BerthavonSuttner

Der Dithmarscher Pastor und Schriftsteller Gustav Frenssen (1863-1945), feierte im Kaiserreich als Vertreter der „Heimatkunst“ literarische Erfolge („Jörn Uhl“ (1901)) und zählte 1912 zu den aussichtsreichsten Kandidaten für den Literaturnobelpreis. Schon früh sind in seinen Aufzeichnungen jedoch radikale Ideen der Eugenik und Euthanasie festzustellen, die er ab Mitte der 1920er Jahre öffentlich kundtat („Möwen und Mäuse“ (1927)). Im Nationalsozialismus als „Vorkämpfer“ gefeiert biederte sich Frenssen den Machthabern an, vergötterte Adolf Hitler und rechtfertigte Krieg und Massenmorde. Im März und April 2014 beschlossen die Städte Heide und Brunsbüttel die Umbenennung der nach Gustav Frenssen benannten Straßen. Dieser Blog dokumentiert und kommentiert Frenssens menschenverachtendes Gedankengut und die öffentliche Diskussion über seine Person.

(Bild rechts: Gustav Frenssen - Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-S42619 über wikipedia.de)

Posts mit dem Label Frenssen: "Recht oder Unrecht" (1940) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Frenssen: "Recht oder Unrecht" (1940) werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Donnerstag, 6. Februar 2014

Erörterung des Gymnasiums Heide-Ost (2013) online

Die von einer Abiturklasse des Gymnasiums Heide-Ost im Rahmen eines Projektes verfasste Erörterung zum Politikum Gustav Frenssen ist jetzt hier online zu finden:

http://www.gymnasium-heide-ost.de/CMS/index.php?option=com_content&task=view&id=1293&Itemid=334

Als Betreiber dieses Blogs, der sich bemüht, über Gustav Frenssen und seine politischen Anschauungen ausführlich, v. a. mit wörtlichen Zitaten aus seinen Büchern zu informieren, möchte ich ein paar Dinge anmerken, da der veröffentlichte Text der Schüler leider teils ergänzungs- und korrekturbedürftig ist. Dazu folgendes (weitergehenden Informationen sind als Hyperlinks angegeben):
  1. Als Sekundärliteratur wurde die Dissertation von Dr. Andreas Crystall benutzt. Schade ist, dass die als Primärquellen angegebenen Schriften Gustav Frenssens daher weniger gründlich gelesen worden zu sein scheinen, da viele durchaus bemerkenswerte Belegstellen in den Schriften nicht genannt werden (siehe unten). Hieraus erklärt sich auch, weshalb so sehr auf das „Antichristliche“ bei Frenssen, seine Kritik an der Kirche etc. angehoben wird, da das Verhältnis zur Kirche Thema der Arbeit des Propstes war.
  2. Gravierend ist in diesem Zusammengang dann, dass an keiner Stelle auf jene Aussagen Frenssens verwiesen wird, die schärfste Kritik verdienten: Seine Forderung eines Massenmordes an Geistig- und körperlich Behinderten, „Diebe[n], Arbeitsunwillige[n], Herumstreicher[n], Volksfeinden[n] aus krankem Willen oder um Geld“ („Lebenskunde“ (1942), S. 53). So bereitet es Unbehagen, wenn es in der Erörterung zum Inhalt der „Lebenskunde“ heißt, es ginge um „Diskriminierungen gegen Behinderte und Menschen, die ins Kloster eintreten.“ Das Wort „Euthanasie“ fällt in „Absatz 2“, in dem es gerade um die dafür relevanten Schriften geht, nicht ein einziges Mal.
  3. Leider werden die besprochenen Inhalte der Frenssen-Bücher zudem chronologisch nicht korrekt eingeordnet, sondern ein Durcheinander hinsichtlich der Entwicklung seiner politischen Ansichten verursacht: So werden in „Absatz 1“ (Seite 3 und 4) die Bücher „Möwen und Mäuse“ (veröffentlicht 1927, nicht 1928) und der „Lebensbericht“ (1940) gemeinsam besprochen, obwohl der Inhalt von „Möwen und Mäuse“ (Frenssens Notizen der Jahre 1906 bis 1920) z.T. mehr als drei Jahrzehnte vor der Endredaktion des „Lebensberichtes“ liegen, ohne das dies deutlich gemacht wird.
    Gleiches gilt in „Absatz 2“ (Seite 5 und 6) für „Vorland“, bzw. das darin enthaltene „Tagebuch von 2023“. „Vorland“ erschien als dritter Band der „Grübeleien“ zwar erst 1937, enthält aber die Notizen der Jahre 1920 bis 1935. Das „Tagebuch von 2023“ darin stammt schon aus dem Jahr 1923. Es ist also gerade kein Zeugnis für Frenssens nach 1933 eingetretene „drastische Wandlung“, sondern für sein weit vor 1933 vorgebildetes Weltbild und seine Forderung nach der Tötung „Wertloser“, bzw. Einweisung zu lebenslangem Zwangslager.
  4. In „Absatz 3“ (Seite 7 und 8) finden sich zudem folgende Aussagen: 
    „Gustav Frenssen beschäftigte sich vor 1933 nicht mit der Judenbekämpfung, auch in seinen frühen Werken sind keinerlei antisemitische Äußerungen zu finden. Er hatte sogar jüdische Freunde. Die Anschauung des NS-Regimes war dem Schriftsteller nicht im vollen Ausmaße bewusst. Daher ist es falsch, ihn als Nationalsozialisten zu denunzieren.“
    Diese Aussagen sind teils falsch, bzw. ihre Wertung unverständlich: Wie er in seinem „Lebensbericht“ (1940) zu Protokoll gibt, sei er „von 1923 an […] langsam“ ein Antisemit geworden (S. 277) und dies gerade, obwohl die Juden, die er persönlich kannte „gute und hilfreiche Menschen“ gewesen seien (ebd.). 
    Frühe Äußerungen aus den Jahren 1906-1920 in „Möwen und Mäuse“ (1927), S. 58-59, und 223; und „Vorland“ (1937), S. 155, zeigen seine Ablehnung von Juden und Judentum als „widerdeutscher“, „fremder“ „Rasse“. 
     Frenssen hat die Kernziele des Nationalsozialismus („Ausmerzung“ des jüdischen „Einflusses“ in Deutschland („Der Weg unseres Volkes“ (1938), S. 232f., „Lebensbericht“ (1940), S. 275-276); „Recht oder Unrecht“ (1940), S. 8-10), Schaffung einer „gesunden, germanischen Volksgemeinschaft“ durch Euthanasie, Eugenik und Rassegesetze („Lebenskunde“ (1942), S. 52-53, 91), durch Krieg zu erzielende Lebensraumpolitik („Recht oder Unrecht“ (1940), S. 11-13; „Lebenskunde“ (1942), S. 92-93), Diktatur und Führerprinzip („Recht oder Unrecht“, S. 52-55; „Lebenskunde“ (1942), S. 99-100)) in seinen Schriften gebilligt und propagiert. Wenn ihm dann der Nationalsozialismus nicht „im vollen Ausmaße“ bewusst gewesen sein soll, wem dann?

Mittwoch, 15. Januar 2014

„… die Bücher der Brüder Mann und ihres Judengefolges“ - literarischer Rassismus bei Gustav Frenssen

Die Brüder Heinrich und Thomas Mann nehmen ab Ende der 1920er Jahre in den Schriften Gustav Frenssens die Rolle von Antipoden seines „germanischen“ Werkes ein. Für Frenssen sind sie Symbolfiguren einer „jüdisch-romanischen Herrschaft“ auf kulturellem, wie auf allen anderen Gebieten der deutschen Gesellschaft, die sich nach der Niederlage im 1. Weltkrieg etabliert habe. Die Ehrung Thomas Manns mit dem Nobelpreis sei Teil einer Verschwörung der europaweit agierenden „jüdischen Presse“, durch welche Autoren „germanischer Art“ unterdrückt würden. Für Frenssen war dies eine willkommene Erklärung der sinkenden Absatzzahlen seiner Bücher, die ihm auch sein Verleger Müller-Grote in Briefen „bestätigte“.
Der Literaturnobelpreis an Thomas Mann im Jahre 1929 wird in Frenssens Veröffentlichungen bis zu seinem Lebensende 1945 zu einer letzten Bestätigung seines rassistisch-antisemitischen Weltbildes. Auch seine persönliche Verletzung, wie er sie im entsprechenden Kapitel des „Lebensbericht“ nur schwer verbergen kann, wird zur Grundlage einer kühlen und ausnahmslosen Rechtfertigung der nationalsozialistischen Gleichschaltung und Diktatur, der Verfolgung und Vertreibung der Juden und Andersdenkender als gerechte Wege zur Beseitigung „widerdeutscher“ Einflüsse, bis hin zum Massenmord.

