BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

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Dienstag, 4. Februar 2014

Thomas Mann - Ein Dokumentarbericht über Leben und Werk (1955)



Anläßlich des 80. Geburtstags Thomas Manns entstandene Dokumentation (Ausstrahlung bei 3sat vom 8. August 2005, 23:10 Uhr, zum 50. Todestag). 

Drehbuch: Peter Dreessen und Heinz Huber
Regie: Heinz Huber


Sonntag, 19. Januar 2014

Fußballer, Pferd, Frenssen? – Womit wollen wir uns schmücken?

Die „Dithmarscher Landeszeitung“ veröffentlichte gestern (18.01.2014) eine erste Zusammenstellung von Vorschlägen, die von Lesern als Namensalternative im Falle einer Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße gemacht wurden. Wie immer in solch einem Fall, ist es eine Mischung aus absurden, aber auch ernsthaften und überlegenswerten Namen.

Zu den absurden gehört, wie man auch im Internet-Forum der DLZ nachlesen kann, die Benennung nach dem ehem. VW-Funktionär und Namensgeber der Schröderschen Sozialreformen (Peter-Hartz-Straße) oder auch nach dem derzeitigen Heider Bürgermeister (Ulf-Stecher-Allee, "Grinsebacke-Weg"). Hier hat wohl der ein oder andere die Gelegenheit genutzt um Frust loszuwerden.
Andere Vorschläge sind dagegen rührig: So schlug ein Leser die Benennung nach dem bekanntesten Pferd des Olympia-Goldmedaillengewinners im Mannschaftsspringreiten, Fritz Thiedemann, vor (Meteor-Straße), nach dem in Heide auch schon eine Umgehungsstraße benannt ist (Fritz-Thiedemann-Ring). Dabei ist es ja nicht so, dass diesem Pferd bisher nicht genug Würdigung widerfahren wäre: In Kiel steht vor der Staatskanzlei am Förde-Ufer eine lebensgroße Statue. Im unwahrscheinlichen Falle einer entsprechenden Umbenennung, würde sich das Tier in der Nachbarschaft zur Theodor-Storm-Straße, dem Verfasser des „Schimmelreiters“, vielleicht zwar wohlfühlen. Man würde sich aber doch zu sehr an die Geschichte des römischen Kaisers Caligula erinnert fühlen, der sein Lieblingspferd Incitatus zum Konsul ernennen wollte.
Auch der Heider Fußballer und einmalige Nationalmannschaftspieler Willi Gerdau hätte seinen Namen sicher lieber mehr in sportlichen Zusammenhang gesehen (Stadion des Heider SV o.ä.) als in der Nachspielzeit für Gustav Frenssen in eine Mannschaft von Literaten  eingewechselt zu werden.

Ernsthafter sind dagegen die Vorschläge, die zeitgenössische Literaten nennen: Sarah Kirsch, die 1935 in Thüringen geborene und 2013 verstorbene Lyrikerin lebte nach ihrer Übersiedlung aus der DDR im Jahre 1977, von 1983 bis zu ihrem Tod zurückgezogen in Dithmarschen (Tielenhemme), und war streitbar was politische Unterdrückung oder Verfolgung anging. Andere fänden dagegen Elsa Peters (1906-1998) schön. Die Verfasserin plattdeutscher Geschichten wurde – noch ihren zu Lebzeiten – 1983 in einem Leserbrief bereits einmal als Ersatz für die Gustav-Frenssen-Straße vorgeschlagen („Warum eigentlich immer nur posthume Ehrungen? Wie wär's denn mit „Elsa-Peters-Straße“?“; Leserbrief von Sieglinde Zimmermann, Heide; DLZ vom 20. Sept. 1983).

Es zeigt sich das Dilemma: Wen oder was soll man ehren? Politiker, Pferd oder Sportler? Entweder die plattdeutsche Heimatdichterin oder doch die zugezogene kosmopolitische Lyrikerin? Möglich ist bei Straßen prinzipiell alles, was gesellschaftlich und kommunalpolitisch erwünscht ist, wenn es nun um die Planung neuer Wohn- und Gewerbegebiete geht. Hier geht es aber um die Umbenennung einer bereits bestehenden Straße eines Wohngebietes, das als „Dichter-Viertel“ bekannt ist, und mit "Theodor Storm" oder "Gorch Fock" aufwartet.

Der „fast-Literaturnobelpreisgewinner“ Gustav Frenssen gab in anderen Gemeinden sogar meist die Leitlinie vor: So folgte ihm in Elmshorn – folgerichtig - der tatsächliche Preisgewinner Thomas Mann, in Flensburg folgte dem Ex-Pastor der evangelische Lieddichter Matthias Claudius. Und in Hamburg ersetzte 1986 Anne Frank den Namen des antisemitischen Propagandisten (Übersicht siehe hier: http://pro-mann-strasse-heide.blogspot.de/2013/03/chronik-umbenennung-von-gustav-frenssen.html).
Als in Kiel eine Gustav-Frenssen-Straße im Jahr 2011 nach Joachim Ringelnatz umbenannt wurde bestimmten die Kommunalpolitiker damals, dass unter dem Straßenschild noch ein Erklärungsschild angebracht wird, das mehr über Gustav Frenssen und weshalb die Straße nicht mehr nach im benannt sein darf aussagt, als dass es über den neuen Namensgeber, der den Nazis als unkonventioneller Kabarettist ein Dorn im Auge war informiert. Man wollte zeigen, dass man sich über Frenssen seine kritischen Gedanken gemacht hatte. Dass Ringelnatz nun aber wie ein „Lückenbüßer“ erscheint, hat man dabei nicht bedacht.
Es ist nicht falsch den jüngeren Frenssen einmal zu lesen, der vom alten Frenssen noch (fast) nichts wusste. In Barlt steht noch sein Haus, in dem die verhängnisvolle Karriere des ehem. Pastors und Erfolgschriftstellers zum Nazi-Propagandisten vermittelt wird und zur Mahnung dienen sollte. Diese Mahnung an einem neuen Straßenschild für jemand anderen ist aber unangebracht.

