische Vorstellungswelt einer „jüdischen Weltverschwörung“, die die Verleihung des Literaturnobelpreis kontrolliert, deutlich, denn Frenssen zitiert Sinclair Lewis, der den Preis 1930 erhielt:
„Man muß den Juden klaren Beweis liefern, daß man ihr Freund ist. In seinem „Sam Dods- / worthy“ nennt er [= Sinclair Lewis] also, als die vier großen deutschen Zeitgenossen, drei Juden, dazu Thomas Mann, der, da er sein Kunstgefühl von seiner Mutter hat, die eine Romanin gewesen war, in deutscher Sprache romanische Kunst schafft und den Juden darum besonders nahe steht. […] Im germanischen Volk von siebzig Millionen sind lauter Nichtdeutsche, Fremde, die einzigen großen Namen!! So muß man es machen! Nun ist er, kraft der jüdische Presse, die Europa beherrscht, von Wien bis Stockholm der größte amerikanische Schriftsteller.“ (S. 192-193)
Das Motiv einer jüdisch(-romanischen) Verschwörungslegende im Kulturbetrieb ist der Weg auf dem Frenssen bis zum Ende seines Lebens bleiben wird. Dass der „jüdische Einfluss“ eine europäische Dimension habe und auch andere Völker (Schweden) betreffe, führt er wenig später, in „Recht oder Unrecht - Mein Land!“ (1940), nochmals aus. Nachdem er die Verfolgung und Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger, „die einmal Gäste waren in Germanien“, zuvor als „göttliche Gerechtigkeit“ bezeichnet hatte, schreibt er:
„Die städtische Masse in diesen vier Völkern [gemeint sind die Schweiz, Holland, Norwegen und Schweden] [hatte] sich von Deutschland abgewandt […] und damit auch vom germanischen Wesen. Wohin? Wohin wandte sie sich? Nach Juda, nach Juda! Zu dem vaterlandlosen und heimatlosen, fremdblütigen, fernen, fernen Volk! Ah, diese feine, spielende (mit allem spielende), schillernde, jüdische Kunst! In ihren Buchläden stehn immer, noch heute, nachdem doch Klarheit geschaffen, als deutsche Kunst … als deutsche Kunst! … die Bücher der Brüder Mann und die Bücher ihres Judengefolges. Die Brüder Mann haben Geist und Seele nicht von ihrem germanischen Vater, sondern von ihrer spanischen Mutter, und sind dem deutschen Wesen fremd und fern. Jedes der großen Menschenworte: Frömmigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Sitte, Bildung bedeutet allen diesen anderes als uns Germanen. Es sind fremde Menschen; sie haben mit / germanischem Wesen nichts mehr zu tun, als daß sie einmal Gäste waren in Germanien und sich germanischer Sprache bedienten.“ (Seite 45-46).
Mit der „Klarheit“, die geschaffen worden sei, bezieht sich Frenssen auf die Bücherverbrennungen (Berlin, 10. Mai 1933, „Wider den undeutschen Geist!“), bzw. andere nationalsozialistische Maßnahmen wie Berufsverbote für jüdische Akademiker, den Ausschluß Heinrich Manns und anderer aus der Preußischen Akademie der Künste (1933), die Aberkennung der Ehrendoktorwürde von Thomas Mann und dessen Ausbürgerung (1936).
Gustav Frenssen gibt keine konkrete Beschreibung davon, wie „germanische“, „romanische“ oder „jüdische“ Kunst in der Literatur aussähe. Eben jenes hatte Frenssens Dithmarscher Zeitgenosse und ehemaliger Mitschüler Adolf Bartels (1862-1945) schon im Kaiserreich versucht festzustellen. Dieser gab in seiner 1901 veröffentlichten "Geschichte der deutschen Literatur", die bis 1941 immer wieder ergänzt wurde und in insgesamt 17 Auflagen erschien, unter anderem so „wissenschaftliche“ Urteile ab wie: „Ein echter jüdischer Frechling“ (über Kurt Tucholsky) oder „riesig sind […] Eitelkeit und Unverfrorenheit“ (über Heinrich Heine).
Dass Frenssen nicht umhin kann doch einzuräumen, dass der „Halb-Spanier“ Thomas Mann, den man eigentlich höchstens einen „Viertel-Portugiesen“ hätte nennen können, doch „so viel ein deutscher Geist romanische Art und Kunst mitempfinden kann, ein starker Künstler“ sei („Lebensbericht“, S. 258), ist eine andere Pointe.
Zuletzt führte er besonders in seinem „Lebensbericht“ von 1940 ab Seite 256 auf vielen Seiten nochmals die von ihm als „Schande“ und „Demütigung“ gewertete Zeit der Weimarer Republik aus. Häufigst genannt sind auch hier wieder die Brüder Mann. In Abschnitt 64 seines „Lebensberichtes“ lässt er sich noch einmal über den Nobelpreis aus. Seine persönliche Verbitterung wird deutlich, wenn er in Verschwörung witternder Manier Gründe auszumachen versucht, weshalb er den Preis nie erhalten habe:
Da sind die Mitglieder der schwedischen Akademie, die „Gelehrte irgendeiner andern Wissenschaft [sind], die […] der schönen Literatur fernstehen“ und sich daher auf „Fachgelehrte“ stützen würden. So seien sie dem „seit etwa 1890“ den „germanischen (nordischen) Begriff der Kunst […] überflute[nden]“, „romanisch-jüdische[n] Kunstgefühl“ ausgeliefert gewesen (S. 292).
Frenssen ist sich sicher, dass „das schwedische Volk [.] sich […] in seinem gesamten geistigen, wie seinem Kunsturteil, von Leuten volksfremden Gefühls leiten“ ließ (S. 294). Nur so erklärte er sich, habe es dazu kommen können, dass die Akademie „in ihrem Urteil fehlgriff“ und sie so „in ziemlichem Grade das Volk, dem der Gekrönte angehörte“ „schädigte“ (S. 293).
Er bedauert es, dass „die Namen derer, die […] vielleicht gar ein oder einige Male fast die Mehrheit der Stimmen hatten, durchaus verschwiegen werden“ und scheint sich zu jenen zu zählen, die einer solchen „Demütigung“ ausgesetzt waren (S. 294).
Frenssen meint schließlich auch genau zu wissen, dass dies nicht im Sinne Alfred Nobels gewesen sein könne:
„Er wollte, als ein germanischer Mensch, daß mit seinem Namen und Geld Werke geehrt würden, welche die Menschenseele ehrten und durch solches Ehren erhöhten. Er wollte daß Werke Heidenstamms, Lagerlöfs, Hamsuns, der Undset, Hauptmanns, Thomas Hardys, Rollands geehrt würden, aber Werke Frances, Manns, Lewis, Pirandellos ausgeschlossen waren. Das war der aus seinem germanischen Herzen und ästhetischen Gefühl stammende, sittliche germanische Wille des Stifters“ (S. 293).
Es ist seltsam, weshalb in Frenssens Liste gelobter skandinavischer, deutscher und englischer Nobelpreisträger auch der linksorientierte französische Intellektuelle Romain Rolland auftaucht, der nach 1933 in Deutschland zu den verbotenen Autoren gehörte. Eigentlich ist die kleinlaute Schutzbehauptung eines Enttäuschten, dass der „Germane“ Nobel doch dem „Germanen“ Frenssen seinen Preis gegönnt hätte, kaum der Rede wert, wäre sie als prinzipiell rassistische Kategorisierung nicht alles andere als harmlos. Was für Frenssen unter einem „germanischen Menschen“ zu verstehen ist, und was für diesen das sogenannte „Wahrgutschöne“ sei, erläutert er nur wenig später in der „Lebenskunde“ (1942):
„Die aber, die unheilbar sind und so schwer krank, daß ihr Leben für sie selbst kein Menschenleben mehr ist, die auch in der Gemeinschaft der Menschen nicht mehr mitleben können, Mensch mit Mensch, sollen nach germanischem Gefühl für das Wahrem mit ihrer eigenen Billigung oder nach dem Willen der Gemeinschaft ausgelöscht werden. […] Solche Kranke sind die völlig verkrüppelten Neugeborenen, die unheilbaren Idioten, die unheilbaren Irren. Ferner die gebornen Mörder, Rohlinge (Gewalttäter), Einbrecher, Diebe, Arbeitsunwillige, Herumstreicher, Volksfeinde aus krankem Willen oder um Geld. / […] Es ist dem germanischen Gewissen unwahr und unrecht, sie weiterhin die Volksgemeinschaft schädigen zu lassen, wahr und recht, sie auszulöschen.“ (S. 53-54)
Für die Brüder Heinrich und Thomas Mann selbst, ihre Kinder nach Nürnberger Rassegesetzen „Halb-Juden“, die jüdischen Mitbürger, Sinti und Roma und andere gelte nach einer anderen Stelle: „Unedles Fremdblut und Mischblut, das, weiter gesät, ein Volk erniedrigt, soll ausgeschieden sein“. (S. 91). Wie nahe dabei die Adjektive „unedel“ und „fremd“, den Beiwörtern „krank“ und „unheilbar“ sind, ist spätestens im selben Jahr (1942) endgültig sichtbar, als die „Endlösung“ anläuft. Der Griff in die Schublade rassistischer Kategorien, Klischees und Karikaturen sollte am Ende für Millionen tödlich werden.