Eine von Frenssen auf das Jahr 1931 datierte Notiz in seinem 1938 erschienenen dritten Band der „Grübeleien“ (Vorland) lässt bereits jenen Affekt erkennen. Hier wird die antisemitische Vorstellungswelt einer „jüdischen Weltverschwörung“, die die Verleihung des Literaturnobelpreis kontrolliert, deutlich, denn Frenssen zitiert Sinclair Lewis, der den Preis 1930 erhielt:
„Man muß den Juden klaren Beweis liefern, daß man ihr Freund ist. In seinem „Sam Dods- / worthy“ nennt er [= Sinclair Lewis] also, als die vier großen deutschen Zeitgenossen, drei Juden, dazu Thomas Mann, der, da er sein Kunstgefühl von seiner Mutter hat, die eine Romanin gewesen war, in deutscher Sprache romanische Kunst schafft und den Juden darum besonders nahe steht. […] Im germanischen Volk von siebzig Millionen sind lauter Nichtdeutsche, Fremde, die einzigen großen Namen!! So muß man es machen! Nun ist er, kraft der jüdische Presse, die Europa beherrscht, von Wien bis Stockholm der größte amerikanische Schriftsteller.“ (S. 192-193)
Das Motiv einer jüdisch(-romanischen) Verschwörungslegende im Kulturbetrieb ist der Weg auf dem Frenssen bis zum Ende seines Lebens bleiben wird. Dass der „jüdische Einfluss“ eine europäische Dimension habe und auch andere Völker (Schweden) betreffe, führt er wenig später, in „Recht oder Unrecht - Mein Land!“ (1940), nochmals aus. Nachdem er die Verfolgung und Vertreibung vieler jüdischer Mitbürger, „die einmal Gäste waren in Germanien“, zuvor als „göttliche Gerechtigkeit“ bezeichnet hatte, schreibt er:
„Die städtische Masse in diesen vier Völkern [gemeint sind die Schweiz, Holland, Norwegen und Schweden] [hatte] sich von Deutschland abgewandt […] und damit auch vom germanischen Wesen. Wohin? Wohin wandte sie sich? Nach Juda, nach Juda! Zu dem vaterlandlosen und heimatlosen, fremdblütigen, fernen, fernen Volk! Ah, diese feine, spielende (mit allem spielende), schillernde, jüdische Kunst! In ihren Buchläden stehn immer, noch heute, nachdem doch Klarheit geschaffen, als deutsche Kunst … als deutsche Kunst! … die Bücher der Brüder Mann und die Bücher ihres Judengefolges. Die Brüder Mann haben Geist und Seele nicht von ihrem germanischen Vater, sondern von ihrer spanischen Mutter, und sind dem deutschen Wesen fremd und fern. Jedes der großen Menschenworte: Frömmigkeit, Freiheit, Gerechtigkeit, Sitte, Bildung bedeutet allen diesen anderes als uns Germanen. Es sind fremde Menschen; sie haben mit / germanischem Wesen nichts mehr zu tun, als daß sie einmal Gäste waren in Germanien und sich germanischer Sprache bedienten.“ (Seite 45-46).
Mit der „Klarheit“, die geschaffen worden sei, bezieht sich Frenssen auf die Bücherverbrennungen (Berlin, 10. Mai 1933, „Wider den undeutschen Geist!“), bzw. andere nationalsozialistische Maßnahmen wie Berufsverbote für jüdische Akademiker, den Ausschluß Heinrich Manns und anderer aus der Preußischen Akademie der Künste (1933), die Aberkennung der Ehrendoktorwürde von Thomas Mann und dessen Ausbürgerung (1936).
Gustav Frenssen gibt keine konkrete Beschreibung davon, wie „germanische“, „romanische“ oder „jüdische“ Kunst in der Literatur aussähe. Eben jenes hatte Frenssens Dithmarscher Zeitgenosse und ehemaliger Mitschüler Adolf Bartels (1862-1945) schon im Kaiserreich versucht festzustellen. Dieser gab in seiner 1901 veröffentlichten "Geschichte der deutschen Literatur", die bis 1941 immer wieder ergänzt wurde und in insgesamt 17 Auflagen erschien, unter anderem so „wissenschaftliche“ Urteile ab wie: „Ein echter jüdischer Frechling“ (über Kurt Tucholsky) oder „riesig sind […] Eitelkeit und Unverfrorenheit“ (über Heinrich Heine).
Dass Frenssen nicht umhin kann doch einzuräumen, dass der „Halb-Spanier“ Thomas Mann, den man eigentlich höchstens einen „Viertel-Portugiesen“ hätte nennen können, doch „so viel ein deutscher Geist romanische Art und Kunst mitempfinden kann, ein starker Künstler“ sei („Lebensbericht“, S. 258), ist eine andere Pointe.
Zuletzt führte er besonders in seinem „Lebensbericht“ von 1940 ab Seite 256 auf vielen Seiten nochmals die von ihm als „Schande“ und „Demütigung“ gewertete Zeit der Weimarer Republik aus. Häufigst genannt sind auch hier wieder die Brüder Mann. In Abschnitt 64 seines „Lebensberichtes“ lässt er sich noch einmal über den Nobelpreis aus. Seine persönliche Verbitterung wird deutlich, wenn er in Verschwörung witternder Manier Gründe auszumachen versucht, weshalb er den Preis nie erhalten habe:
Da sind die Mitglieder der schwedischen Akademie, die „Gelehrte irgendeiner andern Wissenschaft [sind], die […] der schönen Literatur fernstehen“ und sich daher auf „Fachgelehrte“ stützen würden. So seien sie dem „seit etwa 1890“ den „germanischen (nordischen) Begriff der Kunst […] überflute[nden]“, „romanisch-jüdische[n] Kunstgefühl“ ausgeliefert gewesen (S. 292).
Frenssen ist sich sicher, dass „das schwedische Volk [.] sich […] in seinem gesamten geistigen, wie seinem Kunsturteil, von Leuten volksfremden Gefühls leiten“ ließ (S. 294). Nur so erklärte er sich, habe es dazu kommen können, dass die Akademie „in ihrem Urteil fehlgriff“ und sie so „in ziemlichem Grade das Volk, dem der Gekrönte angehörte“ „schädigte“ (S. 293).
Er bedauert es, dass „die Namen derer, die […] vielleicht gar ein oder einige Male fast die Mehrheit der Stimmen hatten, durchaus verschwiegen werden“ und scheint sich zu jenen zu zählen, die einer solchen „Demütigung“ ausgesetzt waren (S. 294).
Frenssen meint schließlich auch genau zu wissen, dass dies nicht im Sinne Alfred Nobels gewesen sein könne:
„Er wollte, als ein germanischer Mensch, daß mit seinem Namen und Geld Werke geehrt würden, welche die Menschenseele ehrten und durch solches Ehren erhöhten. Er wollte daß Werke Heidenstamms, Lagerlöfs, Hamsuns, der Undset, Hauptmanns, Thomas Hardys, Rollands geehrt würden, aber Werke Frances, Manns, Lewis, Pirandellos ausgeschlossen waren. Das war der aus seinem germanischen Herzen und ästhetischen Gefühl stammende, sittliche germanische Wille des Stifters“ (S. 293).
Es ist seltsam, weshalb in Frenssens Liste gelobter skandinavischer, deutscher und englischer Nobelpreisträger auch der linksorientierte französische Intellektuelle Romain Rolland auftaucht, der nach 1933 in Deutschland zu den verbotenen Autoren gehörte. Eigentlich ist die kleinlaute Schutzbehauptung eines Enttäuschten, dass der „Germane“ Nobel doch dem „Germanen“ Frenssen seinen Preis gegönnt hätte, kaum der Rede wert, wäre sie als prinzipiell rassistische Kategorisierung nicht alles andere als harmlos. Was für Frenssen unter einem „germanischen Menschen“ zu verstehen ist, und was für diesen das sogenannte „Wahrgutschöne“ sei, erläutert er nur wenig später in der „Lebenskunde“ (1942):
„Die aber, die unheilbar sind und so schwer krank, daß ihr Leben für sie selbst kein Menschenleben mehr ist, die auch in der Gemeinschaft der Menschen nicht mehr mitleben können, Mensch mit Mensch, sollen nach germanischem Gefühl für das Wahrem mit ihrer eigenen Billigung oder nach dem Willen der Gemeinschaft ausgelöscht werden. […] Solche Kranke sind die völlig verkrüppelten Neugeborenen, die unheilbaren Idioten, die unheilbaren Irren. Ferner die gebornen Mörder, Rohlinge (Gewalttäter), Einbrecher, Diebe, Arbeitsunwillige, Herumstreicher, Volksfeinde aus krankem Willen oder um Geld. / […] Es ist dem germanischen Gewissen unwahr und unrecht, sie weiterhin die Volksgemeinschaft schädigen zu lassen, wahr und recht, sie auszulöschen.“ (S. 53-54)
Für die Brüder Heinrich und Thomas Mann selbst, ihre Kinder nach Nürnberger Rassegesetzen „Halb-Juden“, die jüdischen Mitbürger, Sinti und Roma und andere gelte nach einer anderen Stelle: „Unedles Fremdblut und Mischblut, das, weiter gesät, ein Volk erniedrigt, soll ausgeschieden sein“. (S. 91). Wie nahe dabei die Adjektive „unedel“ und „fremd“, den Beiwörtern „krank“ und „unheilbar“ sind, ist spätestens im selben Jahr (1942) endgültig sichtbar, als die „Endlösung“ anläuft. Der Griff in die Schublade rassistischer Kategorien, Klischees und Karikaturen sollte am Ende für Millionen tödlich werden.