Gustav Frenssen, für dessen Roman „Otto Babendiek“, den Arno Schmidt für ein „Meisterwerk zweiten Ranges“ hielt, sich einzelne vielleicht zurecht einsetzen, wobei andere sich eine "Jörn-Uhl-Straße" (nach einem anderen Frenssen-Roman) vorstellen können, hat sein Werk zuletzt als „germanisches Schrifttum“ verstehen wollen und viele von den Nazis verfolgte Autoren, die Manns, Stefan Zweig, Lion Feuchtwanger etc. aus der deutschen Kultur ausrotten wollen. Bei der Suche nach einem neuen Straßennamen, die wohl selten von so viel öffentlicher Anteilnahme begleitet worden ist, geht es jedenfalls um viel: Wofür soll die „Heimat“ heute stehen: Pferd oder Fußball? Kulturelle europäische Integration oder provinzielle Erdverbundenheit? Es scheint jedenfalls, dass es hierbei auch um das Selbstverständnis unserer Region gilt: "So weit weg von Hamburg und doch so nah dran an Nordfriesland."  

Mittwoch, 15. Januar 2014

Thomas Mann - "Deutsche Hörer!" vom November 1941

Thomas Manns eindringliche Ausführungen in der BBC aus dem amerikanischen Exil im November 1941, in denen er die Kranken- und Behinderteneuthanasie, Eugenik und die Massen- und Völkermorde in Osteuropa aufzählt und verurteilt. Diesen Appell richtete er an „Deutsche Hörer!“, zu einem Zeitpunkt als Gustav Frenssen, daheim im dithmarscher Dorf Barlt, gerade in seiner „Lebenskunde“ (erschienen 1942) das Gegenteil niederschrieb (Siehe dazu auch: "Amtmannschaft Wittschild" (1923/1937)). Ein aufrüttelndes Dokument, das man, neben vier weiteren Reden auf, youtube.com nachhören kann.

 

Aus dem obigen Video (Anmerkungen unten beachten):
„In deutschen Lazaretten und Krankenhäusern werden die Schwerverwundeten*1, zusammen mit Alten, Gebrechlichen, Geisteskranken durch Giftgas zu Tode gebracht. 2000 von 3000 so erzählte ein deutscher Arzt, in einer einzigen Anstalt. Das tut dasselbe Regime, das auch grölt, wenn Roosevelt es beschuldigt, es wolle Christentum und alle Religion vernichten.“
[...]
„Das „christliche“ Gegenstück zu den Massenvergasungen sind die „Begattungstage“, wo beurlaubte Soldaten mit BDM-Mädchen zutierischer Stundenehe zusammen kommandiert werden, um „Staatsbastarde“ für den nächsten zu Krieg zu zeugen.*2 Kann ein Volk, eine Jugend, tiefer sinken? Gräuel und Lästerung der Menschlichkeit wohin ihr seht.“
[…]
„Heute weiß es [= das deutsche Volk] nichts, als Völker- und Massenmord, blödsinnige Vernichtung. 300.000 Serben sind nicht etwa im Kriege, sondern NACH dem Kriege mit diesem Land, von euch Deutschen auf Befehl der verruchten Lumpen, die euch regieren, umgebracht worden.*3 Das Unaussprechliche, das in Russland, das mit den Polen und Juden geschehen ist*4 und geschieht, wisst ihr, wollt es aber lieber nicht wissen, aus berechtigtem Grauen vor dem ebenfalls Unaussprechlichen, dem ins riesenhafte heranwachsendem Hass, der eines Tages, wenn eure Volks- und Maschinenkraft erlahmt, über euren Köpfen zusammenschlagen muss.“
[*1 In diesem Punkt saß Mann einer Fehlinformation auf, bzw. interpretierte seine Quellen falsch. Keinesfalls weniger schlimm wurden allerdings durch psychische Erkrankungen dienstunfähig gewordene Soldaten durch Euthanasie getötet. Über eine Euthanasie versehrter Wehrmachtsangehöriger ist in der Forschung nichts bekannt. Bekannt waren dagegen die Vergasungsaktion an Behinderten und Kranken in der sog. T4-Aktion, und an KZ-Insassen in der Aktion 14f13.]
[*2 Diese Vorstellung vom Geschehen in den weitgehend abgeschotteten Lebensbornheimen beruht v.a. auf Spekulationen, die zur damaligen Zeit in der Deutschen Öffentlichkeit darüber kursierten (siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Lebensborn#Wahrnehmung_in_der_.C3.96ffentlichkeit). Zu den verwerflichsten Taten im Rahmen des Lebensborn gehört der Raub "arischer" Kinder aus besetzten Gebieten und deren Zuteilung an nazi-treue, deutsche Familien.]
[*3 Nach der in einem 12-tägigem Krieg erfolgten Besetzung Yugoslawiens im April 1941 wurde das Land aufgeteilt und verschiedenen Regimen zur Verwaltung unterstellt. Den größten Teil machte das Gebiet des Marionettenstaates Kroatien aus. Die faschistische Regierung unter Ante Pavelić (Ustascha) führte ein rigoroses Programm ethnischer Säuberungen durch, das Kroatien durch Konversion (zum röm.-katholischen Glauben), Vertreibung und Ermordung je eines Dittels der serbischen Bevölkerung "serbenrein" machen sollte (Dies bezog sich aber auch auf Juden, Sinti und Roma; Siehe: http://de.wikipedia.org/wiki/Ustascha#V.C3.B6lkermord). Neben zahlreichen einzelnen Massakern wurden allein im KZ Jadovno in der Zeit von Mai 1941 bis August 1941 nach mittleren Angaben ca. 40.000 Menschen getötet (95% davon Serben (Siehe: http://en.wikipedia.org/wiki/Jadovno_concentration_camp#Death_toll).]
[*4 Bis zum Jahresende 1941 waren nur in den besetzten Gebieten der Sowjetunion zumeist durch Massererschießungen bereits ca. 500.000 Juden ermordet worden. Himmler meldete Hitler am 31.12.1941 eine Zahl von 363.000 als "Partisanen" erschossenen Juden für die Monate August bis November (Siehe dazu auch die folgende Liste von Massakern: http://de.wikipedia.org/wiki/Holocaust#Systematische_Massenerschie.C3.9Fungen)]