Donnerstag, 2. Januar 2014

Offen antisemitische und fremdenfeindliche Leserbriefe in der Frenssen-Debatte (2013)

Im Vorfeld und nach der Informationsveranstaltung zum Thema "Das Politikum Gustav Frenssen" am 17. Dezember 2013 im Kulturforum Heide-Ost wurden in der "Dithmarscher Landeszeitung" zwei Leserbriefe veröffentlicht, in denen die Autoren eine ideologische Nähe zu Frenssen zum Ausdruck brachten und dabei aggressiv-rechte Äußerungen tätigten.

Am 9. Dezember schrieb Walter Höer aus Brunsbüttel auf die Berichterstattung zum Thema "Gustav-Frenssen-Straße" hin:
"In der Mitte des Artikels fragte ich mich: "Denkt der Leser jetzt, ob hier nur harmlose Leute tätig sind, die ein Haar in der Suppe suchen, oder sind es ewig gestrige Weltverbesserer und Nestbeschmutzer?" Am Ende fragte ich mich: "Hat eine der selbstbewusstesten Nationen der Erde, in der nicht nur die orthodoxen Fanatiker sich für das auserwählte Volk halten, es nötig, sich solcher Helfer und Kriecher zu bedienen?"
Im folgenden nennt Herr Höer noch die Namen der von ihm so diffamierten Personen: Berndt Steincke, ehem. Vorsitzender der Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und dessen Nachfolger Dieter Beuse, Propst Dr. Andreas Crystall, und Geschichtslehrer Dr. Matthias Duncker, die am derzeitigen Frenssen-Projekt beteiligt sind und schimpft sie nochmals (in einer rhetorischen Frage) "Bilderstürmer und Bücherverbrenner".

Schlimmer als diese Diffamierungen sind die tiefsitzenden antisemtischen Affekte. In der geistigen Nachfolge der "Protokolle der Weisen von Zion" unterstellt Herr Höer dem Staat Israel, bzw. den Juden (= "... eine der selbstbewußtesten Nationen", "... sich für auserwähltes Volk halten") eine (aktive) Rolle in der Heide Straßen-Umbenennungs-Debatte zu spielen. Eben diese Behauptung einer Verschwörung eines "internationalen Weltjudentums" ist eine der klassischen, auch im Nationalsozialismus gepflegten antisemitischen Diffamierungen: Sogar in die Angelegenheiten provinzieller norddeutscher Kleinstädte mischten "sie" sich ein, mittels williger deutscher "Helfer", "Kriecher" und "Nestbeschmutzer".

Im folgenden hetzt Herr Höer noch gegen die Erziehung "unsere[r] Einzel- und Verwöhntkinder" und verlangt:
"... dass man unsere ausländischen Einwanderer, die gerne bei uns bleiben möchen, davon überzeugt, dass sie ausschließlich hier ihre Heimat sehen und unsere Sitten und Gebräuche respektieren."
Ob für Herrn Höer zu diesen zu tolerierenden Sitten und Gebäuchen in Dithmarschen auch die bedingungslose Verehrung von Gustav Frenssen gehört, bzw. struktureller Antisemitismus, bleibt aufgrund dieser Zeilen zu vermuten. Es ist kein gutes Zeichen, wenn solche Ansichten und Stimmungen von jemandem verbreitet werden, der bei der schleswig-holsteinischen Kommunalwahl im Mai 2013 noch für die FDP angetreten ist.

Ein ganz ähnliches Weltbild ließ der am 27. Dezember 2013 veröffentliche Leserbrief von Karl-Wilhelm Looft aus Heide erkennen. Karl-Wilhelm Looft ist in dieser Hinsicht kein Unbekannter. Im Online-Archiv der rechtsnationalistischen Zeitung "Junge Freiheit" finden sich aus dem Jahre 2006 mehrere ausgeprägte Leserbriefe. Ebenso in der konservativen “Preußischen Allgemeinen Zeitung”.

Den Topos des rechtschaffenen Bürgers bedienend, sind für Herrn Looft die Initiatoren der Umbenennungs-Debatte "Müßiggänger, die wohl sonst nichts Ordentliches mit ihrer Zeit anzufangen wissen". Es folgt ein sehr allgemeiner Angriff auf Propst Dr. Crystall und "die Kirche", der von Unkenntnis, Unwahrheiten und Lügen strotzt:
"Aber warum mischt Propst Crystall mit? Warum mahnt unser Propst nur den Antisemitismus in der NS-Zeit an und will deswegen Gustav Frenssen aufarbeiten und nachholen, blendet aber 2000 Jahre Judenverfolgung von Kirche und Christen aus? Dabei hat sich Gustav Frenssen schon 1945 geläutert. Die Kirche hingegen hat bisher nichts zurückgenommen."
Propst Dr. Andreas Crystall schrieb seine Dissertation über Gustav Frenssen und veröffentlichte diese später als Buch. Seine Beteiligung an einer Informationsveranstaltung zu Frenssen ist daher alles andere als unverständlich. Schlimmer dagegen ist die Tatsachenverdrehung die ihr folgt. Herr Looft behauptet, die Kirche habe in Sachen christlichem Antijudaismus "bisher nichts zurückgenommen", auch nicht in Sachen Luther und dessen Pamphlet von 1543 ("Von den Juden und ihren Lügen"), während Gustav Frenssen sich im Jahr 1945 (seinem Todesjahr) davon (?) "geläutert" habe. Hier zeigt sich die realitätsverweigernde Resistenz des Autors, die nicht weiter belegt zu werden braucht.

In seinem Schlußplädoyer verharmlost Herr Looft schließlich sogar noch alle Dinge, für die Gustav Frenssen - und eigentlich auch der Nationalsozialismus insgesamt - zu verurteilen sind:
"Antisemitismus. Gab es den nicht schon immer? Euthanasie? Wird und wurde in vielen Staaten praktiziert! Und Rassengesetze? Die Zionisten gaben damals ihr Okay. Und man schaue heute nur nach Israel!"
Um Frenssen zu retten werden schließlich Antisemitismus, Euthanasie und Rassismus für allgemein üblich erklärt und verharmlost. Nach dieser Argumentation könnte man also eigentlich keinem Nationalsozialisten einen Vorwurf machen.
[Antisemitismus als rassistisch begründete Judenfeindschaft ist zudem erst ein Produkt des 19. und 20. Jahrhundert (Während der kirchliche Antijudaismus in der Regel über Jahrhunderte jüdisches Leben in Europa prinzipiell zuließ, strebte der Antisemitismus stets die "Auflösung" des Juden in seiner Eigenschaft als Juden an, sei es durch Auswanderung, durch extreme Anpassungsauflagen oder wenn dies - wegen ihrer nicht veränderbaren Eigenschaft als “unverbesserliche Rasseschädlinge" - schließlich für nicht möglich gehalten wurde: durch Auslöschung (3. Reich, Shoah/Holocaust)).
Euthanasie, bzw. der 100.000-fache Mord an Behinderten, Andersdenkenden, "Asozialen", ist in Deutschland außerhalb der Nazi-Zeit nie gesellschaftlich oder staatlich toleriert, praktiziert oder akzeptiert worden (Vor dem Hintergrund des biblischen Tötungsverbotes ist Sterbehilfe nur in sehr seltenen, bestimmten Fällen erlaubt).]

Dass man von Karl-Wilhelm Looft, der offen bekennt sich in den 50er und 60er Jahren für die "Freiheitspartei" des ehemaligen NSDAP und "Deutsche Reichspartei"-Mitglieds Prof. Heinrich Kunstmann engagiert zu haben, solches Schreiben erwarten kann, ist klar. Dass es die "Dithmarscher Landeszeitung" weder bei ihm noch bei Herrn Höer für bedenkenswert hielt, solche Hetze abzudrucken, ist dagegen schwer verständlich.

Das einzig gute daran mag sein, dass beide einmal mehr und wohl eher unfreiwillig bestätigen: Die Verteidigung Gustav Frenssen's ist und bleibt nur etwas für Rechte.

Montag, 8. Juli 2013

Leserbrief vom 9. August 2012 (Dithmarscher Landeszeitung)

Gustav-Frenssen-Strasse bleibt? 