Montag, 8. Juli 2013

Leserbrief vom 9. August 2012 (Dithmarscher Landeszeitung)

Gustav-Frenssen-Strasse bleibt? 

"Wenn in Heide nun über die Umbenennung der Carl-Diem-Halle debattiert werden soll, die neben jener Schule (St.-Georg) liegt, deren ursprüngliche Benennung nach dem fanatisch-antisemitischen Schriftsteller Adolf Bartels bereits eine unrühmliche Geschichte hat, dann ist das gut so. Ebenfalls muß man sich aber auch fragen, wie lange Heide eine Gustav-Frenssen-Straße unkritisch (be)stehen lassen will? Daß Frenssen ab 1933 zum Propagandisten der Nazis wurde, 1940 in "Recht oder Unrecht - mein Land" die antisemitischen Verbrechen der Nazis rechtfertigte, in seiner "Lebenskunde" von 1942 den Mord nicht nur an Geistigbehinderten, sondern auch an anderen Volksfeinden forderte und dabei den Nationalsozialismus eine Herrschaft des Guten nannte, wiegt meiner Meinung nach zu schwer. Die jüngsten Mahnungen für die Opfer der Diktatur in anderen Heider Straßen ("Stolpersteine") erscheinen angesichts der jahrzehntelangen Ehre eines Straßennamens wie Hohn."

Florian Dunklau

Donnerstag, 11. April 2013

Ein Holocaust-Leugner und ein Alt-Nazi für Frenssen (1983)

Im Zusammenhang mit Berichten über die Umbenennung der Gustav-Frenssen-Straße in Heide veröffentlichte die "Dithmarscher Landeszeitung" 1983 eine ganze Reihe von Leserbriefen, in denen teils leidenschaftlich über die Person Frenssen und sein Werk gestritten wurde und in die sich auch ein bekannter rechtsextremer Autor einmischte (In der 2013/2014 öffentlich geführten Frenssen-Debatte fiel die Veröffentlichung von zwei offen antisemitischen Leserbriefen auf).

 

Nachdem Kreispräsident Gosau (CDU) Frenssen zuvor als "typisch" für "Land und Leute" bezeichnet und Zustimmung zur Idee der Gründung einer Gustav-Frenssen-Gesellschaft (ähnlich der [Friedrich-]Hebbel-Gesellschaft) geäußert hatte, protestierte die Schulgruppe der GEW am Schulzentrum Heide-Ost mit einem durch Bernd Müller verfaßten Leserbrief dagegen (DLZ vom 3. Mai 1983, Seite 12). Er zitierte dabei auch einen längeren Abschnitt aus Frenssens "Der Glaube der Nordmark" (1936):
"Ich will den christlichen Glauben, den ihr in Schule und Konfirmandenunterricht gelernt habt, Menschen der Nordmark, und den, der nach dem Willen Gottes von Blut und Boden, Wolken und Schicksal in der Welt, in der Tiefe unsrer Seelen lebt, einander gegenüberstellen. Wobei es mir nicht darauf ankommen soll, daß ich einen geraden Gang der Gedanken gehe, sondern daß ich alles und deutlich sage. [...] der christliche Glaube sagt: Jedes deutsche Kind muß an dem jüdischen Glaubensgut und an den jüdischen Helden und Patriarchen, von Abraham bis Johannes, seinen Glauben erleben und bilden. Der Glaube der Nordmark sagt: Jedes deutsche Kind muß an deutschem Glaubensgut und an deutschen Helden und Patriarchen, von Hermann dem Cherusker bis zu Goethe, Hindenburg und Hitler seinen Glauben erleben und bilden"
(Der Glaube der Nordmark (unbekanntes Jahr), S. 98ff.)
"Der Glaube der Nordmark" ist der Auflagenstärke nach die dritt-erfolgreichste Schrift Frenssens insgesamt (mind 350.000 Stück). Ein Grund für diesen Erfolg lag darin, daß es eine "gefällige Synthese" (Crystall, S. 463) verschiedener "deutschgläubiger Autoren" ist, unter ihnen u. a. Alfred Rosenbergs "Mythus des zwanzigsten Jahrhunderts" (Rosenberg galt als Chefredakteur des "Völkischen Beobachters" als DER Ideologe des Nazi-Regimes wurde späterer "Reichsminister für die besetzten Ostgebiete". Wegen "Verbrechens gegen die Menschlichkeit" wurde er in Nürnberg 1946 zum Tode verurteilt).
Frenssens Werk wurde in hohen Zahlen auch als Jugendweihegeschenk übergeben.