In mehrere Dutzend Reden wandte sich Thomas Mann zwischen Oktober 1940 bis Mai 1945 monatlich über das deutsche Programm der BBC an seine Landsleute. Nur wenige der Reden, in denen Mann versucht den "" ins Gewissen zu reden, sie über nationalsozialistische Verbrechen und Propagandalügen zu informieren, sind als Ton-Dokumente erhalten. Obwohl das Hören des "Feindfunks" unter hohen Strafen stand, haben nicht wenige eingeschaltet (Mein Urgroßvater hat - als überzeugter Anhänger der Sozialdemokratie - regelmäßig gehört).
Auch in seiner Rede vom 27. September 1942 macht Thomas Mann darin die ersten Ergebnisse der auf der Wannsee-Konferenz im Januar 1942 beschlossenen "Endlösung" öffentlich:
"Nach den Informationen der polnischen Exil-Regierung sind alles in allem bereits 700.000 Juden von der Gestapo ermordet oder zu Tode gequält worden [...] Wisst Ihr Deutschen das? Und wie findet ihr es?"
"Was sind das für Menschen, für Ungeheuer, die des Mordens nie satt werden, denen jedes Elend, das sie den Juden zufügten, immer nur ein Anreiz war, sie in noch ... erbarmungsloseres Elend zu stürzen?"

„… die Bücher der Brüder Mann und ihres Judengefolges“ - literarischer Rassismus bei Gustav Frenssen

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann nehmen ab Ende der 1920er Jahre in den Schriften Gustav Frenssens die Rolle von Antipoden seines „germanischen“ Werkes ein. Für Frenssen sind sie Symbolfiguren einer „jüdisch-romanischen Herrschaft“ auf kulturellem, wie auf allen anderen Gebieten der deutschen Gesellschaft, die sich nach der Niederlage im 1. Weltkrieg etabliert habe. Die Ehrung Thomas Manns mit dem Nobelpreis sei Teil einer Verschwörung der europaweit agierenden „jüdischen Presse“, durch welche Autoren „germanischer Art“ unterdrückt würden. Für Frenssen war dies eine willkommene Erklärung der sinkenden Absatzzahlen seiner Bücher, die ihm auch sein Verleger Müller-Grote in Briefen „bestätigte“.
Der Literaturnobelpreis an Thomas Mann im Jahre 1929 wird in Frenssens Veröffentlichungen bis zu seinem Lebensende 1945 zu einer letzten Bestätigung seines rassistisch-antisemitischen Weltbildes. Auch seine persönliche Verletzung, wie er sie im entsprechenden Kapitel des „Lebensbericht“ nur schwer verbergen kann, wird zur Grundlage einer kühlen und ausnahmslosen Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gleichschaltung und Diktatur, der Verfolgung und Vertreibung der Juden und Andersdenkender als gerechte Wege zur Beseitigung „widerdeutscher“ Einflüsse, bis hin zum Massenmord.