"Wenn in Heide nun über die Umbenennung der Carl-Diem-Halle debattiert werden soll, die neben jener Schule (St.-Georg) liegt, deren ursprüngliche Benennung nach dem fanatisch-antisemitischen Schriftsteller Adolf Bartels bereits eine unrühmliche Geschichte hat, dann ist das gut so. Ebenfalls muß man sich aber auch fragen, wie lange Heide eine Gustav-Frenssen-Straße unkritisch (be)stehen lassen will? Daß Frenssen ab 1933 zum Propagandisten der Nazis wurde, 1940 in "Recht oder Unrecht - mein Land" die antisemitischen Verbrechen der Nazis rechtfertigte, in seiner "Lebenskunde" von 1942 den Mord nicht nur an Geistigbehinderten, sondern auch an anderen Volksfeinden forderte und dabei den Nationalsozialismus eine Herrschaft des Guten nannte, wiegt meiner Meinung nach zu schwer. Die jüngsten Mahnungen für die Opfer der Diktatur in anderen Heider Straßen ("Stolpersteine") erscheinen angesichts der jahrzehntelangen Ehre eines Straßennamens wie Hohn."

Florian Dunklau

Freitag, 26. April 2013

Heinrich Mann - Kurzbiographie


Herkunft und Frühe Jahre (1871-1903)

Heinrich Mann, der älteste Sohn des Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann (1840-1891) und seiner deutsch-portugiesischen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns (1851-1923), wurde 1871 in Lübeck geboren. nach dem Abschluß des Gymnasiums verließ er 1889 er die Stadt, die er in seinem Roman "Prof. Unrat" (1905) als Stadt der beschränkten "Pfahlbürger" und in "Der Untertan" (1914/1918) als das spießbürgerliche "Netzig" karikiert. Nach einer Buchhändlerlehre in Dresden und einem Verlagsvolontariat in Berlin, konnte es sich Heinrich Mann - nach dem Tod des Vaters 1891 mit einer Rente aus dem Erbe ausgestattet - erlauben, ein recht freizügiges Leben mit Aufenthalten in Italien und Frankreich zu führen.

Schon in den 1890er Jahre beginnt er schriftstellerisch aktiv zu werden. Diese erste Phase bis etwa 1904 ist als Phase der Selbstbestimmung zu sehen in der Mann auch versuchte den Anschluss an die literarische Moderne des "Fin de Siècle" zu finden - mit all ihren problematischen Erscheinungen. Wie peinlich Mann sein Frühwerk war, ist aus der Zurückhaltung zu ersehen mit der er sich darüber äußerte. Seinen ersten Roman "In einer Familie" verleugnete er er bis zu seinem 50. Lebensjahr.
Verständlich wird dies nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch in politischer. Denn hier steht Mann teils deutlich im Gegensatz zu seinem späteren Schaffen: Zu seinem essayistischen Gesamtwerk mit über 1000 Texten zählen auch 37 Beiträge, die er in einer kurze Phase als Herausgeber der national-konservativen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert - Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt" verfasste (1895/96). Das Journal bot alle Facetten des Wilhelminismus jener Jahre: Militarismus, Deutschtümelei, Hohenzollernkult. Darunter finden sich auch antisemitische Pamphlete, wie der Artikel "Jüdischen Glaubens" (5. Jahrgang, Nr. 11, S. 455-462), in dem er schreibt:
"Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen geleitete wird daher Antisemit sein." (S. 462)
Auch in seinem ersten satirischen Roman "Im Schlaraffenland" (1900) und in "Die Göttinnen" (1902), werden antisemitische Stereotypen bedient. In seiner Zeit als Volontär beim S. Fischer Verlag hatte Heinrich Mann jenen aggressiven Antisemitismus des Kaiserreiches unbedacht aufgesogen. Er ist dann aber auch eines der wenigen Beispiele für ein Umlernen in Sachen Antisemitismus. In einem Brief von 1903 distanzierte er sich von seiner Mitarbeit am "Zwangzigsten Jahrhundert": "[Ich] redigierte ohne Überzeugung ein reaktionäres Wurschtblatt." In dem von Werner Sombart herausgegebenem Sammelband "Judentaufen" (1912) äußerte er schließlich auch öffentlich die positive Wirkung der jüdischen Mitbürger in der deutschen Kultur.
Das nach diesem persönlichen Wandel entstehende Hauptwerk Heinrich Manns das durch sein schon im Kaiserreich einsetzendes intensives öffentliches Engagement gegen Militarismus, falsche Obrigkeitstreue und Antisemitismus bestimmt ist (wie sie später im Nationalsozialismus in extremer Form kulminierten), hat schließlich bis heute - zurecht - das Bild seiner Person bestimmt.

Abkehr vom Wilhelminismus und Antisemitismus und Hinwendung zu Demokratie und Pazifismus (1904-1918)

Je länger Heinrich Mann sich in Italien aufhielt, desto mehr hatte er vermochte die durch das Klima des "Neuen Reiches" verfestigten Werte, Klischees und Stigmata abzulegen:
In Maximilian Hardens Zeitschrift "Die Zukunft" äußerte er 1904 in einem Essay eine scharfe historische Kritik am deutschen Machtstaat. In seinem Roman "Die kleine Stadt" (1909) geht er diesen Weg auf erzählerische Weise. Er zeichnet hierin mit hunderten charakteristischer Figuren eines kleinen italienischen Gemeinwesens ein Gegenbild zum wilhelminischen Deutschland, das als "hohes Lied der Demokratie" wirken sollte.
Ein anderer Roman, dessen Titel heute keinesfalls mehr so gewählt würde ("Zwischen den Rassen" (1907)), verdeutlicht Heinrich Manns Übergang vom Konservatismus zum Liberalismus, denn die Liebesgeschichte zwischen einem "nordischen Träumer" und einer "Südländerin" enthält mit Berufung auf den Naturrechtsphilosophen Rosseau eine Erörterung revolutionär-demokratischer Gedanken. Sein Aufenthalt in Italien hatte Heinrich Mann auch vor Augen geführt, dass er selbst das Ergebnis einer "Rassenmischung" und damit im Sinne des biologistisch-rassistischen Denkens ein "Verfallsprodukt" war.
Als Manns ausgereiftes und wohl bekanntes Werk, das seine politische und schriftstellerische Entwicklung am kann schließlich der am Vorabend des 1. Weltkriegs erschienene Roman "Der Untertan" gelten (erste Notizen 1906/07, Abgebrochener Vorabdruck im Juli 1914, Erstveröffentlichung Dezember 1918). Die Aufstiegsgeschichte des deutschnationalen Fabrikbesitzers Diederich Heßling nimmt als so gekonnt geschriebene Satire die wilhelminische Gesellschaft aufs Korn, wie - so der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler - schreibt: "kein Historiker das je so eindringlich beschreiben könnte."
Den Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, das die Juden mit seiner Gründung 1871 zu gleichberechtigten Staatsbürgern gemacht hatte, bekämpft Heinrich Mann zur selben Zeit so vehement in anderer literarischer Form, wie er ihn einige Jahre zuvor bedient hatte. (s. o.: Werner Sombart: "Judentaufen" (1912)). Auch beginnt bald ein intensiver Gedankenaustausch mit deutsch-jüdischen Intellektuellen darunter: Max Brod, Lion Feuchtwanger, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Joseph Roth und Stefan Zweig.
1914 heiratet Heinrich Mann die jüdische Schauspielerin Maria (Mimi) Kanova aus Prag (1886-1947 (gestorben an den Folgen der Haft im KZ Theresienstadt (1940-1945)). Aus der 1930 geschiedenen Ehe geht seine einzige Tochter Leonie Mann (verh. Askenazy, (1916-1986)) hervor.
Während des 1. Weltkrieges erscheint 1915 in Zürich, in der pazifistischen Zeitschrift "Die Weißen Blättern" sein Schlüsselessay "Zola". Auf 60 Seiten beklagt er, den Vergleich mit dem französischen Schriftsteller Emile Zola, der seit seiner Parteinahme in der antisemitischen Dreyfuss-Affäre ("J'accuse" (1898)) als Maßstab für intellektuelles Handeln galt, die allgemeine Kriegsbegeisterung, zu der sich auch Gerhart Hauptmann und sein Bruder Thomas ("Gedanken im Kriege" (1914)) hatten hinreißen lassen. Als einer der wenigen nimmt er Partei für eine demokratisch verfasste Gesellschaft und avanciert damit endgültig zu einem Vorbild für die linken Intellektuellen in Deutschland.