Ein Revisionist und Holocaustleugner bezieht Stellung

Im Rahmen eines weiteren Artikels in der DLZ ("Name der Gustav-Frenssen-Straße ist umstritten - SPD mit Antrag zur Straßenumbenennung in Heider Stadtverordnetenversammlung" (DLZ vom 15. September 1983)) meldete sich ein Otto Schwisow aus Rotenburg/Wümme mit einem Leserbrief zur Frenssen-Debatte zu Wort:
"Jedes Volk hat seinen Sozialismus! In welchem Land du immer geboren bist, da ist deine Heimat, und ihre Dichter, das sind auch deine Dichter! [...] Man sollte daher Geistesgut als 'Nationalgut' behandeln und weitergeben, statt es in Vergessenheit geraten zu lassen. Auch die Namen, die einst geehrt wurden, gehören dazu. Gustav Frenssen hatte zu seiner Zeit so großen Erfolg, weil er 'die Seele des Volkes' richtig erkannt hatte. Dieses bezog sich sogar auf seine Konsequenzen, die er als Pfarrer zog. Er hatte besonders mit seinem 'Glaube der Nordmark' seine Mitmenschen richtig beurteilt."
(DLZ vom 29. September 1983, Seite 11)
Während der Name Otto Schwisow den wenigsten etwas sagt, war er den Rechtsextremen jener Jahre nicht unbekannt: Im Orion-Heimreiter-Verlag mit Sitz in Heusenstamm bei Frankfurt/M. veröffentlichte der ehem. NSDAP-Ortsgruppenleiter in Hamburg-St.-Pauli (Mitglied seit 1925) und Krankenkassendirektor i. R. im Jahre 1978 unter dem Titel "Gegen Lügenpolitik und Geschichtsfälschung" eine geschichtsrevisionistische Schrift, in der er u. a. den französischen Holocaust-Leugner Paul Rassinier zitiert, der die Funktion der Gaskammern zum Zwecke des millionenfachen Mordes - und damit den Holocaust (die Shoa) leugnete (Dies ist in Deutschland erst seit 1985 ein Straftatbestand). Zudem stellt Schwisow den Krieg der Wehrmacht gegen die Sowjetunion als einen Präventivkrieg dar.
Durch die Formel "Jedes Volk hat seinen Sozialismus!" in dem Leserbrief, deutete Schwisow seine politische Überzeugung mehr als an (= National-Sozialismus).
Der Orion-Heimreiter-Verlag gehört heute zur "Lesen & Schenken Verlagsauslieferung und Versandgesellschaft mbH" des Rechtsextremisten Dietmar Munier, zu der auch der ARNDT-Verlag gehört, laut Verfassungsschutzbericht des Landes Schleswig-Holstein 2008 einer der "bekanntesten Verlage des rechtsextremistischen Spektrums."
Mit Otto Schwisow, der zudem Mitglied der Theodor-Storm- und der Friedrich-Hebbel-Gesellschaft war, nahm 1983 also ein einschlägig rechtsextremer Autor für Frenssen und insbesondere für den "Glauben der Nordmark" Stellung.

Kein Amt - keine Verantwortung.

Die konservativen Politiker noch der 1980er Jahre verfolgten dagegen offensichtlich die Idee vom "Doppelten Frenssen", dem gutmütigen, harmlosen Heimatdichter auf der einen und dem nationalsozialistischen Mitläufer auf der anderen Seite, mit der Konsequenz: "Ehre dem Dichter Frenssen, Vergessen dem Antisemiten Frenssen." Nicht anders hatten Jahre zuvor die Adolf-Bartels-Befürworter in Wesselburen argumentiert.
Die Rechtfertigungen für dieses Vergessenmachen der Folgen, die Frenssens Publizistik der Jahre 1933 bis 1945 befördert und unterstützt hatte, sind aus den Begründungen des Beschlusses des CDU geführten Heider Magistrats aus dem Januar 1984 zu entnehmen. Folgende Stichworte lassen sich nennen (Zitiert nach DLZ vom 14. Januar 1984):

1. "Kein Wegbereiter des Nationalsozialismus"
2. "Während der Zeit von 1933 bis 1945 für das parteipolitische Geschehen keine Rolle gespielt"
3. "Überwiegend Heimatdichter"
4. "Zeitgenossen hätten ihn als selbstlosen und warmherzigen Mann charakterisiert, der stets ein
offenes Ohr für die Sorgen anderer gehabt habe."
5. "Mitläufer" mit "geringer politischer Bedeutung"

So wogen die mehr oder minder stimmigen Tatsachen, daß er nicht zu den Wegbereitern des Nationalsozialismus gehört hatte, daß er auch nicht Mitglied der NSDAP kein offizielles Amt inne gehabt hatte und sich in Barlt "selbstlos und warmherzig" verhalten habe, seine umfangreiche Propaganda-Tätigkeit im Dritten Reich für Hitler, den Nationalsozialismus und für die Ermordung hunderttausender Menschen fast mit Leichtigkeit auf.
Daß Frenssen überwiegend Heimatdichter gewesen sei ist angesichts der Auflagenstärke und der politischen Dimension auch seines früheren Werkes (etwa während der Ersten Weltkrieges (1914-18) und schon davor in "Peter Moors Feindfahrt nach Südwest" (1906)) zu bestreiten.
Frenssens Rechtfertigung nationalsozialistischer Politik und zuweilen seine über das Handeln des Regimes weit hinausgehenden Forderungen sind zudem, gänzlich unabhängig von Parteizugehörigkeit und Amt, Zeichen von Menschenverachtung und Übereinstimmung mit dem Nationalsozialismus.

Ein Alt-Nazi als Kronzeuge: Hans Beeck

Hans Beeck steuerte in seinen 1969 im (rechtsextremen) Türmer-Verlag erschienen Erinnerungen "Mein Begegnen mit Gustav Frenssen" noch die völlig unkritische und unpolitische Betrachtung über die Person Frenssen in seinem heimatlich-dörflichem Umfeld bei, und verteidigt Frenssen u.a. mit den Worten,

"er habe sich so mutig und furchtlos der sogenannten kleinen Leute [angenommen]".    (S. 6).

"Wir dürfen über Gustav Frenssen und sein Werk nicht achtlos hinweg gehen. Er hat uns viel zu sagen. Versuchen wir es mit irgend einem [sic!] seiner Bücher. Wir werden erstaunt sein über die Kraft seines Erkennens und über seine überragende Menschlichkeit [sic!]. Sie gelten nicht nur für die damalige Zeit seines Wirkens. Sie gelten in gleichem Maße auch für heute [sic!]." (S. 9)
"Immer hat er es aus ehrlichem, aufrichtigem Herzen getan, nie aus geldlichen Beweggründen. Und, wie schon gesagt, stets für die arbeitenden Schichten der Bevölkerung, die selbst keine Aussage über die sie bedrängenden Probleme machen konnten. [...] Menschen, die mit ihrer Not nicht fertig werden konnten, kamen von weither, sich Hilfe, Kraft und Trost bei ihm zu holen." (S. 10)

Beeck verharmlost Frenssen, wo er auch seine Rolle verhamlosen könnte: Seit 1925 Mitglied der NSDAP, war er Mitglied des nach 1934 nur noch pro forma existierenden nationalsozialistischen Reichstags und ebenso bis 1945 NS-Kreisbauernführer in Dithmarschen. Er zeichnet auch verantwortlich für Frenssens Begräbnisstätte auf dem Wodansberg bei Windbergen, die er einrichten ließ, "damit nationalsozialistische Trauerfälle sich von christlichen Einflüssen emanzipieren" könnten (Crystall, S. 491).
In Beeck, der Frenssen persönlich seit 1920 kannte, dürfte man wegen seines Buches und seiner Prominenz in Dithmarschen den wichtigste jener "Zeitgenossen" erkennen, auf die man sich beim Beschluss des Jahres 1984 berufen hätte können.
Im schon vor 1933 vom Nationalsozialismus tief durchdrungenen Land an der Westküste wären so auch Jahrzehnte nach 1945 u. a. die herzlichen Worte einer - im Gegensatz zu Frenssen - "parteipolitisch" bedeutenden ehem. regionalen nationalsozialistischen Führungsgestalt hilfreich gewesen, Frenssen ein gutes Leumundszeugnis zu verschaffen. 
Nicht anders sogar in Hamburg, wo die CDU, damals vielfach auch noch Geisel von alten Männern mit vormals tiefbrauner Vergangenheit, Frenssen wörtlich einen "Kämpfer für ein gesünderes, gerechteres und kraftwilligeres Deutschland" nennen konnte (Töteberg, S. 191). 
Daß dadurch letztlich das ehrliche Bemühen zunichte gemacht wurde, Frenssens Wirken über Barlt und Dithmarschen hinaus ernsthaft kritisch zu betrachten, liegt auf der Hand. Denn wer kann noch an Frenssens kaltherzige Worte denken, wenn man sich nur an den "warmherzigen Dichter", erinnern will?