Eine von Frenssen auf das Jahr 1931 datierte Notiz in seinem 1938 erschienenen dritten Band der „Grübeleien“ (Vorland) lässt bereits jenen Affekt erkennen. Hier wird die antisemitische Vorstellungswelt einer „jüdischen Weltverschwörung“, die die Verleihung des Literaturnobelpreis kontrolliert, deutlich, denn Frenssen zitiert Sinclair Lewis, der den Preis 1930 erhielt:
„Man muß den Juden klaren Beweis liefern, daß man ihr Freund ist. In seinem „Sam Dods- / worthy“ nennt er [= Sinclair Lewis] also, als die vier großen deutschen Zeitgenossen, drei Juden, dazu Thomas Mann, der, da er sein Kunstgefühl von seiner Mutter hat, die eine Romanin gewesen war, in deutscher Sprache romanische Kunst schafft und den Juden darum besonders nahe steht. […] Im germanischen Volk von siebzig Millionen sind lauter Nichtdeutsche, Fremde, die einzigen großen Namen!! So muß man es machen! Nun ist er, kraft der jüdische Presse, die Europa beherrscht, von Wien bis Stockholm der größte amerikanische Schriftsteller.“ (S. 192-193)
Das Motiv einer jüdisch(-romanischen) Verschwörungslegende im Kulturbetrieb ist der Weg auf dem Frenssen bis zum Ende seines Lebens bleiben wird. Dass der „jüdische Einfluss“ eine europäische Dimension habe und auch andere Völker (Schweden) betreffe, führt er wenig später, in „Recht oder Unrecht - Mein Land!“ (1940), nochmals aus. Nachdem er die Verfolgung und Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger, „die einmal Gäste waren in Germanien“, zuvor als „göttliche Gerechtigkeit“ bezeichnet hatte, schreibt er:
„Die städtische Masse in diesen vier Völkern [gemeint sind die Schweiz, Holland, Norwegen und Schweden] [hatte] sich von Deutschland abgewandt […] und damit auch vom germanischen Wesen. Wohin? Wohin wandte sie sich? Nach Juda, nach Juda! Zu dem vaterlandlosen und heimatlosen, fremdblütigen, fernen, fernen Volk! Ah, diese feine, spielende (mit allem spielende), schillernde, jüdische Kunst! In ihren Buchläden stehn immer, noch heute, nachdem doch Klarheit geschaffen, als deutsche Kunst … als deutsche Kunst! … die Bücher der Brüder Mann und die Bücher ihres Judengefolges. Die Brüder Mann haben Geist und Seele nicht von ihrem germanischen Vater, sondern von ihrer spanischen Mutter, und sind dem deutschen Wesen fremd und fern. Jedes der großen Menschenworte: Frömmigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Sitte, Bildung bedeutet allen diesen anderes als uns Germanen. Es sind fremde Menschen; sie haben mit / germanischem Wesen nichts mehr zu tun, als daß sie einmal Gäste waren in Germanien und sich germanischer Sprache bedienten.“ (Seite 45-46).
Mit der „Klarheit“, die geschaffen worden sei, bezieht sich Frenssen auf die Bücherverbrennungen (Berlin, 10. Mai 1933, „Wider den undeutschen Geist!“), bzw. andere nationalsozialistische Maßnahmen wie Berufsverbote für jüdische Akademiker, den Ausschluß Heinrich Manns und anderer aus der Preußischen Akademie der Künste (1933), die Aberkennung der Ehrendoktorwürde von Thomas Mann und dessen Ausbürgerung (1936).
Gustav Frenssen gibt keine konkrete Beschreibung davon, wie „germanische“, „romanische“ oder „jüdische“ Kunst in der Literatur aussähe. Eben jenes hatte Frenssens Dithmarscher Zeitgenosse und ehemaliger Mitschüler Adolf Bartels (1862-1945) schon im Kaiserreich versucht festzustellen. Dieser gab in seiner 1901 veröffentlichten "Geschichte der deutschen Literatur", die bis 1941 immer wieder ergänzt wurde und in insgesamt 17 Auflagen erschien, unter anderem so „wissenschaftliche“ Urteile ab wie: „Ein echter jüdischer Frechling“ (über Kurt Tucholsky) oder „riesig sind […] Eitelkeit und Unverfrorenheit“ (über Heinrich Heine).
Dass Frenssen nicht umhin kann doch einzuräumen, dass der „Halb-Spanier“ Thomas Mann, den man eigentlich höchstens einen „Viertel-Portugiesen“ hätte nennen können, doch „so viel ein deutscher Geist romanische Art und Kunst mitempfinden kann, ein starker Künstler“ sei („Lebensbericht“, S. 258), ist eine andere Pointe.
Zuletzt führte er besonders in seinem „Lebensbericht“ von 1940 ab Seite 256 auf vielen Seiten nochmals die von ihm als „Schande“ und „Demütigung“ gewertete Zeit der Weimarer Republik aus. Häufigst genannt sind auch hier wieder die Brüder Mann. In Abschnitt 64 seines „Lebensberichtes“ lässt er sich noch einmal über den Nobelpreis aus. Seine persönliche Verbitterung wird deutlich, wenn er in Verschwörung witternder Manier Gründe auszumachen versucht, weshalb er den Preis nie erhalten habe:
Da sind die Mitglieder der schwedischen Akademie, die „Gelehrte irgendeiner andern Wissenschaft [sind], die […] der schönen Literatur fernstehen“ und sich daher auf „Fachgelehrte“ stützen würden. So seien sie dem „seit etwa 1890“ den „germanischen (nordischen) Begriff der Kunst […] überflute[nden]“, „romanisch-jüdische[n] Kunstgefühl“ ausgeliefert gewesen (S. 292).
Frenssen ist sich sicher, dass „das schwedische Volk [.] sich […] in seinem gesamten geistigen, wie seinem Kunsturteil, von Leuten volksfremden Gefühls leiten“ ließ (S. 294). Nur so erklärte er sich, habe es dazu kommen können, dass die Akademie „in ihrem Urteil fehlgriff“ und sie so „in ziemlichem Grade das Volk, dem der Gekrönte angehörte“ „schädigte“ (S. 293).
Er bedauert es, dass „die Namen derer, die […] vielleicht gar ein oder einige Male fast die Mehrheit der Stimmen hatten, durchaus verschwiegen werden“ und scheint sich zu jenen zu zählen, die einer solchen „Demütigung“ ausgesetzt waren (S. 294).
Frenssen meint schließlich auch genau zu wissen, dass dies nicht im Sinne Alfred Nobels gewesen sein könne:
„Er wollte, als ein germanischer Mensch, daß mit seinem Namen und Geld Werke geehrt würden, welche die Menschenseele ehrten und durch solches Ehren erhöhten. Er wollte daß Werke Heidenstamms, Lagerlöfs, Hamsuns, der Undset, Hauptmanns, Thomas Hardys, Rollands geehrt würden, aber Werke Frances, Manns, Lewis, Pirandellos ausgeschlossen waren. Das war der aus seinem germanischen Herzen und ästhetischen Gefühl stammende, sittliche germanische Wille des Stifters“ (S. 293).
Es ist seltsam, weshalb in Frenssens Liste gelobter skandinavischer, deutscher und englischer Nobelpreisträger auch der linksorientierte französische Intellektuelle Romain Rolland auftaucht, der nach 1933 in Deutschland zu den verbotenen Autoren gehörte. Eigentlich ist die kleinlaute Schutzbehauptung eines Enttäuschten, dass der „Germane“ Nobel doch dem „Germanen“ Frenssen seinen Preis gegönnt hätte, kaum der Rede wert, wäre sie als prinzipiell rassistische Kategorisierung nicht alles andere als harmlos. Was für Frenssen unter einem „germanischen Menschen“ zu verstehen ist, und was für diesen das sogenannte „Wahrgutschöne“ sei, erläutert er nur wenig später in der „Lebenskunde“ (1942):
„Die aber, die unheilbar sind und so schwer krank, daß ihr Leben für sie selbst kein Menschenleben mehr ist, die auch in der Gemeinschaft der Menschen nicht mehr mitleben können, Mensch mit Mensch, sollen nach germanischem Gefühl für das Wahrem mit ihrer eigenen Billigung oder nach dem Willen der Gemeinschaft ausgelöscht werden. […] Solche Kranke sind die völlig verkrüppelten Neugeborenen, die unheilbaren Idioten, die unheilbaren Irren. Ferner die gebornen Mörder, Rohlinge (Gewalttäter), Einbrecher, Diebe, Arbeitsunwillige, Herumstreicher, Volksfeinde aus krankem Willen oder um Geld. / […] Es ist dem germanischen Gewissen unwahr und unrecht, sie weiterhin die Volksgemeinschaft schädigen zu lassen, wahr und recht, sie auszulöschen.“ (S. 53-54)
Für die Brüder Heinrich und Thomas Mann selbst, ihre Kinder nach Nürnberger Rassegesetzen „Halb-Juden“, die jüdischen Mitbürger, Sinti und Roma und andere gelte nach einer anderen Stelle: „Unedles Fremdblut und Mischblut, das, weiter gesät, ein Volk erniedrigt, soll ausgeschieden sein“. (S. 91). Wie nahe dabei die Adjektive „unedel“ und „fremd“, den Beiwörtern „krank“ und „unheilbar“ sind, ist spätestens im selben Jahr (1942) endgültig sichtbar, als die „Endlösung“ anläuft. Der Griff in die Schublade rassistischer Kategorien, Klischees und Karikaturen sollte am Ende für Millionen tödlich werden.