Weimarer Jahre (1918-1933)

Unmittelbar nach dem Krieg 1918 stellte sich Heinrich Mann sogleich dem demokratische Aufbau zur Verfügung und zwar weit links: Unter dem Bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) wird er Vorsitzender des "Politischen Rats geistiger Arbeiter" in München. Im Dezember 1918 erscheint "Der Untertan", dessen Veröffentlichung im Sommer 1914 durch den Ausbruch des Weltkrieges verhindert worden war. 1919 folgt auch der Essayband "Macht und Mensch" mit dem Reklamestreifband versehen: "Heinrich Mann für die deutsche Republik!". Er enthält u.a. den "Zola" und die abschließende Kritik am Kaiserreich ("Kaiserreich und Republik").
Während seinem romanistischen Werk ("Eugenie oder die Bürgerzeit" (ersch. 1928) - eine Art Gegenstück zu Thomas' "Buddenbrooks") der Erfolg in diesen Jahren versagt blieb, hat Heinrich Mann in der Zeit der Republik über 300 Essay veröffentlicht, die in Tageszeitungen ("Berliner Tageblatt", "Frankfurter Zeitung") und literarischen Zeitschriften erscheinen und ihm eine hohe Reputation verschafften. Wohlwollend (Wahlaufrufe für demokratische Parteien), aber mit kritischer Sicht ("Gegen Zensur, für Sittlichkeit" (1926)) wird Heinrich Mann zu einem Kämpfer für die Republik, vor deren Scheitern er bald warnen muss ("Bekenntnis zum Übernationalen" (1932)).
Auch setzt er sich für eine Verständigung und Versöhnung mit Frankreich ein ("Deutschland und Frankreich" (1923)) und tritt noch stärker gegen den Antisemitismus ein ("Das auferstandene Land", in: "Der Jude", Sonderheft Nr. 1 (1925); "Der Antisemitismus und seine Heilung", in: "Die Wahrheit" (Prag, 1928)).
1931 wird er Präsident der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Sein Ruf unter linken Intellektuellen ist so hervorragend, dass ihn Kurt Hiller in "Die Weltbühne" (Februar 1932) sogar für das Amt des Reichspräsidenten vorschlägt.
1932 unterzeichnet er u.a. einen Appell des Sozialistischen Kampfbundes gegen Hitler, ruft zur Wahlbeteiligung und - mit Albert Einstein und Käthe Kollwitz zur Opposition gegen die NSDAP und zum Zusammengehen von SPD und KPD auf. Am 15. Februar 1933 muss er von diesem Amt zurücktreten und wird mit anderen - u.a. Käthe Kollwitz - aus der Akademie ausgeschlossen. Am 21. Februar 1933 geht er ins französische Exil (Nizza (bis 1940)), im August wird er von Nazi-Deutschland ausgebürgert.

Exil und Kampf gegen Nationalsozialismus und Judenverfolgung, Tod (1933-1950)

Nach 1933 setzte er seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus in Frankreich fort: In der Zeitung "La Dépêche" kommentierte er für die französischen Leser monatlich die Vorgänge in Deutschland und versuchte die französisch-englische Stillhaltepolitik (Appeasement) gegenüber Hitler zu beenden. Über den intellektuellen Widerstand hinaus versuchte er auch den politischen zu fördern, was jedoch erfolglos blieb (ab 1935 von der KPD in Deutschland illegal verbreitete Schriften). Er galt - auch durch seine rege Beteiligung an deutschen Exilzeitungen ("Pariser Tageblatt", "Die neue Weltbühne") als "Stimme des anderen Deutschland".
1940 musste er über die Pyrenäen nach Spanien fliehen und gelangte am 13. Oktober 1940 nach New York, wo ihn sein Bruder Thomas begrüßte. In Amerika, anders als in Frankreich, verfügte er kaum noch über Publikationsmöglichkeiten, die ihn ökonomisch absichern konnten. Politisch beteiligte er sich jedoch weiterhin an den Veröffentlichungen der Bewegung "Freies Deutschland" in Mexiko.
Im amerikanischen Exil entsteht u.a. noch "Ein Zeitalter wird besichtigt", Heinrich Manns eigene sarkastische und zum Teil bittere Rückschau, historische Analyse der Zeitspanne, die er mit der französischen Revolution beginnen und mit der Landung der Amerikaner in der Normandie 1944 enden lässt.
Nach dem Krieg erhielt Heinrich Mann die offizielle Einladung zur Übersiedlung nach Ostberlin. 1949 folgte die Berufung zum Präsidenten der neugegründeten Akademie der Künste in der DDR. Am 12. März 1950 starb Heinrich Mann kurz vor der geplanten Rückkehr nach Deutschland in Santa Monica/Kalifornien. Seine Tochter lässt seine Urne 1961 nach Ostberlin überführen, wo sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt wird.

Literatur:

Carina Baganz: "Heinrich Mann", in: Wolfgang Benz: "Handbuch des Antisemitismus - Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart", Bd. 2/1 ("Personen A-K"), Berlin 2009, S. 513-514.
Wilfried F. Schoeller, Peter Klein (u.a.): "Heinrich Mann", in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): "Kindlers Literaturlexikon", Bd. 3 ("Leo-Mar"), 3. völlig neubearb. Auflage, Stuttgart 2009, S. 652-663.
Klaus Schröter: "Heinrich und Thomas Mann", Hamburg 1993 (EVA Duographien, Bd. 1).
Peter Stein: "Heinrich Mann", Stuttgart 2002.
Rolf Thiede: "Stereotypen vom Juden - Die frühen Schriften von Heinrich und Thomas Mann", Berlin 1998.
Renate Werner: "Heinrich Mann", in: Walther Killy, Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): "Killy-Literaturlexikon", Bd. 7 ("Kräm-Marp"), 2. vollst. überarbeitete Auflage, Berlin 2010, S. 650-655.

Donnerstag, 11. April 2013

G. Frenssen: "Der Glaube der Nordmark" (1936)

"Der Glaube der Nordmark" von 1936 ist im Gesamtwerk Frenssens, nach der Auflage betrachtet, seine dritt-erfolgreichste Schrift (mind. 350.000 Exemplare). Mit ihr schloss er, breit öffentlich erkennbar endgültig seinen Übergang zum Nationalsozialistischen Regime ab und trat in baldiger Folge auch formal-endgültig aus der Evangelischen Kirche aus (1938). Als Synthese der bekanntesten Schriften der "Deutschen Glaubenbewegung", u. a. Alfred Rosenbergs antisemitisch-rassistisches Machwerk "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts", ist der "Glaube der Nordmark" eine Kampfschrift gegen das evangelische Christentum, das Frenssen mit antisemitisch-fremdenfeindlichen Affekten als "widerdeutsch" stigmatisiert. Frenssen deutet zudem die Auflösung christlicher Moralvorstellungen im Bereich der Ethik an, die er in der "Lebenskunde" weiter und fatal zu einer Lehre vom Massenmord an allem "Kranken" ausführt.


Auszüge (aus: 12. Auflage (56.-60. Tausend), Georg Truckenmüller Verlag, Stuttgart).
(Kommentierung folgt.)

S. 43f.:
"Zu der Zeit und in diesem Gemütszustand, im Zustand seelischer Niedergangs-, ja Untergangsstimmung, suchten viele in der Bibel, suchten und suchten, was ihr angeborenes, finsteres und hartes, ihr russisch, ihr undeutsch gewordenes Gemüt zu finden begehrte, und fanden es denn auch: all die finsteren Worte im Alten Testament und die finsteren, ja bösen Worte eines gewissen Teppichmachers Paulus in Vorderasien, der genial, epileptisch, seelisch halb irr, jüdisch orientalisch, mit eine Wust halber, unwahrer Bildung überladen, von einer künstlich grausamen Glaubenskonstruktion besessen, die wirklichem ihm unbekannte Gestalt des Galiläers Jesus nach seinem Sinn umgedeutet hatte. [...] Ein elender Glaube! Ein gotteslästerlicher Glaube! Denn es verunehrt das menschliche Geschlecht, das Gott geschaffen hat! Und undeutsch! Widerdeutsch! [...] Gegen alles, was germanisch ist!"

Dutzendfach bei Amazon & Co erhältlich.
S. 45f.:
"Und, um das Maß voll zu machen: da tritt in diesen unsern Tagen in Deutschland eine neue Art von Religion auf - jawohl, eine neue Art von Gottgläubigkeit, von Frömmigkeit -, kommt durch einen glühenden Menschen [= Hitler] zu Kraft und Macht, gewinnt in fünfzehn Jahren [= 1921-1936] mehr als dreiviertel des großen Volkes, und schafft, zur Macht gekommen, aus dieser seiner Art Frömmigkeit heraus, für körperliche Gesundheit und Sauberkeit, für wahrhafte Erziehung und Bildung, für frühe Ehen, für Schönheit und edle Freude, für brüderliche Gerechtigkeit, und mit all diesem für Ehre und Mut, kurz für das, was unserm deutschen Gefühl heilig ist, in vier Jahren [1933-1936] mehr, als die katholische Kirche und ihr Glaube in vierzehnhundert Jahren, und die protestantische in vierhundert Jahren.
Und so, da dies alles vor Augen stand und steht, fühlt die Masse der Menschen immer deutlicher, daß jenes unsägliche Weltwunder, jene ungeheure Schöpfungsbegebenheit von Bethlehem und Golgatha, nicht die Wahrheit sei, und wendet sich vom christlichen Glauben ab."