Frenssen und die neuen Rechten

Während es nach 1945 nur wenige und bescheidene Versuche gab Frenssens Werke nachzudrucken ("Jörn Uhl" bei Lühr & Dircks St.-Peter-Ording, 1982 (3000 Exemplare)), haben seine propagandistischen Werke, von denen offensichtlich keines - trotz vielfach volksverhetzender Inhalte - indiziert ist, das Interesse von Rechtsextremen geweckt. Während es die völkisch-germanische Theologie "Glaube der Nordmark" wegen seiner hohen Auflage noch als Originalausgabe für oft nicht einmal 1 € - etwa bei Amazon.de (Marketplace) - zu kaufen gibt, ist insbesondere für die nationalsozialistische Propagandaschrift "Recht oder Unrecht" vermutlich eine Nachfrage vorhanden, die größer als das antiquarische Angebot ist. So kann man nämlich das 'Machwerk', das - wie "Mein Kampf" erst Ende 2015 gemeinfrei wird, als Papierkopie bei einem "national" eingestellt Online-Shop erwerben. [Eine Verlinkung unterbleibt hier aus verständlichen Gründen. Der Leser forsche ("google") selbst nach.]

Schluss

Frenssen selbst hat sich noch in seinen letzten Werken bemüht seine Überzeugung vom Nationalsozialismus bis in die frühen 1920er Jahre - seine demokratische Phase - zurückzudatieren und sich noch mehr dem System anzubiedern (Vgl. Crystall, S. 481, Fn. 222). Es hieße ähnlich geschichtsvergessen und manipulativ zu argumentieren, würde man ignorieren, daß die Lebensgeschichte des Barlter Tischlerssohn von Brüchen und Übergängen gekennzeichnet ist, die bis zu einem gewissen Grad ein Exempel der gesellschaftlichen Entwicklung jener Jahrzehnte wiedergeben.
Wie das Frenssen-Haus in Barlt zeigt, ist es keineswegs unmöglich, die Beschäftigung mit dem Werk des Schriftstellers Frenssen fortzuführen ohne dessen dunkelsten Seiten seines Lebens unter den Teppich zu kehren. Pastor Dietrich Stein, derzeitig verantwortlich für Führungen im Haus, schrieb allerdings im Vorwort des 1997 erschienen Sammelbandes auch: "Gustav Frenssen ist kein Mann für Straßenbenennungen".

Literatur/Quellen:
- : "Name der Gustav-Frenssen-Straße ist umstritten", in: "Dithmarscher Landeszeitung" vom 15. September 1983, Seite 10.
- : "Gustav-Frenssen-Straße wird nicht umbenannt", in: "Dithmarscher Landeszeitung" vom 14. Januar 1984, Seite 10.
Hans Beeck: "Mein Begegnen mit Gustav Frenssen", Türmer-Verlag, München 1969.
Andreas Crystall: "Gustav Frenssen - Sein Weg vom Kulturprotestantismus zum Nationalsozialismus", Chr. Kaiser Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2002.
Kay Dohnke/Dietrich Stein (Hrsg.): Gustav Frenssen in seiner Zeit, Boyens & Co Verlag, Heide 1997.
Bernd Müller: "Über Gustav Frenssen" (Leserbrief), in: "Dithmarscher Landeszeitung" vom 3. Mai 1983, Seite 12.
Otto Schwisow: "Gegen Lügenpolitik und Geschichtsfälschung", Orion-Heimreiter-Verlag, Heusenstamm 1978.
Ders.: "Einst geehrt" (Leserbrief), in: "Dithmarscher Landeszeitung" vom 29. September 1983, Seite 11.
Michael Töteberg: "Sorry, Arno Schmidt! Ein kritisches Nachwort zum Frenssen-Funkessay - 25 Jahre später.", in: "Jahrbuch der Gesellschaft der Arno-Schmidt Leser", Nr. 8 (1990), S. 189-206.

Mittwoch, 27. März 2013

Umfrage: "Neuer Name Frenssenstraße?"

Ergebnisse der Umfrage

Nummern der Postkarten (Für die Absender zur Kontrolle):
105, 106, 108, 138, 156, 164, 190, 193, 208, 227, 228, 237, 238, 243, 244, 253, 257, xxx*. (*Vom Absender unkenntlich gemacht.)
(Bis zum Ende des Abstimmungszeitraumes (27. April 2013) eingetroffene Karten).
Die Nummerierung der Anschreiben und Postkarten beginnt erst mit Nr. 100 und endet mit Nr. 264. Insgesamt 154 Wurfsendungen mit Postkarten wurden am 28. März 2013 ohne Verbindung von Adresse und Nummerierung zugestellt (1 je Haushalt). Nicht berücksichtigt werden konnten aus rechtlichen Gründen Haushalte, die durch entsprechende Hinweise an ihren Briefkästen der Zustellung von nicht persönlich adressierten Wurfsendungen widersprochen hatten.

Beteiligung und Repräsentativität:

(zum Vergrößern anklicken)
Mit ca. 12 % hat sich etwa jeder Achte angeschriebene Anwohner an unserer Umfrage beteiligt. Als Gründe für diesen Wert dürften Vorbehalte gegenüber dem Verfahren ((unberechtigte) datenschutzrechtliche Bedenken) gegenüber den Durchführenden (unbekannter Hintergrund), dass sich das Thema noch in einer Frühphase der öffentlichen Diskussion befindet, sowie Desinteresse genannt werden. Das hierbei eine Schweigeverzerrung vorliegt (also die Nichtantwortenden ein gänzlich anderes Abstimmungsverhalten an den Tag legen würden als die Antwortenden), ist möglich. Da die Zahlenverhältnisse (von Befürworten und Gegner) im vorläufigen Endergebnis während des Abstimmungsverlaufes im wesentlichen konstant blieben (frühe und späte eintreffende Antworten zeigten jeweils ein Verhältnis von 1 zu 2), lässt sich das Ergebnis -  wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad - auf die Gesamtheit der Befragten übertragen.  

Ergebnisse im Einzelnen:

(zum Vergrößern anklicken)
1. 66,6% der Antworteten lehnten eine Umbenennung ab, wobei davon 17% explizit den (finanziellen) Aufwand für die Anwohner als Grund nannten. 33,3% der Befragten stimmten dem Anliegen dagegen zu, das mit Frenssens schriftstellerischen Aktivitäten im Dritten Reich begründet ist.




(zum Vergrößern Anklicken)
2. Bei der Frage, ob im Falle einer beschlossenen Umbenennung der konkrete Vorschlag "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" eine gute Alternative darstellen würde, äußerten sich 50% der Befragten negativ, wobei als einzelne Begründung die Länge der Namensvariante genannt ist. Bis auf einen ausländerfeindlich gesinnten, rechtsextremen Vorschlag sind von Seiten der Ablehnenden keine Alternativen genannt worden. Die andere Hälfte der Befragten stimmte dem Vorschlag dagegen entweder zu (33%), nannte kürzere Alternativen wie "Brüder-Mann-Straße" oder "Thomas-Mann-Straße" (11%) oder enthielt sich einer Entscheidung (6%).

Bewertung:

Es zeichnete sich ab, dass niemand explizit für die Person Gustav Frenssen Partei ergriff. Wo sich nicht zu Gründen für den Bestand des Straßennamens geäußert wurde liegen diese - so lässt sich vermuten - auch in teils jahrzehntelanger Gewohnheit zahlreicher Altanlieger, die mit dem Namen bislang nichts, weder positives noch negatives verbinden, sondern ihn schlicht nur als einen Straßennamen betrachten. Es zeichnet sich daher nicht ab, dass es - wie in Bad Oldesloe 1996 - zur Bildung einer Bürgerinitiative kommt, die versucht den Dichter zu "reinigen".
Konkret ist die Kritik daher nur in punkto Kosten: Ließe sich der die Anwohner betreffende Aufwand mildern (etwa durch eine teilweise Übernahme von Kosten (als Pauschale für jeden Haushalt) oder ein Moratorium (zwischen Umbenennungsbeschluss und dessen Vollzug läge eine längere Zeit (bspw. bis zu 1 Jahr)), das die Umstellung und den Verbrauch etwa von Werbeartikeln mit Adresszug ermöglicht), wäre der wesentlicher Konfliktpunkt aus dem Weg zu räumen.
Eine Umbenennung nach beiden oder einem der Brüder Mann fände wohl insgesamt (bei Umbenennungs-Befürwortern wie auch bei einem Teil der Gegner) mehr Zu- als Widerspruch, wenn auch z. T. eine kürzere Form gewünscht würde (Vorschlag: "Brüder-Mann-Straße").