Freitag, 26. April 2013

Heinrich Mann - Kurzbiographie


Herkunft und Frühe Jahre (1871-1903)

Heinrich Mann, der älteste Sohn des Lübecker Senators Thomas Johann Heinrich Mann (1840-1891) und seiner deutsch-portugiesischen Ehefrau Julia da Silva-Bruhns (1851-1923), wurde 1871 in Lübeck geboren. nach dem Abschluß des Gymnasiums verließ er 1889 er die Stadt, die er in seinem Roman "Prof. Unrat" (1905) als Stadt der beschränkten "Pfahlbürger" und in "Der Untertan" (1914/1918) als das spießbürgerliche "Netzig" karikiert. Nach einer Buchhändlerlehre in Dresden und einem Verlagsvolontariat in Berlin, konnte es sich Heinrich Mann - nach dem Tod des Vaters 1891 mit einer Rente aus dem Erbe ausgestattet - erlauben, ein recht freizügiges Leben mit Aufenthalten in Italien und Frankreich zu führen.

Schon in den 1890er Jahre beginnt er schriftstellerisch aktiv zu werden. Diese erste Phase bis etwa 1904 ist als Phase der Selbstbestimmung zu sehen in der Mann auch versuchte den Anschluss an die literarische Moderne des "Fin de Siècle" zu finden - mit all ihren problematischen Erscheinungen. Wie peinlich Mann sein Frühwerk war, ist aus der Zurückhaltung zu ersehen mit der er sich darüber äußerte. Seinen ersten Roman "In einer Familie" verleugnete er er bis zu seinem 50. Lebensjahr.
Verständlich wird dies nicht nur in künstlerischer Hinsicht, sondern auch in politischer. Denn hier steht Mann teils deutlich im Gegensatz zu seinem späteren Schaffen: Zu seinem essayistischen Gesamtwerk mit über 1000 Texten zählen auch 37 Beiträge, die er in einer kurze Phase als Herausgeber der national-konservativen Zeitschrift "Das Zwanzigste Jahrhundert - Blätter für deutsche Art und Wohlfahrt" verfasste (1895/96). Das Journal bot alle Facetten des Wilhelminismus jener Jahre: Militarismus, Deutschtümelei, Hohenzollernkult. Darunter finden sich auch antisemitische Pamphlete, wie der Artikel "Jüdischen Glaubens" (5. Jahrgang, Nr. 11, S. 455-462), in dem er schreibt:
"Jeder vom nationalen und sozialen Gewissen geleitete wird daher Antisemit sein." (S. 462)
Auch in seinem ersten satirischen Roman "Im Schlaraffenland" (1900) und in "Die Göttinnen" (1902), werden antisemitische Stereotypen bedient. In seiner Zeit als Volontär beim S. Fischer Verlag hatte Heinrich Mann jenen aggressiven Antisemitismus des Kaiserreiches unbedacht aufgesogen. Er ist dann aber auch eines der wenigen Beispiele für ein Umlernen in Sachen Antisemitismus. In einem Brief von 1903 distanzierte er sich von seiner Mitarbeit am "Zwangzigsten Jahrhundert": "[Ich] redigierte ohne Überzeugung ein reaktionäres Wurschtblatt." In dem von Werner Sombart herausgegebenem Sammelband "Judentaufen" (1912) äußerte er schließlich auch öffentlich die positive Wirkung der jüdischen Mitbürger in der deutschen Kultur.
Das nach diesem persönlichen Wandel entstehende Hauptwerk Heinrich Manns das durch sein schon im Kaiserreich einsetzendes intensives öffentliches Engagement gegen Militarismus, falsche Obrigkeitstreue und Antisemitismus bestimmt ist (wie sie später im Nationalsozialismus in extremer Form kulminierten), hat schließlich bis heute - zurecht - das Bild seiner Person bestimmt.

Abkehr vom Wilhelminismus und Antisemitismus und Hinwendung zu Demokratie und Pazifismus (1904-1918)