S. 74ff.:
"Was ist es im Grunde und überhaupt mit diesem christlichen Glauben und der deutschen Seele? [...] Sie hat immer und immer, all die Jahrhunderte hindurch, das Gefühl gehabt, daß der christliche Kirchenglaube etwas in sich habe, das nicht für sie passe. [...] Aus diesem Gefühl heraus hat sie immer wieder versucht, nach ihrer deutschen, ernsten, gründlichen und grübelnden Weise, ihn der deutschen Natur gemäßer, ihn germanischer zu machen. [...] Im Leben Jesu (in "Hilligenlei") habe ich den Heiland als einen Menschen dargestellt, der, einem Germanen gleich, für eine rein geistige, feurige Idee streitet und stirbt. [...] Als das deutsche Volk dann, von der Hitler-Bewegung tief erregt, von dem großen, urdeutschen Gedanken tief ergriffen, wieder Mut gewann, traten die "Deutschen Christen" auf und wiederholten noch einmal diese uralten Versuche. Sie wollten den christlichen Glauben, indem sie ihn vom Jüdischen frei machten, dem deutschen Gemüt erträglich machen. Es ist allen bekannt, wie dieser Versuch zusammengebrochen ist."

S. 108:
"Der christliche Glaube sagt: "Ich komme von weither, aus dem Lande Israel, über Jesus von Nazareth, Hunderte von Lager- und Herdfeuererzählungen, Paulus, Papst, Luther." Und er ist um deswillen eifersüchtig und absprechend gegen das Hiergewachsene, das Heimgewachsene, Völkische.[...] Ist da etwas Großes und Heiliges in der Welt, so muß es doch aus der Fremde kommen, aus einem fernen Fabelland, einem Wunderland, einen weiten Weg![...] Der Glaube der Nordmark sagt: [...] Unser Glaube muß heimisch sein, blutgeboren und vom Blut immer neu gezeugt bis auf diesen Tag, germanisch deutsch geboren."
S. 109:
"Der christliche Glaube sagt: Jedes deutsche Kind muß an dem jüdischen Glaubensgut und an den jüdischen Helden und Patriarchen, von Abraham bis Johannes, seinen Glauben erleben und bilden. Der Glaube der Nordmark sagt: Jedes deutsche Kind muß an deutschem Glaubensgut und an deutschen Helden und Patriarchen, von Hermann dem Cherusker bis zu Goethe, Hindenburg und Hitler seinen Glauben erleben und bilden."

S. 116f.:
"Der christliche Glaube sagt: Heilig, Heilig ist dies und das! Und die bürgerliche Gesellschaft, die der christliche Glaube geschaffen hat, sagt dasselbe. [...] Der Glaube der Nordmark sagt: Heilig sind die Gesetze des Lebens. Mehr nicht: die Gesetze des Lebens! Und die Menschheit kennt sie. Die sie wohnen in unserer Brust und stehn auf Erden und im Himmel aufgeschrieben. (Aber die Menschheit und unser Volk ehrt sie nicht. Noch nicht. Und dreiviertel alles menschlichen Elends kommt von dieser einen Sünde.) [...] Der christliche Glaube von dem lebenden und sterbenden Welterlöser neigt dazu, die Pflege der Armen und Elenden in den Vordergrund zu stellen. Der Glaube der Nordmark, der Glaube an den Gott des sinnlich-seelische Lebens und seiner harten Gesetze, neigt dazu, die Pflege alles Gesunden bei weitem voranzustellen."

S. 119f.:
"Woher war der christ-evangelische Glaube? In Tarsus gebürtig, über Jerusalem, Alexandrien, Rom, nach den rätselvollen Wegen und Willen des Alls, auf Gottes Wunderwegen, nach Germanien verschlagen. Was sollte ich mit dem fremden, überklugen, verkünstelten, versteckten, grausamen Glaubensgebilde?"

S. 132:
"Die neue Bewegung plante keineswegs Feindschaft gegen de christlichen Glauben. [...] Aber indem diese Bewegung, anders als die bisherige, ihr Wesen aus der tiefsten germanischen Natur schöpfte, da sie auf das Blut zurückgriff, den Urgrund jedes Menschen- und jedes Volksseins, [...] bewirkte sie, ohne es zu wollen, daß die deutschen Menschen [...] neu zu fragen begannen, welcher Glaube denn wohl zutiefst im germanischen Blut läge."

S. 134f.:
"So wie diese politische Bewegung eine echt deutsche war, aus den Urgründen der deutschen Seele, gedachten diese Leute, aus den im Judentum beheimateten christlichen Glauben das Gutgläubige, Tätige, Mutige, Frische, Gütige, das auch darin ist, hervorzureißen, ein positives Christentum aufzustellen. Sie wollten das Christentum deutsch, nationalsozialistisch machen. Darum nannten sie sich "Deutsche Christen". Zu gleicher Zeit versuchten andere dasselbe, indem sie das alte jüdische Testament fallen ließen und, statt seiner, altes deutsches Glaubensgut setzten. [...] Sie nannten sich "Deutsche Kirche". [...] Aber beide Bestrebungen mißlangen. [...] Am meisten dadurch, weil das Wesen, der Kern des christlichen Glaubens, jeder Verdeutschung widerstrebt."

S. 135f.:
"Die "Deutschen Christen" hatten auch nicht mit den Kirchengläubigen gerechnet. [...] Dies Kirchenvolk ist in der Nordmark sehr klein, vielleicht noch drei vom Hundert. [...] Dazu kamen endlich auch die, welche, enge und zum Teil böse Menschen, von Natur Stänker, die politische Einigkeit des Volkes nicht ertragen. Alle diese taten sich zusammen und bildeten die "Bekenntnisfront", die "Bekenntniskirche". [...]
Da steht er, von nun an unverändert, unveränderlich! Dieser Glaube an den Welterlöser mit all seinen kleinen, meist unnützen Wundern in den Dörfern des fernen, kleinen jüdischen Landes."

S. 137:
"Unterdessen wird das große Volk der Nordmark, all diese Scharen würdiger Arbeiter, all diese Massen ernster Männer und Frauen [...] werden mit der Welt gehn, mit dem Wandel der Welt [...] zu dem neuen Glauben übergehn. [...] Sie gehören ihm in ungeheurer Mehrzahl an. Von jeher. Von Blut und Boden, Vorfahren und Eltern wegen. Und hunderttausend haben ihre Seelen schon abgestäubt und frisch gemacht, sind sich schon bewußt, daß sie nicht mehr Christen sind.
Und viele ernste und kluge Federn sind im Gange und treiben die Bewegung weiter.
Ich will nur wenig mit Namen nennen. [...] Alfred Rosenberg hat in seinem "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts", von einer mächtigen Allgemeinschau aus, die seit langem selten gewesen ist, die Bedenken und Forderungen germanischen Blutes und germanischer Seele nachgewiesen. In dem Buch "Deutscher Gottglaube" und andern Büchern und in ihrer Zeitschrift "Im heiligen Quell deutscher Kraft" kämpfen Erich und Mathilde Ludendorff mit dem redlichsten und heißesten Willen für einen neuen deutschen Glauben. [...] [Wilhelm Hauers "Deutsche Gottesschau" und die u.a. von ihm herausgegebene Zeitschrift "Deutscher Glaube"] berichten aufs beste und redlichste über die ganze deutsche Glaubensbewegung. Der nun auch diese Schrift dienen will."

S. 141:
"Viele, von stärkerer Natur und von röterem deutschen Blut, ihren Nordmarksbrüdern gefühlsmäßig enger verbunden als den Männern von Jerusalem, Tarsus und Rom, haben schon lange, unter indischer, jüdischer, hellenischer oder römischer Spruchstelle und Überschrift, aus dem Bibelbuche genommen, germanischen Glauben gepredigt. Diesen wird es möglich sein, sich von all dem Fremden noch mehr zu befreien und den rein eignen, wirklichen Glauben der Nordmark zu verkünden."

Mittwoch, 3. April 2013

Frenssen und Bartels - Verbindendes, Trennendes

Gustav Frenssen (1863-1945) und Adolf Bartels (1862-1945) verbindet ihre Heimat, ihr berufliches Schaffen, ihre fast identische Lebensspanne und zuletzt auch ihre politische Überzeugung im Dienste des Nationalsozialismus - Ein Vergleich.