(Gesamtübersicht. Zum Vergrößern klicken)

Kommentare der Absender (ggf. gekürzt (z. B. pers. Angriffe)):

[zu 1 (=pers. Gründe für oder gegen eine Umbenennung); zu 2 (=Vorschläge, Kommentare zu einem neuen Namen)]

Nr. xxx* (unkenntlich) zu 1: "Für die Kanaken!!!"; zu 2: "Kanakenstrasse, Klein Russland"
Nr. 108 zu 2: "Th.-Mann-Straße"
Nr. 190 zu 2: "Brüder Mann"
Nr. 193 zu 1: "Strassenänderung kostet Zeit und Geld. Wer bezahlt Adressaufkleber, Visitenkarten, Zeugnisse, Personalausweis und alle anderen Amtsunterlagen??"
Nr. 208 zu 1: "Weil mir der Name gefällt"; zu 2: "Ist zu lang, wenn dann nur Thomas-Mann-Str."
Nr. 227 zu 1: "Sehe keinen Sinn darin, gibt weitaus wichtigere Dinge um die man sich kümmern müsste! :)"; zu 2: "viel zu lang der Name"
Nr. 237 zu 1: "Da ich nicht unterstütze in einer rechtsorientierten Straße zu wohnen"
Nr. 238 zu 2: "Übernehmen Sie die anfallenden Kosten!!!"
Nr. 243 zu 1: "Geifernde Polemik im Zuge leerer Kassen, die den Anwohnern hohe Kosten (Änderung Ausweis pp) zusätzlich aufzwingt ist Ihnen wohl nicht bewußt! Sie wären gut beraten, endlich die Vergangenheit ruhen zu lassen!" (H.F.* vollständiger Name genannt).

Umfrageinformation:

Vom 28. März bis zum 26. April 2013 versucht eine Umfrage herauszufinden, wie die Anwohner der Gustav-Frenssen-Straße in Heide aktuell zu aufgekommenen Plänen einer Umbenennung stehen, die bereits zum Ende des Jahres in der Ratsversammlung debattiert werden könnten. Es soll dazu angeregt werden sich zu informieren und gegebenenfalls an der Suche nach einem neuen Namen zu beteiligen.

Die Unterlagen

Insgesamt 154 Briefe sind den Haushalten mit dem Umschlagvermerk: "Bezug: Umfrage zum Thema 'Neuer Name Frenssenstr.?'" zugestellt worden. Die Schreiben bestehen aus folgenden Teilen:

1. Formelles Anschreiben
2. Faltblattinformation zu Gustav Frenssen
3. Frankierte Antwortpostkarte mit Umfrage

Im Anschreiben wird kurz über den aktuellen Anlass des Schreibens informiert:
"Wie Sie dem Zeitungsartikel 'Straßenname in der Kritik' in der Dithmarscher Landeszeitung vom 20. Dezember 2012 entnehmen konnten, wird sich ein neues Projekt der 'Stiftung gegen Extremismus und Gewalt in Heide und Umgebung' mit der Person des Dithmarscher Pfarrers und Schriftstellers Gustav Frenssen (1863-1945) und seiner Rolle im Dienst der Propaganda des nationalsozialistischen 'Dritten Reichs' beschäftigen."
Das Schreiben erläutert das Verfahren der anonymen Meinungserhebung als Mittel einer möglichst frühzeitigen Sensibilisierung und Information der in erster Linie betroffenen Anwohner, denen durch Veröffentlichung der Ergebnisse, Meinungen, Kritiken und Vorschläge (zunächst auf dieser Webseite, später ggf. in den lokalen Medien) ein Forum zur Bürgerbeteiligung geboten werden soll.
Zudem wird die Akzeptanz des möglichen Vorschlages "Heinrich-und-Thomas-Mann-Straße" im Falle eines Umbenennungsbeschlusses erfragt.

In einem Faltblatt werden eine kurze Biographie Frenssens ("Wer war Gustav Frenssen?"), die heute nur noch den wenigsten geläufig ist, und Hinweise zu weiterführender Literatur abgegeben. Den Hauptteil bilden jedoch Auszüge aus seinen Schriften "Recht oder Unrecht - mein Land" (1940) und "Lebenskunde" (1942), die bereits ein Bild von den radikalen nationalsozialistischen Ansichten Frenssens vermitteln (Ausführlicher hier dargestellt und kommentiert).

Auf der Antwortpostkarte, die mit dem Vermerk "Entgelt zahlt Empfänger" versehen ist, erhält der Empfänger die Möglichkeit seine bisherige Präferenz mitzuteilen (Umbenennung: Ja, Nein, Weiß (noch) nicht; H.-und.-Th.-Mann-Straße?) bzw. Lob und Unmut, Ideen und Anfragen zu äußern, die - anonym oder auf eigene Angabe hin - ebenfalls veröffentlich werden können, um ein Meinungsbild zu ermitteln.

Je mehr Menschen sich daran beteiligen, desto repräsentativer und ggf. hilfreicher wird es sein, zu einem Ausgleich zu kommen zwischen dem öffentlichen Interesse (Aufarbeitung der Nazi-Vergangenheit) und dem privaten Interesse (Beibehaltung der gewohnten Adresse, mögliche Beteiligung an den Kosten im Falle einer Umbenennung).

Dienstag, 26. März 2013

G. Frenssen - „Recht oder Unrecht“ (1940) [Teil 2]

„Was schrein die Machthaber und Wortführer von England und Frankreich, als wollten wir Deutsche [...] über unsern Lebensraum hinaus? Was schreien sie diese offenbare, diese verrückte Lüge in alle Welt hinaus?" (S. 14)
Für die Mehrheit der Deutschen des Jahres 1940 mag diese Behauptung Frenssens vermutlich der wahrgenommenen Realität entsprochen haben: Dass Hitler lediglich die Bestimmungen des Versailler Vertrages rückgängig machen, dem Deutschen Reich wieder seinen Platz in Europa verschaffen und dabei alle mit deutscher Bevölkerungsmehrheit besiedelten Gebiete „Heim ins Reich" holen wollte, waren Forderungen, die breite Akzeptanz in der Bevölkerung jenseits der politischen Couleur besaßen. Wer Hitlers „Mein Kampf" (1925) tatsächlich gelesen hatte, konnte dagegen erkennen, dass die immer radikaleren judenfeindlichen Maßnahmen im Inland als erster Schritt einer „Germanisierung" Europas in einem Völkermord-Krieg gegen Juden und „Untermenschen" gedacht wurden:

„Seit Jahrhunderten zehrte Rußland von (dem) germanischen Kern seiner oberen leitenden Schichten. Er kann heute als fast restlos ausgerottet und ausgelöscht angesehen werden. An seine Stelle ist der Jude getreten. [...] Das Riesenreich im Osten ist reif zum Zusammenbruch. Und das Ende der Judenherrschaft in Rußland wird auch das Ende Rußlands als Staat sein." (Hitler, „Mein Kampf", Zweiter Band, Seite ?)
Ob Frenssen diese Zeilen kannte oder nicht, also entweder bewusst log oder sich selbst und andere täuschte, bleibt unerheblich. In seinen Schriften nach 1933 hatte er sich willig der nationalsozialistischen Propaganda verschrieben und leistete dieser je nach aktuellem Stand der Lüge bereitwillig Dienste:
Wenn er die Annexion Böhmens und Mährens als „freiwilligen Akt" seitens der Tschechen (und Slowaken) darstellte (siehe Teil 1), log er zusammen mit der nationalsozialistischen Propaganda über die Unterdrückung eines anderes Volkes, obwohl gerade dies die Falschheit der Behauptung, dass es Hitler nur um die Heimholung der Deutschen ginge, deutlich machte.
In der „Lebenskunde" von 1942 schwenkt er dann schließlich in den Realität gewordenen Wahn ein: Dass die Deutschen nicht nur durch verbesserte Organisation und Steigerung der Landwirtschaft in ihrem „Raum" in Europa leben würden, sondern auch „ein Tag kommen könne" (und damals schon gekommen war), an dem sie auch neuen Raum erobern würden, verkündete Frenssen nun wie selbstverständlich.