Je länger Heinrich Mann sich in Italien aufhielt, desto mehr hatte er vermochte die durch das Klima des "Neuen Reiches" verfestigten Werte, Klischees und Stigmata abzulegen:
In Maximilian Hardens Zeitschrift "Die Zukunft" äußerte er 1904 in einem Essay eine scharfe historische Kritik am deutschen Machtstaat. In seinem Roman "Die kleine Stadt" (1909) geht er diesen Weg auf erzählerische Weise. Er zeichnet hierin mit hunderten charakteristischer Figuren eines kleinen italienischen Gemeinwesens ein Gegenbild zum wilhelminischen Deutschland, das als "hohes Lied der Demokratie" wirken sollte.
Ein anderer Roman, dessen Titel heute keinesfalls mehr so gewählt würde ("Zwischen den Rassen" (1907)), verdeutlicht Heinrich Manns Übergang vom Konservatismus zum Liberalismus, denn die Liebesgeschichte zwischen einem "nordischen Träumer" und einer "Südländerin" enthält mit Berufung auf den Naturrechtsphilosophen Rosseau eine Erörterung revolutionär-demokratischer Gedanken. Sein Aufenthalt in Italien hatte Heinrich Mann auch vor Augen geführt, dass er selbst das Ergebnis einer "Rassenmischung" und damit im Sinne des biologistisch-rassistischen Denkens ein "Verfallsprodukt" war.
Als Manns ausgereiftes und wohl bekanntes Werk, das seine politische und schriftstellerische Entwicklung am kann schließlich der am Vorabend des 1. Weltkriegs erschienene Roman "Der Untertan" gelten (erste Notizen 1906/07, Abgebrochener Vorabdruck im Juli 1914, Erstveröffentlichung Dezember 1918). Die Aufstiegsgeschichte des deutschnationalen Fabrikbesitzers Diederich Heßling nimmt als so gekonnt geschriebene Satire die wilhelminische Gesellschaft aufs Korn, wie - so der Sozialhistoriker Hans-Ulrich Wehler - schreibt: "kein Historiker das je so eindringlich beschreiben könnte."
Den Antisemitismus im Deutschen Kaiserreich, das die Juden mit seiner Gründung 1871 zu gleichberechtigten Staatsbürgern gemacht hatte, bekämpft Heinrich Mann zur selben Zeit so vehement in anderer literarischer Form, wie er ihn einige Jahre zuvor bedient hatte. (s. o.: Werner Sombart: "Judentaufen" (1912)). Auch beginnt bald ein intensiver Gedankenaustausch mit deutsch-jüdischen Intellektuellen darunter: Max Brod, Lion Feuchtwanger, Erich Mühsam, Kurt Tucholsky, Joseph Roth und Stefan Zweig.
1914 heiratet Heinrich Mann die jüdische Schauspielerin Maria (Mimi) Kanova aus Prag (1886-1947 (gestorben an den Folgen der Haft im KZ Theresienstadt (1940-1945)). Aus der 1930 geschiedenen Ehe geht seine einzige Tochter Leonie Mann (verh. Askenazy, (1916-1986)) hervor.
Während des 1. Weltkrieges erscheint 1915 in Zürich, in der pazifistischen Zeitschrift "Die Weißen Blättern" sein Schlüsselessay "Zola". Auf 60 Seiten beklagt er, den Vergleich mit dem französischen Schriftsteller Emile Zola, der seit seiner Parteinahme in der antisemitischen Dreyfuss-Affäre ("J'accuse" (1898)) als Maßstab für intellektuelles Handeln galt, die allgemeine Kriegsbegeisterung, zu der sich auch Gerhart Hauptmann und sein Bruder Thomas ("Gedanken im Kriege" (1914)) hatten hinreißen lassen. Als einer der wenigen nimmt er Partei für eine demokratisch verfasste Gesellschaft und avanciert damit endgültig zu einem Vorbild für die linken Intellektuellen in Deutschland.

Weimarer Jahre (1918-1933)

Unmittelbar nach dem Krieg 1918 stellte sich Heinrich Mann sogleich dem demokratische Aufbau zur Verfügung und zwar weit links: Unter dem Bayrischen Ministerpräsidenten Kurt Eisner (USPD) wird er Vorsitzender des "Politischen Rats geistiger Arbeiter" in München. Im Dezember 1918 erscheint "Der Untertan", dessen Veröffentlichung im Sommer 1914 durch den Ausbruch des Weltkrieges verhindert worden war. 1919 folgt auch der Essayband "Macht und Mensch" mit dem Reklamestreifband versehen: "Heinrich Mann für die deutsche Republik!". Er enthält u.a. den "Zola" und die abschließende Kritik am Kaiserreich ("Kaiserreich und Republik").
Während seinem romanistischen Werk ("Eugenie oder die Bürgerzeit" (ersch. 1928) - eine Art Gegenstück zu Thomas' "Buddenbrooks") der Erfolg in diesen Jahren versagt blieb, hat Heinrich Mann in der Zeit der Republik über 300 Essay veröffentlicht, die in Tageszeitungen ("Berliner Tageblatt", "Frankfurter Zeitung") und literarischen Zeitschriften erscheinen und ihm eine hohe Reputation verschafften. Wohlwollend (Wahlaufrufe für demokratische Parteien), aber mit kritischer Sicht ("Gegen Zensur, für Sittlichkeit" (1926)) wird Heinrich Mann zu einem Kämpfer für die Republik, vor deren Scheitern er bald warnen muss ("Bekenntnis zum Übernationalen" (1932)).
Auch setzt er sich für eine Verständigung und Versöhnung mit Frankreich ein ("Deutschland und Frankreich" (1923)) und tritt noch stärker gegen den Antisemitismus ein ("Das auferstandene Land", in: "Der Jude", Sonderheft Nr. 1 (1925); "Der Antisemitismus und seine Heilung", in: "Die Wahrheit" (Prag, 1928)).
1931 wird er Präsident der Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste. Sein Ruf unter linken Intellektuellen ist so hervorragend, dass ihn Kurt Hiller in "Die Weltbühne" (Februar 1932) sogar für das Amt des Reichspräsidenten vorschlägt.
1932 unterzeichnet er u.a. einen Appell des Sozialistischen Kampfbundes gegen Hitler, ruft zur Wahlbeteiligung und - mit Albert Einstein und Käthe Kollwitz zur Opposition gegen die NSDAP und zum Zusammengehen von SPD und KPD auf. Am 15. Februar 1933 muss er von diesem Amt zurücktreten und wird mit anderen - u.a. Käthe Kollwitz - aus der Akademie ausgeschlossen. Am 21. Februar 1933 geht er ins französische Exil (Nizza (bis 1940)), im August wird er von Nazi-Deutschland ausgebürgert.