Gustav Frenssen starb am 11. April 1945 in Barlt. Noch in seinen letzten Worten, gerichtet an den Schleswig-Holsteinischen Gauleiter Hinrich Lohse, drückte er seine Überzeugung von und Hoffnung auf den Endsieg Hitler-Deutschlands aus. Am selben Tag befreiten die Amerikanischen Truppen bereits das thüringische Weimar, wo Adolf Bartels schon am 7. März 1945 verstorben war - unschwer zu vermuten mit derselben Gesinnung. Nur wenige Wochen später, am 5. Mai 1945 stehen die Briten auch in Dithmarschen. Der 2 Weltkrieg endet 3 Tage später.
Adolf Bartels, geboren in Wesselburen und Gustav Frenssen aus Barlt, beide Handwerkersöhne, hatten für kurze Zeit gemeinsam das Gymnasium in Meldorf besucht. Von hier aus nahmen ihre beiden Lebenswege jedoch zunächst einen völlig unterschiedlichen Verlauf:

Karrieren im Kaiserreich

Während Frenssen, wegen schlechter Noten, an das Gymnasium nach Husum wechselte, dort erst 1886 (mit 23) das Abitur ablegte, u. a. in Tübingen erfolgreich Theologie studierte und seit 1890 als Pastor in Hennstedt (ab 1892 in Hemme) tätig war, hatte Bartels 1882 die Schule kurz vor dem Abschluss allein weil sein Vater das Schuldgeld nicht mehr hatte aufbringen können abbrechen müssen. Als Hilfsschreiber am Wesselburener Amtsgericht und Nachhilfelehrer schlug er sich zunächst durch bevor er 1885 nach Leipzig zog und - ohne Aussicht auf einen akademischen Abschluss - Vorlesungen über Literatur, Geschichte und Philosophie besuchte. Zur selben Zeit als Frenssen wieder in seine Heimat zurückkehrte, hatte es Bartels zum Chefredakteur der Lahrer Zeitung (Baden) gebracht und bereits als freier Schriftsteller zahlreiche Gedichte, Erzählungen und für verschiedene Zeitungen, sowie Theaterkritiken und Rezensionen verfasst.
Das persönliche Verhältnis zu seinem ehemaligen Mitschüler Frenssen, dem die akademische Laufbahn nicht verwehrt geblieben war, und der mit "Jörn Uhl" (1901) einen überraschenden Durchbruch als Schriftsteller hatte, war zeitlebens belastet - vermutlich vom Neid Bartels -, wie ein teilweise erhaltener Briefwechsel zwischen den beiden, der sich um Bartels' Verriss eines Frenssenwerkes drehte andeutet.

Bartels: Völkischer "Vorkämpfer"

Um die Jahrhundertwende hatte sich Bartels, der in Frankfurt/Main seit 1892 mit jüdischen Intellektuellen, Schriftstellern und Verlegern bekannt war, zu einem radikalen Antisemiten gewandelt. Er veröffentlichte seine "Geschichte der deutschen Literatur" (1901/02) in der er unter 9000 Autoren eine "reinlichen Scheidung zwischen Deutschen und Juden" vornahm. Er prägte auch den Begriff der "Heimatkunst", jener literarischen Bewegung, die das vorindustrielle Zeitalter romantisch idealisierte und die meisten Erscheinungen der Moderne ablehnte.
In die Zeit des Kaiserreiches fällt auch seine politische Aktivität in der "Völkischen Bewegung", der nationalistisch-antisemitischen Strömung des Kaiserreich, aus der nach 1918 die NSDAP hervorging. 1913 organisierte Bartels den "Deutschen Tag" in Eisenach, der eine der frühen Versammlung völkisch-politischer Gruppen darstellte.

Frenssen: Liberal, national, sozial

Zu einer Zeit als sich in Bartels Schriften fast alles um den "Einfluss der Juden" auf die Deutsche Kultur drehte, war die Verbindung von Nationalismus und Antisemitismus, in Frenssens Schaffen und Äußerungen noch nicht gegeben. Jahrzehnte später, 1932, wird er in einem Brief schreiben:
"Ich war vor 30, 40 Jahren ein National-Sozialist und bin nie etwas anderes gewesen oder geworden. [...] Nun, da dieser National-Sozialismus in neuer Erscheinung hochkommt, gegen 70 Jahre alt, habe ich nicht mehr den schönen Glauben, an ihn wohl, aber nicht so an seine Vertreter. Ich habe aber für Hitler gestimmt [...] weil auch ich in ihm - ich habe ihn nicht gesehen - das Beste des deutschen Wesens ahne." (nach: Dohnke/Stein, S. 85)
Frenssen spielte damit auf seine Nähe zum liberalen "NationalsozialenVerein" Friedrich Naumanns an, mit dem zusammen er 1902 den Ehrendoktor der Theologie der Universität Heidelberg verliehen bekam. Den Pastor und Schriftsteller bewegen in diesen Jahren soziale Fragen seines heimatlichen Umfeldes, wie etwa die ernüchternde Situation der Landarbeiterschaft ("Die drei Getreuen" (1898)).
Daß Frenssen Naumanns Partei mit der Bewegung der neuen Machthaber zu identifizieren scheint ist höchst kurios: Der von 1896-1903 bestehende "Nationalsoziale Verein" war in Ablehnung der "Christlich-sozialen Partei" des ehemaligen preußischen Hofpredigers Adolf Stoeckers gegründet worden, weil er dessen Antisemitismus ablehnte. 1903 schloß sich Naumann mit den meisten Anhänger seiner Partei der "Freisinnigen Vereinigung" an, für die er ab 1907 im Reichstag saß. Adolf Bartels urteilt daher auch in seinem autobiographischen Buch "Kinderland" (1914), daß "der Freisinn nichts weiter sei als eine Judenschutztruppe" (Bartels, S. 459).

Weimarer Jahre

Nach dem ersten Weltkrieg blieb Adolf Bartels politisch eindeutig: rechtskonservativ und völkisch, und neigte zunächst der "Deutschnationalen Volkspartei" (DNVP) zu. Schon 1924 veröffentlichte er aber eine Broschüre mit dem Titel "Der Nationalsozialismus Deutschlands Rettung" und wurde 1925 Ehrenmitglied der NSDAP-Ortsgruppe Weimar.
Frenssen dagegen neigte zumindest Anfang der 1920er Jahre noch aufgeklärt liberalen Ansichten zu und bekannte sich zeitweilig zur neuen Demokratie. Seine Denken ist "disparat und schillernd" und "steckt noch voller Widersprüchlichkeiten und Unsicherheiten" (Crystall, S. 379). Die zwar schon vorhandenen Ideen zur Euthanasie und Rassenhygiene (Eugenik) rücken erst später in den Mittelpunkt. Auch eine sich radikalisierende antisemitische Haltung entwickelt sich erst in Korrespondenz mit seinem Verleger Müller-Grote und findet sich im zweiten Band der "Grübeleien" ("Möwen und Mäuse") von 1927 (Vgl. Crystall, S. 400ff., 404ff.)

Nach 1933

In der Zeit nach 1933 schließt Frenssen zu Bartels Publizistik der vorangegangenen Jahrzehnte auf: Während Bartels sich seinem letzten großen Werk, die "Geschichte der Thüringischen Literatur" (1938/1942) widmet, die zwar auch entsprechend gefärbt ist, aber keine eigentlich politische Schrift darstellt, entwickelt Frenssen sich zu einem Propagandisten der nationalsozialistischen Ideologie ("Der Glaube der Nordmark" (1936), "Recht oder Unrecht" (1940) und "Lebenskunde" (1942) u. a.). Zeitgleich mit dem Ausschluß der Brüder Mann und anderer liberaler oder jüdischer Autoren wird Frenssen zum Mitglied der "PreußischeAkademie der Künste" berufen. Seine Ehrung durch das Regime anläßlich seines 70. Geburttag läßt ihn in eine jener vielen Lücken aufrücken, die die Nationalsozialisten in der Kultur gerissen haben (Bücherverbrennung am 10. Mai 1933). Er wird Vorstandsmitglied des 1936 gegründeten "EutinerDichterkreises", der sich "bewusst den Zielen der NS-Regierung“ unterordnet (Lawrence D. Stokes) und arbeitet bis in die letzten Kriegs- und Lebensmonate für den Rundfunk und die Reichspressestelle der NSDAP. 

Schluß

Im schriftstellerischen und politischen Werdegang von Bartels und Frenssen finden sich neben Parallelen auch deutliche Gegensätze. Festzuhalten ist mit diesem sehr kurzen Abriss, daß beide keinesfalls bloß "harmlose Heimatschriftsteller" waren, sondern auch stets - persönlich und in ihren Werken - politisch bewegt waren (siehe auch: Frenssen's "Peter Moors Fahrt nach Südwest" (1906)).
So wie Adolf Bartels als klarer Wegbereiter und frühes Mitglied völkischer Gruppierungen und später der NSDAP identifiziert werden kann, muß man auch eingestehen, daß Gustav Frenssen - im Gegensatz zu seiner Frühzeit - aktiver, willentlicher und radikaler Propagandist der nationalsozialistischen Politik und ihrer Programme zur Euthanasie (T4-Krankenmord), Eugenik (Lebensborn) und der Verfolgung der Juden wurde.
Frenssen war wie Bartels nie ordentliches Mitglied der NSDAP. Seine frühe Erfolge als Schriftsteller machten ihn während der Jahre 1933 bis 1945 attraktiv für die Förderung eines Personenkults um ihn und seiner Schriften im Dienst des Regimes. Wenn die Aberkennung der Ehrung mit Schul- und Straßennamen für Bartels mit einer Verurteilung seiner vor 1933 erfolgten antisemitischen Propaganda begründet wurde, dann war und muß dies verständlicherweise ebenso für die breite und konkrete antisemitische Propaganda Frenssens in den Jahren nach 1933 gelten, auch wenn beide eine unterschiedliche Vorgeschichte haben.