„Und nun will ich also von diesem Hitlertum sprechen: [...] Wer findet das Wort? [...] [Das Wort,] Das Deutschland endlich, endlich einig machte, zu einem Wesen zusammenballte! Und damit wieder stark und ehrlich machte! Wer... wer findet das Wort? Seht, ihr Menschen, es ist nicht leicht, es verständlich zu machen: da ist ein Mensch... da steht Gott selbst... vor dem Schmelzofen seiner Schöpfung: es glüht und sprüht und funkelt... ein Chaos! Da sagt er ein Wort, ein einziges Wort; und sieh, es fließt zusammen. [...] Wer fand das Wort? [...] Er [= Hitler] fand das Wort [...] ein einfacher deutscher Soldat. [...] Er suchte für das Wort, das Wunderwort, das in ihm war, eine Fassung und fand sie. Es ist nicht die rechte Fassung. Die rechte ist allein sein Name. Denn er selbst, in seinem Wesen... und auch in dem Weg seines Lebens bis dahin..., daß er ein Arbeiter der Faust war zuerst, danach einsamer und mühsamer Bildner seiner selbst, danach Soldat unter den andern Millionen: er selbst war das Wort. Aber er gab ihm einen anderen Namen. Er nannte es nationalsozialistisch. Sein Bruder in Italien [= Mussolini][...] nannte sein Wort und Werk: faschistisch. [...]
Der Hitlerismus, das Hitlertum, eine Sache von gestern? Wohl tausend Jahr lang suchte das deutsche Volk seines Wesens Sinn und Art... Es fand sie" (S. 34f.)
An diesem Abschnitt wird die ganze fanatische Übertreibung von Frenssens Hitlerverehrung deutlich, die religiöse Züge im Stil des Johannesevangeliums trägt („Am Anfang war das Wort. Und das Wort war bei Gott. Und Gott war das Wort."). Hitler wird als göttlicher Retter und Einiger der deutschen Nation dargestellt. In der idealisierenden Form einer nationalsozialistischen „Heilsgeschichte" wird seine Biographie und sein Aufstieg als von der Vorsehung bereitete und vorbestimmte Entwicklung dargestellt. Die Person Hitler ist nur die menschliche „Hülle" durch die ein seit „tausend Jahren" suchendes Volk sein „germanisches Wesen" verwirkliche.

„Und so hat der Nationalsozialismus eine völlige Erneuerung, ja eine Neuschaffung, und damit eine gewaltige Gesundung und Kräftigung unseres Volkes gebracht. [...] Oder haben unsere Feinde eine Hoffnung auf eine Revolution? Auf eine Trennung vom Führer? [...] Man macht keine Revolution gegen sein eigenes Wesen, gegen das eigene Herz" (S. 55, 57).
Fazit:
Die totalen Besessenheit vom "Führer" und der damit verbundene Kult einer geschichtstheologischen Erlösungshoffnung durch den Nationalsozialismus, der göttlich sanktioniert ist, finden hier einen kaum zu überbietenden Ausdruck. Dass die Propagandaschrift „Recht oder Unrecht" (wie auch „Der Glaube der Nordmark" (1936)) heute nicht nur als antiquarisches Exemplar noch verhältnismäßig häufig frei zum Verkauf angeboten wird und sogar Faksimiles der Broschüre von neonazistischen Internetshops angeboten werden, zwingt zu der bitteren Erkenntnis, dass es offensichtlich Frenssens „Alterswerk" ist das ihn am längsten zu überleben scheint. 

G. Frenssen - „Recht oder Unrecht“ (1940) [Teil 1]

Diese Schrift Frenssens stellt eine nationalsozialistische Geschichtstheologie dar. Frenssen will zeigen, daß der Nationalsozialismus und der „Hitlerismus“ die göttlich-legitimierte und vollendete Form der Regierung und Führung des deutschen Volkes darstelle. Die Niederlage im 1. Weltkrieg (1918) und den Versailler Vertrag (1919) seien der „jüdische" Versuch einer Demütigung und Unterjochung Deutschlands gewesen, der durch den „göttlichen“ Eingriff Hitlers entgegen getreten worden sei. Die Verfolgung der Juden und die Zerstörung der Demokratie und der Grundrechte seit 1933, die Besetzung der Tschechoslowakei (sog. „Protektorat Böhmen und Mähren“) und den deutschen Überfall auf Polen rechtfertigt Frenssen mit Propagandalügen als Form der Selbstverteidigung. Hitler wird von dem ehemaligen Pastor als „Erlöser“ ähnlich der Art der Theologie des Johannesevangeliums beschrieben und bedingungslos verehrt.