Exil und Kampf gegen Nationalsozialismus und Judenverfolgung, Tod (1933-1950)

Nach 1933 setzte er seinen Kampf gegen den Nationalsozialismus in Frankreich fort: In der Zeitung "La Dépêche" kommentierte er für die französischen Leser monatlich die Vorgänge in Deutschland und versuchte die französisch-englische Stillhaltepolitik (Appeasement) gegenüber Hitler zu beenden. Über den intellektuellen Widerstand hinaus versuchte er auch den politischen zu fördern, was jedoch erfolglos blieb (ab 1935 von der KPD in Deutschland illegal verbreitete Schriften). Er galt - auch durch seine rege Beteiligung an deutschen Exilzeitungen ("Pariser Tageblatt", "Die neue Weltbühne") als "Stimme des anderen Deutschland".
1940 musste er über die Pyrenäen nach Spanien fliehen und gelangte am 13. Oktober 1940 nach New York, wo ihn sein Bruder Thomas begrüßte. In Amerika, anders als in Frankreich, verfügte er kaum noch über Publikationsmöglichkeiten, die ihn ökonomisch absichern konnten. Politisch beteiligte er sich jedoch weiterhin an den Veröffentlichungen der Bewegung "Freies Deutschland" in Mexiko.
Im amerikanischen Exil entsteht u.a. noch "Ein Zeitalter wird besichtigt", Heinrich Manns eigene sarkastische und zum Teil bittere Rückschau, historische Analyse der Zeitspanne, die er mit der französischen Revolution beginnen und mit der Landung der Amerikaner in der Normandie 1944 enden lässt.
Nach dem Krieg erhielt Heinrich Mann die offizielle Einladung zur Übersiedlung nach Ostberlin. 1949 folgte die Berufung zum Präsidenten der neugegründeten Akademie der Künste in der DDR. Am 12. März 1950 starb Heinrich Mann kurz vor der geplanten Rückkehr nach Deutschland in Santa Monica/Kalifornien. Seine Tochter lässt seine Urne 1961 nach Ostberlin überführen, wo sie auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof beigesetzt wird.

Literatur:

Carina Baganz: "Heinrich Mann", in: Wolfgang Benz: "Handbuch des Antisemitismus - Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart", Bd. 2/1 ("Personen A-K"), Berlin 2009, S. 513-514.
Wilfried F. Schoeller, Peter Klein (u.a.): "Heinrich Mann", in: Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): "Kindlers Literaturlexikon", Bd. 3 ("Leo-Mar"), 3. völlig neubearb. Auflage, Stuttgart 2009, S. 652-663.
Klaus Schröter: "Heinrich und Thomas Mann", Hamburg 1993 (EVA Duographien, Bd. 1).
Peter Stein: "Heinrich Mann", Stuttgart 2002.
Rolf Thiede: "Stereotypen vom Juden - Die frühen Schriften von Heinrich und Thomas Mann", Berlin 1998.
Renate Werner: "Heinrich Mann", in: Walther Killy, Wilhelm Kühlmann (Hrsg.): "Killy-Literaturlexikon", Bd. 7 ("Kräm-Marp"), 2. vollst. überarbeitete Auflage, Berlin 2010, S. 650-655.

Mittwoch, 27. März 2013

Umfrage: "Neuer Name Frenssenstraße?"

Ergebnisse der Umfrage

Nummern der Postkarten (Für die Absender zur Kontrolle):
105, 106, 108, 138, 156, 164, 190, 193, 208, 227, 228, 237, 238, 243, 244, 253, 257, xxx*. (*Vom Absender unkenntlich gemacht.)
(Bis zum Ende des Abstimmungszeitraumes (27. April 2013) eingetroffene Karten).
Die Nummerierung der Anschreiben und Postkarten beginnt erst mit Nr. 100 und endet mit Nr. 264. Insgesamt 154 Wurfsendungen mit Postkarten wurden am 28. März 2013 ohne Verbindung von Adresse und Nummerierung zugestellt (1 je Haushalt). Nicht berücksichtigt werden konnten aus rechtlichen Gründen Haushalte, die durch entsprechende Hinweise an ihren Briefkästen der Zustellung von nicht persönlich adressierten Wurfsendungen widersprochen hatten.

Beteiligung und Repräsentativität:

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Mit ca. 12 % hat sich etwa jeder Achte angeschriebene Anwohner an unserer Umfrage beteiligt. Als Gründe für diesen Wert dürften Vorbehalte gegenüber dem Verfahren ((unberechtigte) datenschutzrechtliche Bedenken) gegenüber den Durchführenden (unbekannter Hintergrund), dass sich das Thema noch in einer Frühphase der öffentlichen Diskussion befindet, sowie Desinteresse genannt werden. Das hierbei eine Schweigeverzerrung vorliegt (also die Nichtantwortenden ein gänzlich anderes Abstimmungsverhalten an den Tag legen würden als die Antwortenden), ist möglich. Da die Zahlenverhältnisse (von Befürworten und Gegner) im vorläufigen Endergebnis während des Abstimmungsverlaufes im wesentlichen konstant blieben (frühe und späte eintreffende Antworten zeigten jeweils ein Verhältnis von 1 zu 2), lässt sich das Ergebnis -  wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad - auf die Gesamtheit der Befragten übertragen.  

Ergebnisse im Einzelnen:

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1. 66,6% der Antworteten lehnten eine Umbenennung ab, wobei davon 17% explizit den (finanziellen) Aufwand für die Anwohner als Grund nannten. 33,3% der Befragten stimmten dem Anliegen dagegen zu, das mit Frenssens schriftstellerischen Aktivitäten im Dritten Reich begründet ist.




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2. Bei der Frage, ob im Falle einer beschlossenen Umbenennung der konkrete Vorschlag "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" eine gute Alternative darstellen würde, äußerten sich 50% der Befragten negativ, wobei als einzelne Begründung die Länge der Namensvariante genannt ist. Bis auf einen ausländerfeindlich gesinnten, rechtsextremen Vorschlag sind von Seiten der Ablehnenden keine Alternativen genannt worden. Die andere Hälfte der Befragten stimmte dem Vorschlag dagegen entweder zu (33%), nannte kürzere Alternativen wie "Brüder-Mann-Straße" oder "Thomas-Mann-Straße" (11%) oder enthielt sich einer Entscheidung (6%).