Dienstag, 26. März 2013

G. Frenssen - „Recht oder Unrecht“ (1940) [Teil 2]

„Was schrein die Machthaber und Wortführer von England und Frankreich, als wollten wir Deutsche [...] über unsern Lebensraum hinaus? Was schreien sie diese offenbare, diese verrückte Lüge in alle Welt hinaus?" (S. 14)
Für die Mehrheit der Deutschen des Jahres 1940 mag diese Behauptung Frenssens vermutlich der wahrgenommenen Realität entsprochen haben: Dass Hitler lediglich die Bestimmungen des Versailler Vertrages rückgängig machen, dem Deutschen Reich wieder seinen Platz in Europa verschaffen und dabei alle mit deutscher Bevölkerungsmehrheit besiedelten Gebiete „Heim ins Reich" holen wollte, waren Forderungen, die breite Akzeptanz in der Bevölkerung jenseits der politischen Couleur besaßen. Wer Hitlers „Mein Kampf" (1925) tatsächlich gelesen hatte, konnte dagegen erkennen, dass die immer radikaleren judenfeindlichen Maßnahmen im Inland als erster Schritt einer „Germanisierung" Europas in einem Völkermord-Krieg gegen Juden und „Untermenschen" gedacht wurden:

„Seit Jahrhunderten zehrte Rußland von (dem) germanischen Kern seiner oberen leitenden Schichten. Er kann heute als fast restlos ausgerottet und ausgelöscht angesehen werden. An seine Stelle ist der Jude getreten. [...] Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Rußland wird auch das Ende Rußlands als Staat sein." (Hitler, „Mein Kampf", Zweiter Band, Seite ?)
Ob Frenssen diese Zeilen kannte oder nicht, also entweder bewusst log oder sich selbst und andere täuschte, bleibt unerheblich. In seinen Schriften nach 1933 hatte er sich willig der nationalsozialistischen Propaganda verschrieben und leistete dieser je nach aktuellem Stand der Lüge bereitwillig Dienste:
Wenn er die Annexion Böhmens und Mährens als „freiwilligen Akt" seitens der Tschechen (und Slowaken) darstellte (siehe Teil 1), log er zusammen mit der nationalsozialistischen Propaganda über die Unterdrückung eines anderes Volkes, obwohl gerade dies die Falschheit der Behauptung, dass es Hitler nur um die Heimholung der Deutschen ginge, deutlich machte.
In der „Lebenskunde" von 1942 schwenkt er dann schließlich in den Realität gewordenen Wahn ein: Dass die Deutschen nicht nur durch verbesserte Organisation und Steigerung der Landwirtschaft in ihrem „Raum" in Europa leben würden, sondern auch „ein Tag kommen könne" (und damals schon gekommen war), an dem sie auch neuen Raum erobern würden, verkündete Frenssen nun wie selbstverständlich.

„Und nun will ich also von diesem Hitlertum sprechen: [...] Wer findet das Wort? [...] [Das Wort,] Das Deutschland endlich, endlich einig machte, zu einem Wesen zusammenballte! Und damit wieder stark und ehrlich machte! Wer... wer findet das Wort? Seht, ihr Menschen, es ist nicht leicht, es verständlich zu machen: da ist ein Mensch... da steht Gott selbst... vor dem Schmelzofen seiner Schöpfung: es glüht und sprüht und funkelt... ein Chaos! Da sagt er ein Wort, ein einziges Wort; und sieh, es fließt zusammen. [...] Wer fand das Wort? [...] Er [= Hitler] fand das Wort [...] ein einfacher deutscher Soldat. [...] Er suchte für das Wort, das Wunderwort, das in ihm war, eine Fassung und fand sie. Es ist nicht die rechte Fassung. Die rechte ist allein sein Name. Denn er selbst, in seinem Wesen... und auch in dem Weg seines Lebens bis dahin..., daß er ein Arbeiter der Faust war zuerst, danach einsamer und mühsamer Bildner seiner selbst, danach Soldat unter den andern Millionen: er selbst war das Wort. Aber er gab ihm einen anderen Namen. Er nannte es nationalsozialistisch. Sein Bruder in Italien [= Mussolini][...] nannte sein Wort und Werk: faschistisch. [...]
Der Hitlerismus, das Hitlertum, eine Sache von gestern? Wohl tausend Jahr lang suchte das deutsche Volk seines Wesens Sinn und Art... Es fand sie" (S. 34f.)
An diesem Abschnitt wird die ganze fanatische Übertreibung von Frenssens Hitlerverehrung deutlich, die religiöse Züge im Stil des Johannesevangeliums trägt („Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort."). Hitler wird als göttlicher Retter und Einiger der deutschen Nation dargestellt. In der idealisierenden Form einer nationalsozialistischen „Heilsgeschichte" wird seine Biographie und sein Aufstieg als von der Vorsehung bereitete und vorbestimmte Entwicklung dargestellt. Die Person Hitler ist nur die menschliche „Hülle" durch die ein seit „tausend Jahren" suchendes Volk sein „germanisches Wesen" verwirkliche.

„Und so hat der Nationalsozialismus eine völlige Erneuerung, ja eine Neuschaffung, und damit eine gewaltige Gesundung und Kräftigung unseres Volkes gebracht. [...] Oder haben unsere Feinde eine Hoffnung auf eine Revolution? Auf eine Trennung vom Führer? [...] Man macht keine Revolution gegen sein eigenes Wesen, gegen das eigene Herz" (S. 55, 57).
Fazit:
Die totalen Besessenheit vom "Führer" und der damit verbundene Kult einer geschichtstheologischen Erlösungshoffnung durch den Nationalsozialismus, der göttlich sanktioniert ist, finden hier einen kaum zu überbietenden Ausdruck. Dass die Propagandaschrift „Recht oder Unrecht" (wie auch „Der Glaube der Nordmark" (1936)) heute nicht nur als antiquarisches Exemplar noch verhältnismäßig häufig frei zum Verkauf angeboten wird und sogar Faksimiles der Broschüre von neonazistischen Internetshops angeboten werden, zwingt zu der bitteren Erkenntnis, dass es offensichtlich Frenssens „Alterswerk" ist das ihn am längsten zu überleben scheint. 

G. Frenssen - „Recht oder Unrecht“ (1940) [Teil 1]

Diese Schrift Frenssens stellt eine nationalsozialistische Geschichtstheologie dar. Frenssen will zeigen, daß der Nationalsozialismus und der „Hitlerismus“ die göttlich-legitimierte und vollendete Form der Regierung und Führung des deutschen Volkes darstelle. Die Niederlage im 1. Weltkrieg (1918) und den Versailler Vertrag (1919) seien der „jüdische" Versuch einer Demütigung und Unterjochung Deutschlands gewesen, der durch den „göttlichen“ Eingriff Hitlers entgegen getreten worden sei. Die Verfolgung der Juden und die Zerstörung der Demokratie und der Grundrechte seit 1933, die Besetzung der Tschechoslowakei (sog. „Protektorat Böhmen und Mähren“) und den deutschen Überfall auf Polen rechtfertigt Frenssen mit Propagandalügen als Form der Selbstverteidigung. Hitler wird von dem ehemaligen Pastor als „Erlöser“ ähnlich der Art der Theologie des Johannesevangeliums beschrieben und bedingungslos verehrt.