Kommentierte Auszüge:
„Die Juden sind vor etwa hundert Jahren als Vollbürger in unser Volk aufgenommen worden. Obgleich dies geschehen war, hielten sie sich aber weiterhin, wie überall, in allen Völkern, für sich gesondert. [...] Sie waren also nicht Deutsche, wollten es auch nicht sein; sonst hätten sie sich mit uns Deutschen vermischt. Nein, sie waren und blieben ein fremdes, kleines Volkstum in unserem großen Volk, und wollten es sein.“
Erst 1871 war den Juden in Deutschland, nach Jahrhunderten der Verfolgung und Rechtsbeschränkung durch einen fast zwei Jahrtausende alten christliche Antijudaismus die vollständige bürgerliche Gleichstellung gewährt worden, von Anfang an vom Widerstand der konservativen Eliten begleitet. 
Von Neonazis gern kopiert: Frenssens
nationalsozialistische Propagandaschrift
von 1940 (G. Grote Verlag Berlin).
Frenssen macht die Juden für das Scheitern einer Agenda verantwortlich, die von Anfang an nicht ehrlich gemeint war: Wie Martin Luther, der erwartete, daß mit der Reformation der Kirche die Bekehrung der Juden zum Christentum erfolgen würde und - als dies nicht eintrat mit der Schrift „Von den Juden und ihre Lügen“ (1543) ihre erbarmungslose Verfolgung und Vertreibung forderte, zeigt auch Frenssen zunächst jene unehrliche Haltung der Emanzipationsbestrebungen im Deutschland des 19. Jahrhunderts, daß ein Jude, dem man alle Rechte verleihe, dann nicht mehr Jude/jüdischen Glaubens sein dürfe, sondern „Verschwinden“ (im Volk aufgehen) müsse. 
In einer Zeit, in der auch Heiraten zwischen den christlichen Konfessionen eine seltene Ausnahme bildeten, macht Frenssen den Juden zum Vorwurf sich nicht „vermischt“ zu haben. Daß die innerjüdischen Bestrebung nach „Akkulturation“ oder „Assimilation“ an die deutsche Kultur - Judentum nicht als Nations- oder Volkszugehörigkeit, sondern als Konfession/Glaube, mit der Einführung deutschsprachiger Gebet- und Gesangbüchern und Orgeln (!) in den Synagogen (siehe: Israel Jacobson) - kaum in einem anderen Land größer war als in Deutschland; daß 100.000 jüdische Männer im 1. Weltkrieg auf deutscher Seite kämpften (80.000 Frontsoldaten, 35.000 ausgezeichnet, 12.000 Gefallene), erwähnt Frenssen natürlich nicht.
Er zeichnet das nationalsozialistische Zerrbild von den dem „germanischen Wesen“ feindlichen und gänzlich fremden Juden, das dem moderne Antisemistismus entnommen ist: Den von Wilhelm Marr 1879 geprägten Begriff kennzeichnet die auf der „Rassentheorie" basierende Vorstellung, daß Judentum und „Germanentum" zwei entgegengesetzte Kräfte der Geschichte seien. Eine „Vermischung" sei daher unmöglich und wäre- so der Titel von Marrs Schrift  - „Der Sieg des Judenthums über das Germanenthum".      
In diesem Fahrwasser bewegt sich auch Frenssen: Die scheinbare Großzügigkeit Deutschland, die von den Juden, aufgrund ihrer Fremdheit ausgeschlagen wurde, dient Frenssen als Rechtfertigung ihrer Verurteilung. Denn eben jene Juden, denen wohlgemerkt nur vorgeblich noch die Vermischung mit den Deutschen angeboten wurde, sind nun die „gänzlichen Fremden".
Daß, was jüdische Mitbürger in ihrem Aufstieg in die bürgerliche Gesellschaft des Kaiserreiches und der Weimarer Republik erreichten, galt ihm - und den Antisemiten - als Angriff eines fremden Volkes von innen:
„Aber dann! Als unser Volk 1918 ausgeblutet, und darauf von seinen Gegnern geschändet [...] verzweifelt war [...] da, ja da geschah etwas Ungeheuerliches. Da griff das kleine, fremde jüdische Volk, verlockt von der wunderbaren Gelegenheit, in wilder, in unsagbarer Taktlosigkeit, in gewordener Gier nach der Herrschaft über das deutsche Volk. [...] Im Staatswesen und der Politik: sie bestimmten den Weg. [...] Schrecklich war der Zusammenbruch [1918]! Schrecklicher der Friede von Versailles, dieser untermenschliche Mordversuch perverser Idioten an einem Edlen Volk! Aber dies, was danach kam, dieser Versuch, und - wie es schien - glückende Versuch des kleinen fremden jüdischen Volkes in unserm großen deutsche Volk [...] das war das Tollste. […] Ich sage: da war kein Geldstück in unserm Land, kein Beschluß in Politik und Verwaltung, kein Hörsaal, keine Volksschulklasse, auf denen nicht die Hand der Juden lag.“ (S. 6ff.)
Der Niederlage des 1. Weltkrieges, selbst der harte Frieden von Versailles seien - so Frenssen - weniger schlimm als der innere Angriff der Juden gewesen. Frenssen identifiziert die Weimarer Republik als „Judenrepublik“. Es ist die klassische irrationale Paranoia und Verschwörungslogik moderner Antisemiten, daß sie den Geschichtsverlauf vor dem Hintergrund eines vermeintlichen Welteroberungsprogramm der Juden deuten („Protokolle der Weisen von Zion“). Frenssens so geäußerter fanatischer Judenhass entspricht dabei der irrationalen Größe seiner Behauptung von der totalen Herrschaft der Juden über Geld, Politik und Bildung. 
„Das deutsche Volk erholte sich vom Mordanschlag von Versailles. Es erholte sich so weit, daß es auf seinen Knien liegen konnte. Dann kam ein Mann [= Adolf Hitler] und machte es wach. Noch halb betäubt, erhob es sich von den Knien und stand wieder auf seinen Füßen. Es sah sich um. Was sah es? Was war das erste, das es sah? Daß dies fremde kleine Volk sein Herr war, sein Herr in allem. Und es verhöhnte. Was geschah?... Was geschah? Ja, was konnte geschehn, als daß dies deutsche Volk rasend wurde? Über solche unsagbare Schmach! Von denen ihm angetan, die es hundert Jahre lang freundlich unter sich geduldet hatte? Es wurde rasend. Es jagte die Meisten weg. Es jagte sie aus dem Land. Es säuberte den Boden seiner uralten Heimat. [...] Gerecht oder nicht... es ist vielleicht nicht menschliche, es ist wohl göttliche Gerechtigkeit!“ (S. 8-10).
So extrem wie Frenssen sich in seinen Lügen über die vermeintliche „Judenherrschaft“ ausläßt, dienen sie ihm als Rechtfertigung der nationalsozialistischen Unterdrückung und Verbrechen, die sich schon in den Jahren 1933 bis 1939 abspielten, darunter Berufverbot, KZ-Haft, Folterungen und Ermordungen, Zerstörung jüdischer Geschäfte und Enteignungen und die Zerstörung der meisten Synagogen in Deutschland in der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November 1938, in der mindestens 400 jüdische Mitbürger getötet oder in den Selbstmord getrieben und 25.000 Juden in KZs inhaftiert wurden. 

In den weiteren Kapiteln verteidigt Frenssen die außenpolitischen Ambitionen Hitlerdeutschlands, die er sich bemüht als Sammlung des deutschen Volkes und gerechte Selbstverteidigung vor allem gegenüber dem britischen Imperialismus darzustellen. Dabei muß er auch die Besetzung der „Rest-Tschechei“ rechtfertigen:
 „Bald danach, als eine Folge dieser Heimkehr [des Sudentenlandes ins Reich] bot sich ein kleiner fremder Volkssplitter , Böhmen-Mähren, freiwillig uns an. Jawohl „freiwillig“! Denn er hatte schon tausend Jahre lang, mehr oder weniger enge, zu uns gehört. Und er war zu klein, um selbständig leben zu können. Er mußte auch fürchten, alleinstehend, von einem der Nachbarn vergewaltigt zu werden. Er schloß sich uns an, weil er ringsum von unserem Gebiet umgeben war.“ (S. 11)
Für Frenssen ist das tschechische Volk nur ein „Splitter“, der deshalb kein Recht habe, das Selbstbestimmungsrecht der Völker, das Hitler als Argument für die Besetzung des Rheinlands, dem Anschluß Österreichs und der Annektion des Sudentenlandes in Anspruch genommen hatte, für sich anzuwenden. „Freiwillig“ habe es sich angeschlossen. Frenssen macht so den „Vergewaltiger“ (Deutschland) zum vermeintlichen „Beschützer“.
Sind die Tschechen zumindest noch ein halbes Volk, so urteilte Frenssen über Polen, das nach dem 1. Weltkrieg Gebiete in Westpreußen, Posen und Oberschlesien zugesprochen bekommen hatte noch deutlicher:
 „Niemals, zu keiner Zeit, war es länger als fünfzig Jahre konsolidiert, ein Volk aus eigener Kraft. Und immer, zu jeder Zeit seiner Vergangenheit, hatte es schlecht um seine Kultur gestanden. […] Der Vertrag von Versailles stellte diese staatliche Unfähigkeit, diesen Nichtstaat wieder her. […] Hochkultiviertes deutsches Volk wurde der  „polnischen Wirtschaft" überantwortet, die in ganz Mitteleuropa sprichwörtlich bekannt ist, der Unordnung, dem Schmutz, der Armut. Ja, und wurde gequält! Es wurde von diesem Nichtstaat, dieser Unkultur gequält! […] So mußte es [= Deutschland] diesem Zustand der Quälerei seines Blutes, dieser seiner Schande ein Ende machen... Es hat ein Ende gemacht." (S. 12f.)
Der deutsche Überfall auf Polen am 1. September 1939 markiert den Beginn des 2. Weltkrieges. Frenssen argumentiert nicht allein mit dem Selbstbestimmungsrecht der Deutschen, sondern bewußt und aggressiv mit der „Unkultur“ Polens, das weder je ein Volk, noch einen Staat gebildet habe. Das „Ur-Recht alles Volkswesens“, das für die Deutschen gilt, gilt für die Polen nicht. Frenssen stimmt damit in die rassistische Völker-Hierarchie der Nationalsozialisten ein.  

Fazit:
Frenssen rechtfertigt ausnahmslos die seit 1933 stattfindende Judenverfolgung, die Annexion der Tschechoslowakei und den deutschen Überfall auf Polen. Die antisemitischen und rassistischen Lügen (über Juden, Tschechen und Polen) seien untrennbare Bestandteile der nationalen Wiederherstellung des Deutschen Reiches. Er steht damit ganz auf der Linie nationalsozialistischer Politik, die die Vertreibung (und spätere Ermordung) der Juden und die Vorherrschaft der Deutschen über die europäischen Völker als Ziele ihrer „Bewegung“ definierte.