Bewertung:

Es zeichnete sich ab, dass niemand explizit für die Person Gustav Frenssen Partei ergriff. Wo sich nicht zu Gründen für den Bestand des Straßennamens geäußert wurde liegen diese - so lässt sich vermuten - auch in teils jahrzehntelanger Gewohnheit zahlreicher Altanlieger, die mit dem Namen bislang nichts, weder positives noch negatives verbinden, sondern ihn schlicht nur als einen Straßennamen betrachten. Es zeichnet sich daher nicht ab, dass es - wie in Bad Oldesloe 1996 - zur Bildung einer Bürgerinitiative kommt, die versucht den Dichter zu "reinigen".
Konkret ist die Kritik daher nur in punkto Kosten: Ließe sich der die Anwohner betreffende Aufwand mildern (etwa durch eine teilweise Übernahme von Kosten (als Pauschale für jeden Haushalt) oder ein Moratorium (zwischen Umbenennungsbeschluss und dessen Vollzug läge eine längere Zeit (bspw. bis zu 1 Jahr)), das die Umstellung und den Verbrauch etwa von Werbeartikeln mit Adresszug ermöglicht), wäre der wesentlicher Konfliktpunkt aus dem Weg zu räumen.
Eine Umbenennung nach beiden oder einem der Brüder Mann fände wohl insgesamt (bei Umbenennungs-Befürwortern wie auch bei einem Teil der Gegner) mehr Zu- als Widerspruch, wenn auch z. T. eine kürzere Form gewünscht würde (Vorschlag: "Brüder-Mann-Straße").

(Gesamtübersicht. Zum Vergrößern klicken)

Kommentare der Absender (ggf. gekürzt (z. B. pers. Angriffe)):

[zu 1 (=pers. Gründe für oder gegen eine Umbenennung); zu 2 (=Vorschläge, Kommentare zu einem neuen Namen)]

Nr. xxx* (unkenntlich) zu 1: "Für die Kanaken!!!"; zu 2: "Kanakenstrasse, Klein Russland"
Nr. 108 zu 2: "Th.-Mann-Straße"
Nr. 190 zu 2: "Brüder Mann"
Nr. 193 zu 1: "Strassenänderung kostet Zeit und Geld. Wer bezahlt Adressaufkleber, Visitenkarten, Zeugnisse, Personalausweis und alle anderen Amtsunterlagen??"
Nr. 208 zu 1: "Weil mir der Name gefällt"; zu 2: "Ist zu lang, wenn dann nur Thomas-Mann-Str."
Nr. 227 zu 1: "Sehe keinen Sinn darin, gibt weitaus wichtigere Dinge um die man sich kümmern müsste! :)"; zu 2: "viel zu lang der Name"
Nr. 237 zu 1: "Da ich nicht unterstütze in einer rechtsorientierten Straße zu wohnen"
Nr. 238 zu 2: "Übernehmen Sie die anfallenden Kosten!!!"
Nr. 243 zu 1: "Geifernde Polemik im Zuge leerer Kassen, die den Anwohnern hohe Kosten (Änderung Ausweis pp) zusätzlich aufzwingt ist Ihnen wohl nicht bewußt! Sie wären gut beraten, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen!" (H.F.* vollständiger Name genannt).

Umfrageinformation:

Vom 28. März bis zum 26. April 2013 versucht eine Umfrage herauszufinden, wie die Anwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide aktuell zu aufgekommenen Plänen einer Umbenennung stehen, die bereits zum Ende des Jahres in der Ratsversammlung debattiert werden könnten. Es soll dazu angeregt werden sich zu informieren und gegebenenfalls an der Suche nach einem neuen Namen zu beteiligen.

Die Unterlagen

Insgesamt 154 Briefe sind den Haushalten mit dem Umschlagvermerk: "Bezug: Umfrage zum Thema 'Neuer Name Frenssenstr.?'" zugestellt worden. Die Schreiben bestehen aus folgenden Teilen:

1. Formelles Anschreiben
2. Faltblattinformation zu Gustav Frenssen
3. Frankierte Antwortpostkarte mit Umfrage

Im Anschreiben wird kurz über den aktuellen Anlass des Schreibens informiert:
"Wie Sie dem Zeitungsartikel 'Straßenname in der Kritik' in der Dithmarscher Landeszeitung vom 20. Dezember 2012 entnehmen konnten, wird sich ein neues Projekt der 'Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung' mit der Person des Dithmarscher Pfarrers und Schriftstellers Gustav Frenssen (1863-1945) und seiner Rolle im Dienst der Propaganda des nationalsozialistischen 'Dritten Reichs' beschäftigen."
Das Schreiben erläutert das Verfahren der anonymen Meinungserhebung als Mittel einer möglichst frühzeitigen Sensibilisierung und Information der in erster Linie betroffenen Anwohner, denen durch Veröffentlichung der Ergebnisse, Meinungen, Kritiken und Vorschläge (zunächst auf dieser Webseite, später ggf. in den lokalen Medien) ein Forum zur Bürgerbeteiligung geboten werden soll.
Zudem wird die Akzeptanz des möglichen Vorschlages "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" im Falle eines Umbenennungsbeschlusses erfragt.

In einem Faltblatt werden eine kurze Biographie Frenssens ("Wer war Gustav Frenssen?"), die heute nur noch den wenigsten geläufig ist, und Hinweise zu weiterführender Literatur abgegeben. Den Hauptteil bilden jedoch Auszüge aus seinen Schriften "Recht oder Unrecht - mein Land" (1940) und "Lebenskunde" (1942), die bereits ein Bild von den radikalen nationalsozialistischen Ansichten Frenssens vermitteln (Ausführlicher hier dargestellt und kommentiert).

Auf der Antwortpostkarte, die mit dem Vermerk "Entgelt zahlt Empfänger" versehen ist, erhält der Empfänger die Möglichkeit seine bisherige Präferenz mitzuteilen (Umbenennung: Ja, Nein, Weiß (noch) nicht; H.-und.-Th.-Mann-Straße?) bzw. Lob und Unmut, Ideen und Anfragen zu äußern, die - anonym oder auf eigene Angabe hin - ebenfalls veröffentlich werden können, um ein Meinungsbild zu ermitteln.

Je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto repräsentativer und ggf. hilfreicher wird es sein, zu einem Ausgleich zu kommen zwischen dem öffentlichen Interesse (Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit) und dem privaten Interesse (Beibehaltung der gewohnten Adresse, mögliche Beteiligung an den Kosten im Falle einer Umbenennung).