Kommentierte Auszüge:
„Die Juden sind vor etwa hundert Jahren als Vollbürger in unser Volk aufgenommen worden. Obgleich dies geschehen war, hielten sie sich aber weiterhin, wie überall, in allen Völkern, für sich gesondert. [...] Sie waren also nicht Deutsche, wollten es auch nicht sein; sonst hätten sie sich mit uns Deutschen vermischt. Nein, sie waren und blieben ein fremdes, kleines Volkstum in unserem großen Volk, und wollten es sein.“
Erst 1871 war den Juden in Deutschland, nach Jahrhunderten der Verfolgung und Rechtsbeschränkung durch einen fast zwei Jahrtausende alten christliche Antijudaismus die vollständige bürgerliche Gleichstellung gewährt worden, von Anfang an vom Widerstand der konservativen Eliten begleitet. 
Von Neonazis gern kopiert: Frenssens
nationalsozialistische Propagandaschrift
von 1940 (G. Grote Verlag Berlin).
Frenssen macht die Juden für das Scheitern einer Agenda verantwortlich, die von Anfang an nicht ehrlich gemeint war: Wie Martin Luther, der erwartete, daß mit der Reformation der Kirche die Bekehrung der Juden zum Christentum erfolgen würde und - als dies nicht eintrat mit der Schrift „Von den Juden und ihre Lügen“ (1543) ihre erbarmungslose Verfolgung und Vertreibung forderte, zeigt auch Frenssen zunächst jene unehrliche Haltung der Emanzipationsbestrebungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, daß ein Jude, dem man alle Rechte verleihe, dann nicht mehr Jude/jüdischen Glaubens sein dürfe, sondern „Verschwinden“ (im Volk aufgehen) müsse. 
In einer Zeit, in der auch Heiraten zwischen den christlichen Konfessionen eine seltene Ausnahme bildeten, macht Frenssen den Juden zum Vorwurf sich nicht „vermischt“ zu haben. Daß die innerjüdischen Bestrebung nach „Akkulturation“ oder „Assimilation“ an die deutsche Kultur - Judentum nicht als Nations- oder Volkszugehörigkeit, sondern als Konfession/Glaube, mit der Einführung deutschsprachiger Gebet- und Gesangbüchern und Orgeln (!) in den Synagogen (siehe: Israel Jacobson) - kaum in einem anderen Land größer war als in Deutschland; daß 100.000 jüdische Männer im 1. Weltkrieg auf deutscher Seite kämpften (80.000 Frontsoldaten, 35.000 ausgezeichnet, 12.000 Gefallene), erwähnt Frenssen natürlich nicht.
Er zeichnet das nationalsozialistische Zerrbild von den dem „germanischen Wesen“ feindlichen und gänzlich fremden Juden, das dem moderne Antisemistismus entnommen ist: Den von Wilhelm Marr 1879 geprägten Begriff kennzeichnet die auf der „Rassentheorie" basierende Vorstellung, daß Judentum und „Germanentum" zwei entgegengesetzte Kräfte der Geschichte seien. Eine „Vermischung" sei daher unmöglich und wäre- so der Titel von Marrs Schrift  - „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum".      
In diesem Fahrwasser bewegt sich auch Frenssen: Die scheinbare Großzügigkeit Deutschland, die von den Juden, aufgrund ihrer Fremdheit ausgeschlagen wurde, dient Frenssen als Rechtfertigung ihrer Verurteilung. Denn eben jene Juden, denen wohlgemerkt nur vorgeblich noch die Vermischung mit den Deutschen angeboten wurde, sind nun die „gänzlichen Fremden".
Daß, was jüdische Mitbürger in ihrem Aufstieg in die bürgerliche Gesellschaft des Kaiserreiches und der Weimarer Republik erreichten, galt ihm - und den Antisemiten - als Angriff eines fremden Volkes von innen:
„Aber dann! Als unser Volk 1918 ausgeblutet, und darauf von seinen Gegnern geschändet [...] verzweifelt war [...] da, ja da geschah etwas Ungeheuerliches. Da griff das kleine, fremde jüdische Volk, verlockt von der wunderbaren Gelegenheit, in wilder, in unsagbarer Taktlosigkeit, in gewordener Gier nach der Herrschaft über das deutsche Volk. [...] Im Staatswesen und der Politik: sie bestimmten den Weg. [...] Schrecklich war der Zusammenbruch [1918]! Schrecklicher der Friede von Versailles, dieser untermenschliche Mordversuch perverser Idioten an einem Edlen Volk! Aber dies, was danach kam, dieser Versuch, und - wie es schien - glückende Versuch des kleinen fremden jüdischen Volkes in unserm großen deutsche Volk [...] das war das Tollste. […] Ich sage: da war kein Geldstück in unserm Land, kein Beschluß in Politik und Verwaltung, kein Hörsaal, keine Volksschulklasse, auf denen nicht die Hand der Juden lag.“ (S. 6ff.)
Der Niederlage des 1. Weltkrieges, selbst der harte Frieden von Versailles seien - so Frenssen - weniger schlimm als der innere Angriff der Juden gewesen. Frenssen identifiziert die Weimarer Republik als „Judenrepublik“. Es ist die klassische irrationale Paranoia und Verschwörungslogik moderner Antisemiten, daß sie den Geschichtsverlauf vor dem Hintergrund eines vermeintlichen Welteroberungsprogramm der Juden deuten („Protokolle der Weisen von Zion“). Frenssens so geäußerter fanatischer Judenhass entspricht dabei der irrationalen Größe seiner Behauptung von der totalen Herrschaft der Juden über Geld, Politik und Bildung. 
„Das deutsche Volk erholte sich vom Mordanschlag von Versailles. Es erholte sich so weit, daß es auf seinen Knien liegen konnte. Dann kam ein Mann [= Adolf Hitler] und machte es wach. Noch halb betäubt, erhob es sich von den Knien und stand wieder auf seinen Füßen. Es sah sich um. Was sah es? Was war das erste, das es sah? Daß dies fremde kleine Volk sein Herr war, sein Herr in allem. Und es verhöhnte. Was geschah?... Was geschah? Ja, was konnte geschehn, als daß dies deutsche Volk rasend wurde? Über solche unsagbare Schmach! Von denen ihm angetan, die es hundert Jahre lang freundlich unter sich geduldet hatte? Es wurde rasend. Es jagte die Meisten weg. Es jagte sie aus dem Land. Es säuberte den Boden seiner uralten Heimat. [...] Gerecht oder nicht... es ist vielleicht nicht menschliche, es ist wohl göttliche Gerechtigkeit!“ (S. 8-10).
So extrem wie Frenssen sich in seinen Lügen über die vermeintliche „Judenherrschaft“ ausläßt, dienen sie ihm als Rechtfertigung der nationalsozialistischen Unterdrückung und Verbrechen, die sich schon in den Jahren 1933 bis 1939 abspielten, darunter Berufverbot, KZ-Haft, Folterungen und Ermordungen, Zerstörung jüdischer Geschäfte und Enteignungen und die Zerstörung der meisten Synagogen in Deutschland in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der mindestens 400 jüdische Mitbürger getötet oder in den Selbstmord getrieben und 25.000 Juden in KZs inhaftiert wurden. 

In den weiteren Kapiteln verteidigt Frenssen die außenpolitischen Ambitionen Hitlerdeutschlands, die er sich bemüht als Sammlung des deutschen Volkes und gerechte Selbstverteidigung vor allem gegenüber dem britischen Imperialismus darzustellen. Dabei muß er auch die Besetzung der „Rest-Tschechei“ rechtfertigen:
 „Bald danach, als eine Folge dieser Heimkehr [des Sudentenlandes ins Reich] bot sich ein kleiner fremder Volkssplitter , Böhmen-Mähren, freiwillig uns an. Jawohl „freiwillig“! Denn er hatte schon tausend Jahre lang, mehr oder weniger enge, zu uns gehört. Und er war zu klein, um selbständig leben zu können. Er mußte auch fürchten, alleinstehend, von einem der Nachbarn vergewaltigt zu werden. Er schloß sich uns an, weil er ringsum von unserem Gebiet umgeben war.“ (S. 11)
Für Frenssen ist das tschechische Volk nur ein „Splitter“, der deshalb kein Recht habe, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Hitler als Argument für die Besetzung des Rheinlands, dem Anschluß Österreichs und der Annektion des Sudentenlandes in Anspruch genommen hatte, für sich anzuwenden. „Freiwillig“ habe es sich angeschlossen. Frenssen macht so den „Vergewaltiger“ (Deutschland) zum vermeintlichen „Beschützer“.
Sind die Tschechen zumindest noch ein halbes Volk, so urteilte Frenssen über Polen, das nach dem 1. Weltkrieg Gebiete in Westpreußen, Posen und Oberschlesien zugesprochen bekommen hatte noch deutlicher:
 „Niemals, zu keiner Zeit, war es länger als fünfzig Jahre konsolidiert, ein Volk aus eigener Kraft. Und immer, zu jeder Zeit seiner Vergangenheit, hatte es schlecht um seine Kultur gestanden. […] Der Vertrag von Versailles stellte diese staatliche Unfähigkeit, diesen Nichtstaat wieder her. […] Hochkultiviertes deutsches Volk wurde der  „polnischen Wirtschaft" überantwortet, die in ganz Mitteleuropa sprichwörtlich bekannt ist, der Unordnung, dem Schmutz, der Armut. Ja, und wurde gequält! Es wurde von diesem Nichtstaat, dieser Unkultur gequält! […] So mußte es [= Deutschland] diesem Zustand der Quälerei seines Blutes, dieser seiner Schande ein Ende machen... Es hat ein Ende gemacht." (S. 12f.)
Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 markiert den Beginn des 2. Weltkrieges. Frenssen argumentiert nicht allein mit dem Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, sondern bewußt und aggressiv mit der „Unkultur“ Polens, das weder je ein Volk, noch einen Staat gebildet habe. Das „Ur-Recht alles Volkswesens“, das für die Deutschen gilt, gilt für die Polen nicht. Frenssen stimmt damit in die rassistische Völker-Hierarchie der Nationalsozialisten ein.  

Fazit:
Frenssen rechtfertigt ausnahmslos die seit 1933 stattfindende Judenverfolgung, die Annexion der Tschechoslowakei und den deutschen Überfall auf Polen. Die antisemitischen und rassistischen Lügen (über Juden, Tschechen und Polen) seien untrennbare Bestandteile der nationalen Wiederherstellung des Deutschen Reiches. Er steht damit ganz auf der Linie nationalsozialistischer Politik, die die Vertreibung (und spätere Ermordung) der Juden und die Vorherrschaft der Deutschen über die europäischen Völker als Ziele ihrer „Bewegung“ definierte.